Kataloge

Masken. Metamorphosen des Gesichts von Rodin bis Picasso: Katalog zur Ausstellung, die noch bis zum 7. Juni in Darmstadt zu sehen ist.

Maske ist Macht. Nicht nur die weibliche, wie die der Gorgo Medusa, die bekanntlich, lang ist’s her, mit ihrem Bannblick jeden versteinerte, der ihr in die Augen sah. Ab einem gewissen Reifestadium verkörpert die Maske die Möglichkeit, all das zurückzunehmen, was ein Mensch im Lauf der Identitätsbildung mühsam errungen hat: seine Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, Verantwortlichkeit.

Masken. Katalogcover@Hatje Cantz
Masken. Katalogcover@Hatje Cantz

Was für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung gilt, gilt mutatis mutandis auch für den Gang der westlichen Kunstgeschichte. Hatte das 18. Jahrhundert als erneute Aufklärungsbewegung dem Individualismus vehement Vorschub geleistet, so trat mit der Industrialisierung und der modernen Massengesellschaft die Krise der freien Persönlichkeit ins Blickfeld auch der künstlerischen Selbstreflexion. Insofern ist es folgerichtig, dass sich die Ausstellung „Masken- Metamorphosen des Gesichts“ auf einen engeren zeitlichen Ausschnitt beschränkt, nämlich auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert. Wie der Untertitel verkündet, geht es um die „Metamorphosen des Gesichts von Rodin bis Picasso“. Seit dem 8. März ist nun auf der Mathildenhöhe in Darmstadt zu sehen, was zuvor im Pariser Musée d’Orsay, dem umgebauten Jahrhundertwendebahnhof, gezeigt wurde und hernach in der Glyptothek von Kopenhagen ausgestellt wird.

Natürlich wäre es ein schier endloses Unterfangen gewesen, dem Phänomen der Maske in all seinen vielschichtigen Bezügen, als Gegenstand der Ethnologie, des folkloristischen Brauchtums, als Objekt von Ritus und Mythos, als Instrument des Theaters, als Maskeron und architektonisches Bauelement gerecht werden zu wollen. Und dennoch ist die Ausstellung so konzipiert, dass man dem Spiel von Verwandlung und Verhüllung in anregend vielseitiger Form begegnet.
Auch der Katalogband ist sorgfältig gemacht und in erster Linie von den leitenden französischen Museumskustoden geschrieben. Nahezu zwanzig Beiträge gliedern sich fast rhythmisch, zwischen die (in aller Regel kurzen) wissenschaftlichen Beiträge sind immer wieder exemplarische Bildbetrachtungen eingeschaltet.

Dass im 19. Jahrhundert das Thema der Maske eine erneute Aufmerksamkeit genießt, hat sicher mit einer brüchig gewordenen Identität zu tun. Aber nicht nur; auch der Hang zum Fragmentarischen und die Ausdruckssteigerung durch Reduktion werden zur Herausforderung, das Einbrechen so genannter „primitiver“ Kunst durch den Kolonialismus reißt den engen westeuropäischen Horizont auf.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist zunächst die Antike ein Anknüpfungspunkt. Dann auch Toten- oder Lebensmasken aus Gips, die man sammelte, weil das „letzte Antlitz“, mit den entspannten, geheimnisvoll verfremdeten Zügen etwas vom Mysterium des Todes preiszugeben versprach. Oder weil sich auf diese Weise, ganz profan, die Geistesheroen ins Wohnzimmer holen ließen, so wurde vor allem Beethovens Maske über dem Klavier zum markanten Requisit bildungsbürgerlicher Wohnkultur.
Gleichzeitig dienten Masken aber auch schlicht als realistischer Ausgangspunkt für Portraits und Büsten, weshalb sie, wie in dem berühmten Menzel-Gemälde aus der Hamburger Kunsthalle zu sehen, ganze Atelierwände füllten.
Formal ist eine Maske die Reduzierung von Büste und Porträt auf das Eigentliche oder aber auf das Glatte, Geometrische, larvenhaft leere, eingefrorene Antlitz, das schon Babys in der Wiege in den Horror der Bindungslosigkeit zurückstößt (wofür der Psychiater René A. Spitz den Terminus des „Spiegelstadiums“ prägte).
Masken können ein gesteigerter Ausdruck von Individualität sein, das Besondere in erschreckender, ja magisch bannender Weise zum Ausdruck bringen. Gerade im kritischen Zeitraum des Fin de siècle treten die unterschiedlichen Funktionen geschärft hervor. Zeitgleich mit der wissenschaftlichen Entdeckung des Unbewussten entsteht der Wunsch, ausschweifende Fantasien ästhetisierend zu verbergen oder das verstörende Fremde in Dekoration zu verwandeln.