Buchrezensionen, Rezensionen

Matthias Barth: Kaiserliches Berlin. Architektur zwischen 1871 und 1918, Bergstadtverlag 2012

Der sachliche Titel »Kaiserliches Berlin« und noch mehr sein Untertitel deuten auf eine handbuchartige Auflistung von wilhelminischen Baudenkmälern in Berlin hin, aber das Buch des Fotografen und Autors Matthias Barth ist viel mehr, nämlich die furiose Verteidigung einer oft bespöttelten Epoche und damit ein Angriff auf das moderne Bauen seit 1918. Stefan Diebitz hat das anregende und interessante Buch für PKG gelesen.

Eine S-Bahn-Station wie ein Landhaus, ein Wasserwerk mit gotischen Stilelementen, eine Renaissancetreppe in einem Rathaus des 20. Jahrhunderts: seit langem wird es grundsätzlich abgelehnt, in dieser Weise auf Muster der Vergangenheit zurückzugreifen und sich längst vergangener Stile zu bedienen. Auch deshalb ist es nicht mehr en vogue, die in allerlei Neo-Stilen protzenden kaiserzeitlichen Gebäude schön zu finden. Und die Funktionen eines Gebäudes zu verbergen, gilt vollends als geschmacklos. So etwas wie das »Borsigtor« in Tegel – der Eingang in ein Industriegelände im Stil eines brandenburgischen Stadttores – verstößt gegen sämtliche Grundsätze, insbesondere des Bauhauses mit seiner strengen Sachlichkeit. Seit Adolf Loos sind Ornamente streng verpönt, und wo fänden sich mehr Schmuckelemente als auf der Fassade eines wilhelminischen Gebäudes?

»Wilhelminisch« ist seit langem ein Synonym für geschmacklos, überladen oder eklektizistisch, aber nach der Lektüre dieses schönen Bandes wird manch Leser die Epoche vielleicht anders sehen. Barths Verteidigung des Wilhelminismus ist ebenso entschieden wie kompetent und wird von einer Fülle von teils wunderschönen Fotos unterstützt – so überzeugend, dass man nach der Lektüre gleich nach Berlin reisen und sich die besprochenen Rathäuser, S-Bahn-Stationen oder Villen selbst anschauen möchte.

Das Buch ist nach Bauaufgaben gegliedert, in den einzelnen Kapiteln aber werden die Bauwerke chronologisch aufgereiht. Ganz am Anfang steht der Reichstag als das zweifellos prominenteste Gebäude dieser Epoche, dann folgen noch insgesamt zwölf Kapitel, in denen das gesamte Spektrum des öffentlichen und privaten Bauens einschließlich Industriebauten abgehandelt wird. Ein besonders umfangreiches Kapitel behandelt eine Auswahl der unzähligen, gelegentlich geradezu schlossartigen und sehr oft wunderbaren Villen. Den Band beschließen eine Adressenliste, eine Literaturauswahl und ein Register. Sogar die Internetadressen vieler Orte werden angegeben: ein erstaunlicher Service.

Barth hat für diesen Band wie für seine vorigen Bücher sehr sachlich fotografiert, unter Verzicht auf alle Effekte und meist mit Blick auf das ganze Ensemble. In aller Regel erlaubte er sich nicht einmal einen Rahmen aus Ästen oder besonders spektakuläre Beleuchtungen, sondern fast alle Gebäude wurden in vollem Sonnenschein aus einer Entfernung aufgenommen, die sie in ihrer Gesamtheit darstellt. Ähnlich sachlich ist der Text, der gelegentlich handbuchartigen Charakter besitzt und in seiner Genauigkeit auch höheren Ansprüchen genügt.

Fortsetzung von Seite 1

Barth argumentiert mit Verve gegen die Vorurteile an, mit denen eine ganze Epoche auf den Müllhaufen der Baugeschichte geworfen werden soll. Gleich im Vorwort seines Buches legt er Wert darauf, dass der Vorwurf des Eklektizismus und Historismus kein Argument sein kann, einen Stil oder eine ganze Epoche zurückzuweisen. Denn hat nicht zuvor jede Architektengeneration auf Muster der Vergangenheit zurückgegriffen? Haben etwa Heroen der Architekturgeschichte wie Palladio oder Schinkel nur aus Eigenem geschöpft? Allerdings gesteht Barth schon ein, dass gelegentlich allzu viele Stile und Epochen gemischt werden, und moniert entsprechend die »bisweilen willkürliche Kombination gestalterischer Elemente«.

Aber er weist nicht allein Vorwürfe zurück, sondern nennt auch einen wesentlichen Vorteil, den die Architekten des Wilhelminismus späteren Baumeistern voraus haben: »Sie waren die letzte Architektengeneration, die mit dem Formenkanon des alten Europas arbeitete und dessen Gestaltungsprinzipien und Schmuckformen perfekt beherrschte«. Selbst »schablonenhaft anmutende Fassaden«, schreibt Barth, »offenbaren eine über viele Generationen tradierte Kenntnis von Harmonie und Proportion«. Das ist wohl wahr, wie ein Blick auf unzählige ebenso harmonische wie interessante Fassaden beweist – um das zu überprüfen, braucht man gar nicht erst nach Berlin zu fahren, sondern den meisten Lesern dürfte es möglich sein, Barths Ansichten in ihrer unmittelbaren Umgebung bestätigt zu bekommen. Besonders die Fenster rhythmisieren die wilhelminischen Fassaden und geben ihnen in einer Weise Struktur, die heute kein Architekt mehr zu beherrschen scheint – ganz gleich, ob es sich um ein Einfamilienhaus oder um ein mächtiges Gebäude handelt.

Zwei Aspekte spricht der Autor nicht an. Einmal spielte die Vertikale eine viel größere Rolle als heutzutage, denn es wurden immer wieder die Hauptteile größerer Gebäudekomplexe durch Türme, Dachreiter und ähnliches hervorgehoben, so dass es nicht allein eine Gliederung gab (und manchmal auch heute noch gibt), die in die Breite geht. Sondern es geht auch nach oben – vielleicht schon als Ausdruck einer aristokratischen Gesellschaft. Besonders auffällig ist das bei den zahlreichen, gelegentlich burgenartigen Rathäusern – die Türme der Rathäuser von Spandau, Schöneberg oder Neukölln, Charlottenburg, Wannsee oder Lichtenberg bilden nur eine kleine Auswahl. Bei Rathäusern unserer Zeit dominiert dagegen das Flachdach, unabhängig von der Gesamthöhe des Hauses. Auch die teils wunderbaren, gelegentlich unfassbar großzügigen Treppenhäuser wollen hier erwähnt werden.

Das andere von Barth nicht angesprochene Element ist die außerordentliche handwerkliche Qualität vieler wilhelminischer Gebäude, die auch nach hundert Jahren oft wie neu aussehen, ganz anders als Häuser aus den fünfziger oder sechziger Jahren, die einerseits gestalterisch viel altbackener wirken, andererseits bei weitem nicht so kunstvoll und so solide gemauert sind. Ließe sich noch so bauen wie zu Kaisers Zeiten? Wahrscheinlich gäbe es große Probleme, Handwerker zu finden, welche die anspruchsvollen Schmuckelemente der Zeit mauern könnten.

Barths Buch ist, wie er selbst schreibt, ein »bunt bebildertes Plädoyer« für eine vielgeschmähte Epoche, und es ist ein sehr überzeugendes Plädoyer, das zu lesen oder auch nur zu durchblättern allergrößte Freude macht. Nicht zuletzt ist es auch eine Anregung für die nächste Fahrt nach Berlin; ich jedenfalls werde mir zusammen mit diesem Buch eine Liste von sehenswerten Straßenzügen, gelegentlich geradezu sagenhaften Treppenhäusern oder palastartigen Villen zusammenstellen und mich hoffentlich bald auf den Weg nach Berlin machen. Was dem Besucher frei zugänglich ist, kann ich ja aus dem Buch erfahren.

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