Buchrezensionen

Matthias Barth: Romanik und Gotik in Brandenburg und Berlin. Architektur und Baudekor des Mittelalters. Bergstadtverlag W.G. Korn Würzburg 2009

Matthias Barth räumt mit dem bekannten Vorurteil auf, dass Romanik und Gotik in Brandenburg gleichbedeutend sind mit kargen Backsteinbauten.

Es ist nicht das erste Buch über Romanik und Gotik in Brandenburg, das Matthias Barth herausbringt, aber es wäre dennoch verkehrt, nur von einer zweiten Auflage zu sprechen, denn »Romanik und Gotik in der Mark Brandenburg und Berlin«, das bereits 1994 bei Seemann erschien, ist mit 74 Seiten wesentlich schmaler, und dazu kommt die deutlich zum Positiven veränderte Situation der Baudenkmäler jener Region. In fünfzehn Jahren hat sich viel getan. Viele Bilder und Texte hat der Autor dennoch wiederverwenden können, aber der Umfang des Buches ist heute ein ganz anderer, und auch die Qualität der Abbildungen ist besser, weil die Wiedergabe großzügiger ist.

Unter Brandenburg versteht der Autor die Kulturlandschaft, nicht allein das heutige Bundesland, weshalb er einige linkselbische Städte aus der Altmark dazunimmt (Stendal, Tangermünde, heute beide auf dem Boden von Sachsen-Anhalt) und dazu im Osten vier polnische Städte aus der Neumark.

Romanik und Gotik in Brandenburg bedeutet: Backstein. Barth zeigt nun, dass die so oft angesprochene Kargheit der brandenburgischen Architektur gewollt, also keinesfalls einfach auf den Stein zurückzuführen ist, und auch nicht von Anfang an dominierte. Zu beobachten sind in der Mark Brandenburg Einflüsse sowohl aus dem Norden, sprich: Ostseeküste, wie aus dem südlich gelegenen Hausteingebiet. Wie zahlreiche Beispiele zeigen, war es durchaus möglich, mit Formziegeln höchst anspruchsvolle Maßwerk-Ornamentik auf den Schmuckgiebeln zu schaffen, bei denen sich zwischen den gemauerten Ornamenten die für diese Landschaft so typischen weißen Putzflächen befinden. Die später erfolgte Reduktion und Vereinfachung der Formen war also gewollt:

„Wie überall im norddeutschen Backsteingebiet gab es auch in der Mark Brandenburg frühzeitig einen Antagonismus zwischen dieser puristischen und einer eher dekorativen Strömung. Infolgedessen gibt es auch nur wenige Gebäude, bei denen man den oben skizzierten Reduktionismus in ‚reiner Form’ antrifft. Selbst ein vergleichsweise schmuckloser Bau wie die Brandenburger Gotthardkirche überrascht in seiner Südportalsfassung mit einer filigranen Maßwerkgestaltung, die mit seiner sonstigen Sprödigkeit kontrastiert.“
 
Das Buch ist historisch gegliedert. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit „Romanik und Frühgotik“, das umfangreichste stellt „Die Einführung des hochgotischen Stils“ vor und zum Schluss gibt es sogar noch einige wenige Beispiele für „Neuromanik und Neugotik“. Jedes Kapitel beginnt mit einer hochkonzentrierten Einführung, zu denen immer die Grundrisse der bedeutendsten Kirchen, manchmal auch die von Rathäusern oder Klöstern vorgestellt werden. Diese Einführungen behandeln die politische Geschichte nur am Rande und konzentrieren sich stattdessen ganz auf bau- und kunsthistorische Aspekte.

Innerhalb der Kapitel stellen kurze Abschnitte in alphabetischer Ordnung die verschiedenen Orte vor. Diese Texte sind sehr sachlich, nämlich rein beschreibend und dabei sehr präzise. Es kommt häufiger vor, dass ein Ort in verschiedenen Kapiteln vertreten ist: die historische Ordnung geht voran. Einem breiteren Publikum bekannt dürften keineswegs alle Bauten sein. Selbstverständlich kennt man das Kloster Chorin, aber wer weiß schon, dass die mittelalterlichen Befestigungsanlagen Gransees bis heute erhalten geblieben sind? Wer kennt die wunderbaren Gewölbemalereien in St. Marien, Herzberg? (Wer kann das brandenburgische Herzberg auf der Karte finden?) – Mit anderen Worten: Es gibt viel zu entdecken und dieses Buch hilft dabei.

Das Schwergewicht der Darstellung liegt bei den großen Stadtkirchen und den Klöstern, während die Masse der oft noch romanischen Dorfkirchen stellvertretend in wenigen Ausnahmen angesprochen wird. Neben den Rathäusern zeigt Barth noch Stadttore (einige sind ganz berühmt, wie die aus Tangermünde oder Jüterbog) und manchmal Stadtbefestigungen wie jene von Dosse, Beeskow oder dem heute polnischen Chojna (Königsberg); Bürgerhäuser dagegen finden sich überhaupt nicht – die brandenburgischen Städte waren einfach nicht reich genug, um Häuser zu bauen, die man jenen aus Lübeck, Stralsund oder Wismar hätte an die Seite stellen können.

Wie man das auch beim Text feststellen muss, so zeichnen sich die Fotografien durch eine große Sachlichkeit aus – meist wird die Gesamtanlage oder wenigstens ein großer Ausschnitt gezeigt, nicht das Detail, und so dominiert das Weitwinkel-, nicht das Teleobjektiv. Gelegentlich werden Kapitelle oder Auschnitte des Maßwerks größer dargestellt. Keine Affekthascherei, sondern eine höchst informative Art des Fotografierens, die dem Leser einen realistischen Eindruck der Bauten verschafft. Besonders bei den Fotografien der Gewölbe wird man das zu kleine Format bedauern, aber bei diesem Preis kann man kein Großformat erwarten.

Der Band des Jahres 1994 enthielt noch ein Glossar, das in diesem Band aus unverständlichen Gründen fehlt. Ein Ortsregister aber findet sich.

Insgesamt ein höchst lesenswerter, zu einer Reise durch Brandenburg anregender Band.

Weitere Informationen

Von Matthias Barth ebenfalls im Bergstadtverlag erschienen:
Herrenhäuser und Landsitze in Brandenburg und Berlin: Von der Renaissance bis zum Jugendstil (2008).