Buchrezensionen, Rezensionen

Matthias Krüger/Isabella Woldt (Hgg.): Im Dienst der Nation. Identitätsstiftungen und Identitätsbrüche in Werken der bildenden Kunst, Akademie-Verlag 2011

In diesem Band widmet sich der Akademie-Verlag dem Verhältnis von Kunst und Nation: Von der Frage, wie Kunst zur Formung nationaler Identitäten beigetragen hat bis hin zu ihrer Vereinnahmung und Instrumentalisierung für nationalistische Zwecke. Elena Korowin hat das Buch gelesen.

Sind Fragen nach dem Nationalismus in der Kunst relevant, seitdem die Globalisierung immer weiter voranschreitet und die Grenzen zwischen Völkern verschwimmen? In Zeiten, die globale Kunstentwicklungen und internationalen Pluralismus feiern, werfen die Autoren des vorliegenden Bandes einen Blick zurück in die Zeiten des nationalen Bewusstseins, bevor die Krisen des 20. Jahrhunderts ihn vielerorts erschütterten. Es geht zurück bis 1800, als die Idee der Nation zum ersten Mal in der Geschichte einen starken Einfluss auf alle gesellschaftlichen Strukturen ausüben sollte. Von diesem Zeitpunkt an wuchs die Bedeutung des Nationalen für die Kunst, besonders während der Entwicklung in der Moderne.

Mit ihrem Hang zum Gesamtkunstwerk und der Stilisierung des ganzen Lebens entwickelten diese Strömungen verschiedene Konzepte nationaler Merkmale. Wussten Sie, dass das Kristalline von Peter Behrens einmal den deutschen Geist und das deutsche Volk repräsentieren sollte? Überhaupt hatte das Ornament nach der Jahrhundertwende seine neue nationale Bedeutung erlangt, dabei wurden Stile aus verschiedenen Nationen miteinander in Verbindung gebracht. So war der Architekt Bruno Taut begeistert von der japanischen Ästhetik, genauso wie die deutschen Expressionisten, die einmal den deutschen Stil repräsentierten sollten. Ihre Holzstiche wurden als Beitrag zur neuen deutschen Kunst betrachtet. Der Fall der »Brücke« ist vor dieser Fragestellung ein besonders spannenender Gegenstand, denn gerade diese Künstler wurden in den späteren Jahrzehnten immer wieder für die Selbstbehauptung der deutschen Nation exploitiert. Sie waren verfemt und als »degeneriert« bezeichnet worden. Nach dem Krieg wurden sie wieder zu den Paradebeispielen des national expressionistischen Stils gezählt und dementsprechend repräsentiert.

Der Band beschäftigt sich überwiegend mit dem Begriff des Nationalen vor dem Zweiten Weltkrieg und stellt einen breitgefächerten und höchstinteressanten Überblick der Nationalismusforschung zusammen. Die Breite des Untersuchten reicht von Gebrauchsgegenständen, Architektur und Grafik bis hin zur Malerei. Dabei sind Ornamente, Farben, Kompositionen und abgebildete Ereignisse die Träger nationaler Ästhetik. Der Beitrag über den Limburger Dom als politische Projektionsfläche der Nationalsozialisten zeigt, dass es nicht notwendig ein neu geschaffener Stil sein musste, wie im Fall amerikanischer Kirchenbauten. Ein altes deutsches historisches Denkmal konnte dem neuen Nationalgefühl ebenfalls Aufschwung geben. Die Frage nach der Relevanz kann man eindeutig mit einem Ja beantworten. Viele interessante Betrachtungen von polnischer, litauischer, slowenischer und bulgarischer Kunst erinnern an die Mythen und Geschichten, die von der sozialistischen Macht verdrängt worden waren. In der Zeit der verwischten und verschwindenden Nationalitäten ist es wichtig, sich die Entwicklungen des Nationalen und seiner jeweiligen Bedeutung ins Gedächtnis zu rufen.