Buchrezensionen, Rezensionen

Matthias Weniger: Sittow, Morros, Juan de Flandes. Drei Maler aus dem Norden am Hof Isabellas von Kastilien, Verlag Ludwig 2011

Wer kennt Michel Sittow, Juan de Flandes oder Felipe Morros? Matthias Weniger bewegt sich mit einer dickleibigen Studie, in die insgesamt wohl zwei Jahrzehnte Forschung eingegangen sind, auf den Spuren dreier bedeutender und trotzdem nur wenig bekannter Maler im Madrid Isabellas der Katholischen. Sein Werk, das einen Meilenstein der Forschung darstellen dürfte, hat Stefan Diebitz für PKG gelesen.

»Ein Hauptanliegen des Autors ist es«, schreibt Matthias Weniger mit sympathischem Understatement zu Beginn seiner voluminösen Studie, »daß eine bessere Kenntnis der Werke zu einer besseren Bewahrung der Originale beitragen möge, nachdem in der Vergangenheit ihre Erforschung oft die entgegengesetzte Wirkung zeigte.« Der Rezensent darf seiner Besprechung vorausschicken, dass Wenigers Buch diesem Anspruch vollauf genügt – sein Opus magnum über die am spanischen Hof tätigen Maler Michel Sittow (1469 – 1525), den wahrscheinlich aus Nordfrankreich stammenden Felipe Morros, über dessen Leben und Werk vor dieser Studie nur wenig bekannt war, sowie den Niederländer Juan de Flandes (1465 – 1519) dürfte für lange Zeit den Stand der Forschung darstellen. Weniger selbst spricht von einem »außergewöhnlichen Aufwand und einer hypotrophen Textmenge«, denn bereits die Dissertation, die er 1996 eingereicht hatte und die den Ursprung dieser Arbeit darstellt, umfasste 2000 Textseiten. Und seitdem war er nicht faul, sondern setzte seine Forschungen unverdrossen fort. Dass der Text für die Publikation beträchtlich zusammengestrichen werden musste, versteht sich da von selbst.

Vereint waren Sittow, Morros und Juan de Flandes am Hof Isabellas der Katholischen, von der Weniger sagt, sie habe »die Geschicke ihres Landes stärker geprägt als jeder andere Herrscher der Neuzeit – weit bekanntere Nachfolger wie Kaiser Karl V. und Philipp II. durchaus eingeschlossen.« Das allerdings ist eine sehr neutrale Umschreibung ihres Wirkens. Denn unter Isabella wurde mit der Eroberung Granadas die Reconquista abgeschlossen und begann im Folgenden die Ausweisung der Juden und Mohammedaner, ein Vorgang, der nicht allein heimtückisch war, sondern ebenso wie die Einführung der Inquisition langfristig zu einer enormen Schwächung, ja Lähmung Spaniens führte. So war ihr Wirken wohl vor allem verhängnisvoll für das Land.

Im Auftrag der katholischen Königin arbeiteten die drei Künstler an einer Bilderfolge, die Geschichten aus dem Leben Christi, zweier Erzengel sowie der Apostel Johannes und Jacobus wiedergaben. Weniger gebraucht den Ausdruck »Bilderfolge« vor allem deshalb, weil Funktion wie genaue Zusammenstellung der Bildtafeln bzw. des Ensembles nicht bekannt sind. Die einzelnen Teile wurden nach dem Tod Isabellas 1504 buchstäblich in alle Himmelsrichtungen verkauft und verstreut.

Wenigers Absicht war es, Werkverzeichnisse für das Schaffen der drei Künstler zu erstellen, was auch recht umfangreiche Listen mit Aberkennungen und eine ins Detail gehende Auseinandersetzung mit der Forschung bedeutet. Technische Analysen der Bilder sind in die Argumentation ebenso eingeschlossen wie die Untersuchung der Bildtraditionen und Ikonografie, auf denen aber doch das Schwergewicht liegt. Auf seinen Arbeitsaufwand macht Weniger mit einigem Stolz aufmerksam: »Als erster Autor überhaupt hatte ich das Privileg, alle bekannten Tafeln des Christuszyklus, die auf weit über ein Dutzend Länder verstreuten Werke von Sittow, Juan des Flandes und Felipe Morros, eine Auswahl der an Juan de Flandes orientierten Schulwerke sowie die wichtigsten Fehlattributionen im Original studieren zu dürfen.«

Nur so konnte es gelingen, genauere Aussagen über die Herkunft und die künstlerischen Wurzeln der Künstler zu treffen, die durch eine Vielzahl von gelegentlich sehr subtilen Beobachtungen ergänzt werden. Juan de Flandes wird von Weniger mit Hans Memling in Verbindung gebracht. Typisch für seine Werke sind der häufige Einsatz grünblauer Akzente auch dort, wo er sachlich kaum gerechtfertigt werden kann. Blaue Töne finden sich sogar auf Mauerfugen, auf Holz oder auf Pelzen!

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Michel Sittow, in Talinn geboren, reiste von Estland wiederholt nach Spanien, besuchte aber auch andere europäische Länder – eine für diese Epoche außergewöhnliche Mobilität, als deren Folge sein Wirken sowohl in England als auch in Dänemark nachzuweisen ist. Von ihm glaubt der Autor, dass er wesentliche Anregungen von Hugo van der Goes empfangen habe. Das wohl bekannteste Bild Sittows ist das »Porträt des Don Diego de Guevara« von 1517. An seinem Werk macht der Autor »innere Widersprüche« geltend: »Eine harmonische Farbgebung, ein Ringen um einen ausgeglichenen Bildaufbau und der Verzicht auf Nebensächliches stehen der Spontaneität der Pinselführung, aber auch Unsicherheiten in der Proportionierung, bei der Wiedergabe von Bewegungsabläufen und bei der Anlage der Extremitäten gegenüber.«

Die Bilder eines dritten Malers, welche die Forschung zuvor meist Juan de Flandes zugeschrieben hat, identifiziert Weniger vor allem aufgrund seiner Stilanalysen. Anders als bei den Arbeiten des Niederländers, mit denen die Bilder des Felipe Morros sonst durchaus Gemeinsamkeiten aufweisen, findet er hier tiefe Horizonte und eine extreme Tiefe mit einer diese noch zusätzlich unterstützenden Luftperspektive, dazu eine lebhafte und typische Figurenzeichnung und insgesamt einen Hang für das Anekdotische – für Weniger ein Hinweis auf einen Zusammenhang des Künstlers mit der Buchmalerei. Auf den Namen kommt der Autor buchstäblich aufgrund der Aktenlage, und er wagt im folgenden das Kunststück, eine Biografie dieses Künstlers wenigstens in ihren groben Zügen wiederzugeben.

Wenn er Morros als den für die Illustrationen der Lübecker Bibel verantwortlichen Künstler identifiziert (für den, den die Forschung bislang als »Meister A« bezeichnete und von dem sie annahm, er stamme wie Morros aus dem nordfranzösischen Raum), dann trägt er mit – wie ich finde: berechtigtem – Stolz eine These vor, bei der es immerhin um einen bedeutenden Künstler geht, gilt die Lübecker Bibel doch als eines der am schönsten illustrierten Bücher des 15. Jahrhunderts. Aber diese Illustrationen schuf Morros um 1490, vor seiner Zeit in Madrid. Fünfzehn Jahre später, nach dem Tod der Königin, war Morros mit dem Schätzen ihrer Kunstwerke vor deren Verkauf beschäftigt, und eben in diesen Akten begegnete sein Name dem Forscher.

Ursprünglich hatte Weniger dieses Buch 1996 als Disssertation eingereicht, aber über die Jahre weiter geforscht, was nicht allein die übliche Tätigkeit des Kunsthistorikers, sondern auch die eines in ganz Europa die Archive durchforstenden Historikers mit einschließt. Aber das dickleibige Werk ist natürlich mehr als bloß das Zeugnis großen Fleißes und beträchtlicher Gelehrsamkeit, sondern durchaus ingeniös mit außerordentlich schönen Bildbeschreibungen. Leider ist es trotz des Farbtafelnteils von 16 Seiten nicht so großzügig illustriert, wie man sich das und wohl auch dem Autor wünschen würde.