Ausstellungsbesprechungen

Max Ernst. Surrealismus – À l’intérieur de la vue, Kunsthalle Göppingen noch bis 15. Februar

Mit einem großen »Bahnhof« macht fast ein Dutzend recht junger Künstlerinnen und Künstler dem Meister des surrealistischen Witzes seine Aufwartung. Es ist eine sehr eigenwillige, doch illustre Schar, darunter Neo Rauch und Sigmar Polke oder auch Yves Netzhammer, die eine ganze Bandbreite möglicher Anklänge an Max Ernst (1891–1976) bieten. Dazu gesellen sich Bea Emsbach, Terry Gilliam, Philippe Grammaticopoulos, Via Lewandowsky, Dirk Meinzer, Claudia und Julia Müller, Hana Song und Stacey Steers. Gedacht ist die Schau als Ausstellung in der Ausstellung, die eigentlich dem Werk, insbesondere dem grafischem Schaffen des (Wahl-)Kölner Surrealisten gewidmet ist.

Kaum ein zweiter Künstler hat es verstanden, so viel Witz an eine derartig phantastisch-humanistische Idee zu binden wie Max Ernst – der freilich weit entfernt ist, ein Spaßkünstler zu sein, denkt man an die Europa-Fantasmagorien angesichts des über den Kontinent hereinbrechenden Nationalsozialismus oder die in der Lop-Lop-Metapher sich entladenden Kindheitstraumata. Das wird deutlich an den Collage-Romanen »Une semaine de bonté« (1934) und »La femme 100 têtes« (1929), letztere erwähnte Dame entpuppt sich rein klangbildlich als hundertköpfig (»cent«) oder als kopflos (»sans«). Der geisteswissenschaftlich geschulte Künstler – er war in Bonn eingeschrieben für Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Altphilologie –, der als Autodidakt zur Kunst fand, schuf Bildromane, als das visualisierte Erzählen (Comic, Fotoroman usw.) allenfalls in den Kinderschuhen steckte: Dank seines sprühendem Esprits kombinierte er unter den Vorzeichen von Zufallsfund und Traumbild einerseits und Ästhetik des 19. Jahrhundert andererseits Ratio, Pop und Fiktion zu prächtigen Collagen.

Der schöpferische Reichtum ist kolossal, Max Ernst reizt souverän die Spielarten der Kunst wie Grafik, Zeichnung, Frottage (eine Abreibetechnik für Bleistiftzeichnungen) und Fotogramm aus, zerstört die imaginierte Welt der Bildvorlagen mit der Schere, um sie metamorphotisch zu weiteren Fiktionen oder gar zu einer anderen Wirklichkeitsebene zu führen. »Une semaine de bonté« transportiert Bildvorlagen der Viktorianischen Epoche in rund 180 Montagen, die die Ernstsche Gegenwart illustrieren – bedrohliche Szenen vor einem undefinierten Terror fliehender Vogelmenschen usw.  Der Surrealist spart neben der Darstellung allgegenwärtiger Gewalt sexuelle und antiklerikale Themen nicht aus, deren suggestive Kraft bis heute an Drastik und Spannung nichts eingebüßt hat. Max Ernst hätte auch seine wahre Freude daran, wenn er sehen könnte, wie sich seine grotesken Visionen fortpflanzten wie beispielsweise in Hana Songs Bildmontagen, die Supermarktsprospektfleischbildfragmente in Stillleben einklebt.

Ein Katalog ist zur Ausstellung nicht erschienen. Allerdings bietet das Haus einen älteren, 2005 in dritter, erweiterter Auflage erschienenen Bildband des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) an, der immerhin über die »Bücher und Grafiken« Max Ernst informiert und wissenschaftlich sehr gut dokumentiert. Ein Einführungsessay von Werner Spies, einem der besten Ernst-Kenner, macht den Band zu einer zwar von der Ausstellung abgekoppelten, aber runden Sache. Zur Vertiefung sei an dieser Stelle auch auf einen umfangreichen Katalog verwiesen, der anlässlich der Ausstellung der Originalcollagen der »Semaine de bonté« in Wien, Brühl und Hamburg (2008/09) erschienen ist.

 

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Öffnungszeiten:
Di – Fr 13-19 Uhr, Sa, So 11 – 19 Uhr