Ausstellungsbesprechungen

Max Ernst, Traumlandschaften

Assoziative Verfahren, wie die bereits von Leonardo da Vinci empfohlene Methode, auf verwitterten Mauern Formen und Figuren zu lesen, waren eine wesentliche Inspirationsquelle für Max Ernst (1891–1976). Auch er liebte das „freie Spiel von Analogien, Deutungen und Halluzinationen“ und erkundete, wie man bildhafte Vorstellungen aktivieren und steuern kann.

Als Experimentierfeld wählte er hierfür unter anderem das von phantastischer Flora und Fauna belebte Landschaftsbild.

 

Dieser Gattung, die das gesamte Schaffen des Künstlers durchzieht, widmet sich derzeit eine vom Hamburger Barlach-Haus kuratierte Ausstellung, die im Kunsthaus Apolda und anschließend in Hamburg zu sehen ist.

Die Schau vereint etwa 90 mit Bedacht ausgewählte Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen von 25 Leihgebern. Die Bildwelt umspannt Seestücke, Vulkane, Wüsten, Versteinerungen, Himmelserscheinungen und – immer wieder zentral – das Motiv des Waldes.


Dieses ist bei Max Ernst ambivalent: Einerseits erscheint der Wald rätselhaft, dunkel und bedrohlich, so etwa in den streng komponierten Grätenwäldern (Forêts-arêtes) der späten 20er Jahre. Rhythmische Anordnungen gestanzter Bleche, die in die feuchte Farbe gedrückt wurden, darüber ein abstraktes Gestirn – der Wald ist hier eine netzartige Wand oder ein Käfig. Andererseits ist er für den Künstler auch ein phantasieanregender Rückzugsraum, in dem Träume nisten und fremdartige Wesen auftauchen und verschwinden (z.B. Oiseaux bleus dans une forêt bleue/Blaue Vögel in einem blauen Wald, 1952). Der undurchdringliche Wald repräsentiert für Ernst die Natur, die vom Menschen nicht bezähmt und eingedämmt ist. In ihm findet er auch ein Äquivalent für das Unbewusste, das das rationale Denken unterwandert. Im Wald vereint sich für Max Ernst Innen- und Außenwelt.

 

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Im bizarren Gastmahl der Sphinx (1940), in dem ungeordnet organische Formen wuchern, erobert die Natur ihr Terrain zurück. Max Ernst, der zu dieser Zeit in Frankreich als feindlicher Ausländer verfolgt wird, malt eine farbenprächtige Vision von Verfall und Auflösung. Dieses Bild – eine Décalcomanie – nahm seinen Ausgang in willkürlich auf der Leinwand entstandenen Formen, die eine gegenständliche Vorstellung katalysierten. Die Feinarbeit allerdings leistete der Künstler, der akribisch die rankenden Korallen und einen bleichen Sphinxschädel herausformte.

Zufall und Assoziation setzte Max Ernst gezielt ein, um das schöpferische Potenzial des Unbewussten fruchtbar zu machen. Seine Methoden der Formfindung gelten daher als konsequente Umsetzung der surrealistischen écriture automatique in das Medium der Malerei. Allerdings muss eingeräumt werden, dass Max Ernst seine Bilder immer auch kaum merklich strukturierte und ordnete. Diese Kombination aus Spontaneität und Kontrolle ließ ihn stetig neu aus einem reichen Formenfundus schöpfen und dabei seine ganz eigene Interpretation von Naturphänomenen entwickeln. Ob Mikrobe, Eizelle oder Gestirn – Mikrokosmos und Makrokosmos gehen ineinander auf, alles kann zu allem werden.

 

 

Ähnlich wie Leonardo da Vinci assoziierte Max Ernst in strukturierten Dielenbrettern Figurationen, erstmals 1925 in einem Gasthaus in der Bretagne. Um diese Bilder möglichst unmittelbar und verlustlos festzuhalten, rieb der Künstler die Maserungen mit Bleistift auf Papier ab und entdeckte für sich die Technik der Frottage. Die fremdartigen Landschaften, Dinge und Wesen der Serie Histoire Naturelle sind aus solchen Abrieben von Holz, Blättern oder Stoffen komponiert. Natur ist hier aus gefundenen Versatzstücken neu erschaffen und als wundersame Naturgeschichte neu katalogisiert.

 

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En passant ist die Ausstellung also auch ein Streifzug durch die vielfältigen künstlerischen Verfahren, die der Autodidakt im Laufe der Jahre entwickelte und damit die bildende Kunst entschieden bereicherte.

Auf die frühen Frottagen auf Papier folgen die Grattagen – die Übertragung der Frottage in die Ölmalerei – mit Beispielen wie den Muschellandschaften (Paysages coquillages) der 20er Jahre – und die Décalcomanien der späten 30er Jahre. Diese neuen, indirekten Methoden führten Max Ernst immer weiter hin zu einer Malerei „jenseits von Malerei“, die er in dem Aufsatz Au delà de la peinture 1936 postulierte. Neben den Ölbildern bieten zahlreiche Grafiken, beispielsweise die Probedrucke zum Buch Maximiliana oder die unrechtmäßige Ausübung der Astronomie von 1964, einen Einblick in seine Experimente mit druckgrafischen Techniken.

 

 

Eine erhellende Ergänzung der Exponate ist schließlich eine Serie von Fotografien des Künstlers Helmut Hahn, die 1957 während eines Besuches bei Max Ernst in Huismes entstanden sind. Über ihren rein dokumentarischen Gehalt hinaus offenbaren die sensiblen Aufnahmen der damaligen Lebens- und Inspirationswelt Max Ernsts in Südfrankreich eine bestürzende Verwandtschaft mit dessen eigenen halluzinatorischen Bildwelten.

 

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Die Ausstellung begleitet ein reich bebilderter Katalog mit Aufsätzen, die das Thema wissenschaftlich erschließen. Max Ernst-Kenner Helmut R. Leppien nähert sich in einem Überblick dem Landschaftsmotiv bei Max Ernst, während die beiden Kuratoren Martin Faass und Andrea Fromm ihre Überlegungen u.a. der Beziehung zur romantischen Landschaft sowie den seriellen Arbeitsmethoden Max Ernsts widmen.