Ausstellungsbesprechungen

Max Kaminski, Die Zerstörung von Sodom

Dass man die Expressivität Max Kaminskis nicht einfach in die Nachfolge des Expressionismus stellen kann – und von der Hand weisen kann man es eben auch nicht leichtfertig - , erkennt man im Selbstversuch: Seine Bilder sind derart eindringlich, dass man sich nicht hinter dem historisch gewachsenen Sujet verstecken kann. Die Malerei geht uns unmittelbar an, angesprochen sind wir als Betrachter.

Entsprechend betroffen und – ja, auch das: hingerissen – begegnen wir dem Werk. Das war so in der Stuttgarter Ausstellung im Jahr 2003, als mit der »Seele der Welt« Kaminskis Beschäftigung mit Friedrich Hölderlin vorgestellt wurde, und dies ist nun in Schwäbisch Gmünd eklatant, wo die »Zerstörung von Sodom« ansteht. Ob der 1938 in Königsberg geborene Maler die Literatur, die Bibel oder den Mythos thematisiert – allemal steht der Mensch in seiner (heideggersch gesprochen) existenziellen Geworfenheit im Mittelpunkt seines Schaffens. Die gezeigten Bilder kreisen um die Themen Tod und Endzeit, Krieg und Zerstörung. Freilich schwingt hier ein Pathos mit, das wohl weniger von den Expressionisten im engeren Sinne, etwa den Brücke-Malern, herrührt als von den vereinzelten Schöpfern privatmythischer oder apokalyptischer Erzählungen: Max Beckmann und Otto Dix.

 

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Entstanden sind die in Schwäbisch Gmünd präsentierten Arbeiten in den vergangenen Jahren. Und einmal mehr wird deutlich, dass die expressive Sprache bei Max Kaminski eine Neuorientierung erfahren hat, die nicht ohne die Auseinandersetzungen zwischen den abstrakten und figurativen Positionen nach der Mitte des 20. Jahrhunderts denkbar sind. Wie in einem Rausch scheinen sich Farben über der Leinwand aufzuhäufen, ohne Rücksicht auf reale Raum-Objekt/Subjekt-Konstellationen zu nehmen. Und doch entsteigen diesen Farbverwerfungen menschliche, Misch- und Fabelwesen, denen nichts anderes bleibt, als dieses fragwürdig fiktionale Leben anzunehmen. Innerhalb dieser Welt bzw. kreativen Kosmos wohnt diesem Leben dann eine gewisse Folgerichtigkeit inne, was den erzählerischen Charakter von Kaminskis Werk hervorruft. Der Maler, einst Schüler Hann Triers, selbst lehnt die Reduktion seines Stils auf das gestische Moment zu Recht ab. Denn genau die ihm nachgesagte Konzentration auf das Thema und seine künstlerische Disziplin – die ihre unterschwellige Wirkung in der kompositionellen Klarheit verrät – kennzeichnen die Differenzen zur informellen oder »brut«-alen Malerei. Das Kommunikationsdreieck Maler – Bild – Betrachter ist stets der bloßen Geste mit Bewusstsein und durchaus auch spielerisch vorgeschaltet. Seine Figuren »bannen, fesseln den Blick, lassen den Betrachter aber nicht so weit vorrücken, wie er vielleicht könnte«, steht in dem vorzüglichen Katalog (der nicht eigens für Schwäbisch Gmünd aufgelegt wurde, aber doch eine sehr gute Einführung in das Werk Kaminskis gibt). »Jedes Gemälde ist ein Initiationsweg, auf dem Figuren die Richtung weisen und gleichzeitig verbergen.« Und später heißt es in dem Essay von Fabrice Hergott, »Kaminskis Bilder zwingen den Betrachter zur Auseinandersetzung unter vier Augen.« Betroffen macht diesen die Erkenntnis, dass die Drastik des dargestellten Sujets tatsächlich gefühlt, erlebt ist – und sei es auf einer sur-realen Ebene.

 

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 14–17

Donnerstag 14–19

Samstag und Sonntag 11–17 Uhr

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