Ausstellungsbesprechungen

Max Klinger, Eine Liebe

Liebe setzt eine Verbindung voraus, die keinen der daran Beteiligten kalt lässt, Liebe macht blind, macht hellseherisch oder macht, dass man nur sieht, was man sehen will. Und die Künstlerschar, die die Hamburger Kunsthalle zum 150. Geburtstag Max Klingers geladen hat, sah den Jubilar so aspektereich, wie sie selbst war und ist.

Das Kuratorenteam der Hamburger Kunsthalle (Dr. Petra Roettig) und des Museums der bildenden Künste Leipzig (Dr. Richard Hüttel) hat erstmalig den groß angelegten Versuch unternommen, Klingers Einflussreichtum auf seine Künstlerkollegen zu umreißen. Hamburg nahm sinnreicherweise zum besseren Verständnis aller weniger Klinger-kundigen Ausstellungsbesucher zusätzlich einige Haupt- und Nebenwerke des Meisters auf, wie u.a. »Die blaue Stunde«, die »Kassandra-Büste« und einige Radierzyklen wie »Eine Liebe« (sic!) oder »Eva und die Zukunft«.

Mit mehr als zweihundert Exponaten, von nicht weniger als 33 Künstlern, darunter sich Gemälde, Skulpturen, Bemalungen privater Wohnräume und – nicht zuletzt – eine erhebliche Anzahl von Druckgrafiken befinden, bietet die Hamburger Kunsthalle eine opulente Schau zu Klinger und seinem näheren wie ferneren Umfeld.

Geschieden in zwei Abteilungen, präsentiert die Hamburger Schau im ersten Teil Klingers Œuvre durch sämtliche von ihm vertretene Gattungen.

 

Malerei, Skulptur, Druckgrafik, angewandte Kunst und schließlich die erstmalig gezeigte Rekonstruktion der Klinger’schen Ausmalung des Vestibüls der nicht mehr existenten Villa Albers in Berlin-Steglitz. Neben einem versprengten Bild von de Chirico und einem von Sascha Schneider bleibt dem Ausstellungsbesucher in dieser Abteilung angetragen in die Welt des Max Klinger einzutauchen, um sich dem nun kommenden Rezipienten-Verhalten gegenüber gewappnet zu fühlen. 
 

Über sechs Themengruppen sucht die Präsentation dem unübersehbaren Motivreichtum, den Klingers Kunst für eine Rezeption anbietet, beizukommen. In der Kategorie »Träume und Albträume« hat Klingers Druckgrafik für eine enorme Verbreitung und Popularität seiner »traumhaften« Bildwelten unter der nachfolgenden Künstlerschaft gesorgt. Die Surrealisten Max Ernst und Giorgio de Chirico schöpften ebenso aus diesem Fundus, wie Richard Müller und Alfred Kubin.

Die Kategorie »Die blaue Stunde« hebt auf das durch Klingers gleichnamiges Gemälde animierte Rezeptionsverhalten ab. Ob es dabei nun um die Motivwahl der beziehungslos gruppierten Einzelfiguren in einer steinernen Meereslandschaft geht, um die drei elementaren Positionierungen des Stehens, Sitzens und Liegens dieser symbolträchtigen Gestalten, um die undefinierbare Quelle einer magischen Lichtsymbolik oder um die Summe dieser Bildmittel, nämlich um die weltentrückte Dichte des Bildes – da offeriert die Ausstellung an Rezeptionsverhalten kommentarlos alles.

 

Die beiden Kategorien »Das Kleid der Nacktheit« und »Das Unbehagen am Weibe« stellen den menschlichen Körper und schließlich die – bei Klinger nicht selten unbekleidete – Frau als Motiv ins Zentrum der Adaptionen. Mit Sascha Schneiders großformatigem Bild »Die Glut« (1904) lernt der westdeutsche Besucher einmal mehr in dieser Ausstellung einen bislang wenig bekannten ostdeutschen Maler kennen. Männliche Muskelschönheiten huldigen der nackten Frau, die von ihnen auf einer Schale empor gehalten wird. Von Klinger bleibt wenig mehr als die Huldigung an die Frau, der in ihrer Nacktheit Symbolcharakter zugesprochen wird.  

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Das »Bildnis der Marie Henneberg« (1901/02) von Gustav Klimt repräsentiert eine ungleich subtilere Wahrnehmung der Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mehr im Sinne einer Zeitgenossenschaft wird Klimts körperlos ätherische Frauenschönheit, gekrönt von einem selbstbewusst-nachdenklichen Porträtkopf, als Gegenpol zu Schneiders Klinger-Adaption gesellt – und die Ausstellung tut gut daran. 

Dass Max Klinger nun gerade ein Vorreiter sozialkritischer Kunst gewesen sei, kann und will die Kategorie »Kunstformen des Sozialen« nicht behaupten. So geht es in dieser Abteilung viel mehr um seine Rezipienten wie Käthe Kollwitz, Hans Balluschek u.a., die aus dem motivischen Schatz wirklichkeitsgetreuer Schilderung sozialer Schauplätze und Dramen à la Klinger schöpften.

In der Kategorie »Das Ziel allen Lebens ist der Tod« wird Klingers Zugriff auf das Thema des Todes anhand eines monumental gedachten Geschehens im weltanschaulichen Kontext einer Kreuzigungsszenerie thematisiert und zugleich die antipodische Variante, als makabre Groteske in Gestalt eines pinkelnden Sensenmannes veranschaulicht. Franz von Stuck, Käthe Kollwitz, Edvard Munch, Richard Müller, Georg Kolbe und Otto Thämer werden in ihrer Funktion eine Zeitgenossenschaft Klingers zu belegen, angeführt.

 

Unbestritten, die Ausstellung trägt schwer an Klingers Erbe. Vereinzelte Unstimmigkeiten in der Hängung zeugen von der Problematik, ein derart opulentes Ausstellungsgut in den Griff zu bekommen. Und – unbestritten – meinte man es gut – zu gut – mit all den Klinger’schen Schätzen, die vor allem die Grafischen Kabinette aufzubieten haben. So gerinnt im Überangebot Klingers wahrhaft reichen druckgrafischen Erbes, eine Arbeit wie Runges Kupferstich »Morgen« (1807) unversehens zu einer Art Garnierung Klinger’scher Kunst.

Wenn da nicht diese herrlichen Gegenüberstellungen wären - und damit sind nicht einmal jene gemeint, die Klinger auf’s Direkteste zitieren -, die eine Ahnung von der Situation jener Zeit vermitteln, in der der deutsche Idealismus auf ein künstlerisches Individuum trifft, das seinen Subjektivismus zu erkennen und auszuleben beginnt. Dass Klinger dieser künstlerisch gelebten Selbstentdeckung und –befragung auf den Weg verhalf, gelingt der Ausstellung in ihren schönsten Momenten zu zeigen. Dabei geht es nicht um kopierbare Form-Vorbilder Klingers, die dieser oder jener Künstler etwa imitiert hätte - die gibt es auch - sondern es geht der Ausstellung um eine künstlerische Inspirationskraft, die Klinger initiierte. Unbenommen - es muss »Liebe« sein, wenn ein derart weit gestreutes Künstlerpublikum auf einen Max Klinger hin befragt, sich zu jenen elementaren wie letzten Dingen des Lebens aufgerufen fühlt sich zu äußern und der Betrachter diesen weiten wie verbindenden Bogen vom deutschen Idealismus bis zum Surrealismus hin mitzuerleben vermag.