Rezensionen

Max Korinsky: Bruch oder Kontinuität? Das westdeutsche Alltagsdesign der 1950er–Jahre. Athena/WBV–Media Verlag

Ist das Alltagsdesign der 1950er–Jahre eine Weiterentwicklung der Vorkriegszeit oder der oft beschworene Neuanfang? An welchen Stellen verursachen der verlorene Krieg, das Ende der Nazidiktatur, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, aber auch internationale Einflüsse Brüche, und wo wird eine gestalterische Kontinuität sichtbar? Max Korinsky betrachtet in seiner Dissertation die Prozesse in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft anhand von signifikanten Alltagsgegenständen. Eine Rezension von Katja Weingartshofer.

Cover © Athena Verlag
Cover © Athena Verlag

 Max Korinsky bricht in seiner Dissertation mit dem idealisierten Bild des Alltagsdesigns der 1950er–Jahre und geht dabei den realen sozialen und gestalterischen Umständen dieser Zeit auf den Grund. Er zeigt auf, dass für das Verständnis der Wohnräume der fünfziger Jahre sowohl die von Firmen und Hochschulen definierte »gute Form« als auch das anonyme Alltagsdesign in Betracht gezogen werden müssen. Denn: Nicht nur die Entwürfe der anerkannten Designer:innen prägen das kollektive Bildgedächtnis, sondern vor allem auch die weit verbreiteten Objekte, deren Urheberschaft nicht eindeutig zu identifizieren ist. Korinsky veranschaulicht die verschiedenen Designansätze dieser Zeit anhand von drei großen Gestaltungsbeispielen: Kaffeegeschirr, Einbauküchen und Tischtypen.

Den ersten Teil bildet die Gegenüberstellung der Geschirrserie Form 1/ Minden von Melitta mit der Form 2000 von Rosenthal. Sie beide sind aufgrund ihrer großen Popularität und massenhaften Verbreitung repräsentative Beispiele für das westdeutsche Alltagsdesign der 1950er–Jahre.
Der Unternehmer Philip Rosenthal erkannte bereits früh die kommende Amerikanisierung im Konsumverhalten der westdeutschen Kund:innen und engagierte für seine neue Reihe an Kaffee– und Speisegeschirr das erfolgreiche Büro Loewy aus den USA. Die innovativen Köpfe kreierten einen Leitfaden für Gestalter:innen, um einschätzen zu können, wann bei Käufer:innen das Konsumbedürfnis in eine Ablehnung des Neuen umschlägt – Most advanced yet acceptable, kurz MAYA – das auch bei der Konzeption des Geschirrs für die Firma Rosenthal zur Anwendung kam. Die Stromlinienform der Kannen war eine Bezugnahme auf die prosperierende US–amerikanische Automobilindustrie. Zwar war die doppelkonische Formgestaltung der X–Linie keine Erfindung von Raymond Loewy, sein Verdienst lag aber darin, die zuvor als ungewöhnlich empfundene Form in die Alltagskultur integriert zu haben. Ging es bei der Form 2000 darum, einen künstlerischen Entwurf mit hohem Wiedererkennungswert auf den Markt zu bringen, also Aufsehen erregendes Geschirr zu kreieren, stand hinter der Serie Form 1/Minden der Firma Melitta vor allem unternehmerischer Pragmatismus.
»Melitta – weil es schneller geht«, lautete der Werbeslogan des Industriedesigners Jupp Ernst. Wer Kaffee zubereitete, sollte um Melitta nicht herumkommen. Das Angebot der Melitta–Werke an Geschirr war ganz auf die praktische Zubereitung von Kaffee ausgerichtet, ähnlich wie die Firma Rosenthal sollte der Schritt von Bedarfsdeckung zur Bedarfsweckung vollzogen werden und die Produktpalette erweitert werden. 1954 kamen die ersten farbigen Filter und Kannen aus Steingut auf den Markt. Über den Ursprung des Entwurfs für Form 1/Minden ist jedoch kaum Gesichertes bekannt. Jupp Ernst entwarf die Kanne der »Filka« – einer funktionalen Kombination aus Filter und passender Kanne. Das Geschirr der Serie Form 1/Minden sollte die »Filka« ergänzen. Bei der Kaffeekanne der Form 1/Minden wurde im Gegensatz zu anderen Kaffeekannen der 1950er–Jahre auf die filigrane Form verzichtet. Die Tülle ist ein kompakter Gießer, der wie der Henkel auch parallel zum oberen Rand der Kanne verläuft. Praktischer Weise kann sie so nach dem Abwaschen stabil auf den Kopf gestellt werden.

Im zweiten Teil seiner Forschungsarbeit geht Korinsky auf die Küche der 1950er–Jahre und ihre Einrichtung ein. Die strukturellen und gestalterischen Vorläufer sind dabei in den 1920er–Jahren zu suchen: Die Küche von Benita Otte und Ernst Gebhardt im Haus am Horn und selbstverständlich der Urtyp der Einbauküche – die Frankfurter Küche von Margarete Schütte–Lihotzky. Die Anforderungen an die moderne Küche wurden fast vollständig in dieser Zeit ausgearbeitet. Eine individuelle Planung der Küche – ein wichtiger Aspekt für die Küche der 1950er–Jahre – wurde jedoch erst mit der Stuttgarter Küche von Hilde Zimmermann aus dem Jahr 1927 ermöglicht. Eine der wesentlichen Veränderungen von den zwanziger zu den fünfziger Jahren war der Einsatz von elektrischen Groß– und Kleingeräten. Die Firma Braun brachte 1950 etwa die ersten Küchenmaschinen auf den Markt, Vorbild waren die volltechnisierten Küchenkonzepte aus den USA. Ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre spielte die Verwendung von Kunststoff in der Küchenausstattung eine Rolle. Schichtstoffplatten (auch unter dem Produktnamen Resopal bekannt) in Verbund mit darunter liegenden Holzflächen entpuppten sich als eine Weiterentwicklung von lackierten Flächen. Elektro– oder Gasherd, Spülschrank und Kühlschrank entwickelten sich im Verlauf der 1950er–Jahre zu festen Bestandteilen von Küchenausstattungen. Die fehlende wohnliche Gemütlichkeit in den funktionalen und sterilen Küchen wurde durch die gezielte Verwendung von (Pastell–)Farben ausgeglichen. Korinsky zeichnet die Entwicklung der Küche im Verlauf der fünfziger Jahre konkret nach: Am Anfang und Ende des Jahrzehnts waren die Küchen bedingt durch die Verwendung von elfenbeinfarbenen lackierten Holzmöbel beziehungsweise Kunststoffplatten hell und monochrom, um die Mitte des Jahrzehnts bestimmten bunte Farbkonzepte das Design, was mitunter auf Tendenzen zeitgenössischer abstrakter Kunst zurückzuführen ist, die über Adaption Eingang in die Alltagskultur fand.

Im dritten Teil der Dissertation stehen die Tische in den Wohnungen der fünfziger Jahre im Zentrum. Anhand der Beispiele Küchentisch, Esstisch und Wohnzimmertisch zeichnet der Autor die Entwicklung der Wohnkultur dieser Zeit nach, die vor allem aufgrund technischer Neuerungen und Veränderungen gesellschaftlicher Konventionen transformiert wurde. Das für die fünfziger Jahre charakteristische »Nierentischdesign« führt Korinsky etwa auf die Nierentischkombinationen von Friedrich Kiesler zurück. Schließlich entwickelten sich aus dem künstlerischen Experiment der 1930er–Jahre in den 1950er–Jahren Massenprodukte, die in vielen Wohnungen Gegenstücke zu den Möbeln und Objekten der »guten Form« bildeten.

Max Korinsky arbeitet anhand aussagekräftiger Beispiele die Frage nach Brüchen und Kontinuitäten nach 1945 im westdeutschen Alltagsdesign der 1950er–Jahre heraus. Er verknüpft die Designtendenzen dieser Zeit sowohl mit der Avantgarde der 1920er–Jahre als auch mit der zeitgenössischen bildenden Kunst ohne dabei die gesellschaftliche und politische Dimension außer Acht zu lassen. Das verklärte Bild des Alltagsdesigns (und Alltagslebens) der 1950er–Jahre in Westdeutschland wird aufgebrochen und neu zusammengesetzt, wodurch ein differenzierterer Blick auf die Alltagsobjekte dieses richtungsweisenden Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts ermöglicht wird.

Bruch oder Kontinuität? Das westdeutsche Alltagsdesign der 1950er–Jahre
Autor: Max Korinsky
Verlag: Athena/WBV-Verlag
Band–Nr.: 70 der Reihe: Artificium – Schriften zu Kunst und Kunstvermittlung

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