Ausstellungsbesprechungen

Max Liebermann. Poesie des einfachen Lebens

Für ein Bonmot war er immer gut, dieser Berliner Maler, dessen realistischer Naturalismus ausreichte, mit Fritz von Uhde eine Art soziales Gewissen in Deutschland zu entwickeln, und dessen naturalistischer Impressionismus sich anschickte, den Anschluss an die französische Malerei zu finden.

Doch Etikette hin oder her: Der »Apostel des Hässlichen«, wie ihn seine Verächter denunzierten, stand nicht nur über diesen kaiserlich-wilhelminischen Kleingeistern, sondern auch über den Ismen. Max Liebermann (1847–1935) war ein Unikat wie Frans Hals vor und Max Beckmann nach ihm (um nur zwei Markierungspunkte seines Herkommens und Wirkens zu nennen). Die Kunsthalle Würth hat rund 80 erstrangige Werke Liebermanns um den Hausbestand von immerhin sechs Arbeiten versammelt, die sich auch nicht zu verstecken brauchen. Somit zeigt der Mäzen alter Schule einmal mehr einen Teil seiner fulminanten Schätze.

»Die gut gemalte Rübe ist ebenso gut wie die gut gemalte Madonna.« Nein, ein Apostel, ein Heiliger war er sicher nicht. Doch der Vorwurf der Hässlichkeit trifft noch viel weniger: Wenn er etwas verkündigte, dann war es das Lob des einfachen Lebens, und genau das malte er, so gut, wie es ihm geboten schien – in seiner ganzen inneren Würde und wenn man so will: mit Poesie und Schönheit. Wohl verewigte er Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Leinwand, doch nur selten ging es ihm dabei um eine soziale Anklage, weshalb Liebermann die hässliche Seite der unteren Gesellschaftsschichten gar nicht ins Auge fasste (wie etwa Käthe Kollwitz) – er selbst stammte aus einer Unternehmerfamilie und trat recht großbürgerlich auf. Geschult wurde Max Liebermann in Frankreich (Courbet, Millet) und besonders in den Niederlanden (Rembrandt, Mauve, Israels, Maris), was »auf den ersten Blick langweilig [erscheint]: wir müssen erst seine heimliche Schönheiten entdecken«. Ausflüge ins religiöse Motiv (z.B. »Der zwölfjährige Jesus im Tempel unter den Schriftgelehrten«, 1879) hatten eher episodischen Charakter (diesem Thema blieb sein naturalistischer Malerkollege Uhde eher treu). In Deutschland, d.h. in München und Berlin, entwickelte sich Liebermann neben Lovis Corinth zum führenden Vertreter eines spezifisch deutschen Impressionismus, der immer auch seine Wurzeln im Realismus pflegte; seine Motive findet er alsbald in der gehobenen Freizeitgesellschaft; berühmt werden die Badeszenen und Reiterbilder.

»Wissen Sie, ich hab Sie ähnlicher gemacht, als Sie sind.« Endlich wurden ihm auch Ehren zuteil: Als Gründer und erster Präsident der Preußischen Akademie der Künste hatte der mittlerweile hoch geachtete großen Einfluss auf das Kulturgeschehen in der Weimarer Republik. Und alle standen sie Schlange, um sich von dem Meister porträtieren zu lassen: der Verleger Bruno Cassirer, der Dichter Gerhart Hauptmann, der AEG-Funktionär Emil Rathenau, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch u.a.m. Am liebsten war und blieb er sich selbst Motiv; bemerkenswert ist hierbei neben den vielen bekannten Selbstbildnissen, die durchaus auch selbstkritisch aus dem Rahmen schauen, ein frühes Porträt unter allerhand Grünzeug, sehr frei nach den niederländischen Gemüsebildern des 17. Jahrhunderts (Aertsen & Co.), die frisch von der Leber weg ihre Könnerschaft zeigten, wie sie allegorisch auf die Vergänglichkeit und Verwerflichkeit der Welt hinwiesen.

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Die Nazis bereiteten der Karriere des inzwischen alten Herren ein Ende; sein Kommentar zur Zeit ist so jugendwach wie schnoddrig-herb: »Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.« Auf der Höhe seines Ruhms, in einem Alter, wo er schon leibhaftig Zeuge seiner enormen Wirkung – Beckmann und der Expressionismus insgesamt, die verschiedensten realistischen Schulen in ganz Deutschland – wurde, machte die hirnlose Bande Jagd auf den Juden Liebermann. Einem Rauswurf aus der Akademie kam er mit seinem Austritt zuvor; die schlimmsten Gräuel blieben ihm erspart – 1935 stirbt der Geächtete recht einsam in seinem geliebten Berlin. Nur wenige Freunde wagten, an der Trauerfeier teilzunehmen.

Zum Glück steht einer Feier heute nichts mehr im Weg. Man gönnt sich ja sonst nichts: Anlässlich der Ausstellung kann man am 30. Januar und am 13. Februar an einem Festessen teilnehmen (Anmeldung unter Tel. 07940-151813), das zu Liebermanns 80. Geburtstag im Jahr 1927 schon einmal zubereitet worden ist. (Zu weiteren Ausstellungen der Würth-Museen in Künzelsau und Schwäbisch-Hall siehe auch unter »Kunst in Stuttgart«.)

Neben der grandiosen Liebermann-Schau in Schwäbisch-Hall zeigt auch die Kunststiftung Bönsch auf Schloss Filseck bei Uhingen Max Liebermann (»Das Lebendige ist das A und O aller Kunst«). 120 Grafiken des Malers sind dort bis zum 21. März zu sehen – der Bestand aus einer der vollständigsten Grafiksammlungen des deutschen Spätimpressionisten und Frühexpressionisten. Eingeteilt ist die Schau in Arbeiterbilder, Strandszenen in den Niederlanden, das Amsterdamer Leben, Tennis- und Pferdesport, Porträts und Selbstbildnisse. In einem gesonderten Raum tritt Liebermanns Werk in einen Dialog mit Werner Büttner, Rineke Dijkstra, Bernhard Fuchs, David Hockney, Jaume Plensa sowie Annelies Strba. (Informationen über die Kunsthalle Göppingen, Marstallstr. 55, 73033 Göppingen, Tel.: (07161) 650777; http://www.kunsthalle-goeppingen.de)

 

 

Weitere Informationen

 

Eintritt
Erwachsene 5 EURO
Ermäßigte Karten 3 EURO
Montags freier Eintritt
 
Öffnungszeiten

Montag – Sonntag 10–18 Uhr
 
Führungen
Öffentliche Führungen jeweils sonntags 11 und14 Uhr: 4,- €
Führungen für Gruppen nach Vereinbarung
Soireebuchungen sind möglich unter Tel.: 07940-152421
Kinderführungen jeden ersten Samstag im Monat 11 Uhr