Ausstellungsbesprechungen

Mecki – Sechzig Jahre Comic-Abenteuer, A. Paul Weber-Museum Ratzeburg, bis 30. Oktober 2011

Den spießigen Igel Mecki und seine merkwürdigen Freunde kennt heute gewiss längst nicht mehr jeder, aber es gab Zeiten, da war der kleine Kerl derart populär, dass eine so große Zeitung wie die »Hörzu« von ihm profitierte; nicht wenige kauften ausgerechnet diese Programmzeitschrift wegen Mecki und nur seinetwegen. Zu den Kindern, die sich bei jeder neuen Ausgabe auf Mecki stürzten, zählte auch der kleine Stefan Diebitz, der jetzt, um viele Jahrzehnte gealtert, die Gelegenheit einer Mecki-Ausstellung nur zu gern beim Schopfe ergriff.

Mecki, dem man seine Herkunft aus den fünfziger Jahren deutlich ansieht, hat verschiedene Väter. Bereits 1939 tauchte der biedere Igel in einem Puppenfilm der Gebrüder Diehl auf, aber berühmt wurde er erst im damaligen Flaggschiff des Springer-Konzerns, der »Hörzu«, als deren »Redaktionsigel« er firmierte. Ursprünglich sollte er das Radioprogramm kommentieren, aber ganz gewiss hat ihn nicht dieser Teil seines Jobs bekannt gemacht. Vielmehr wuchs seine Popularität zunächst dank der kleinen Geschichten in der »Hörzu«, in denen er sich gern als Detektiv oder patriachalischer Ratgeber betätigte, und wenig später dank der Bildbände im Querformat, in denen er mit einem ganzen Tross quer durch die Welt reiste. Diese Bücher bilden noch heute eine fast perfekte Lektüre für kleine Kinder.

Es macht durchaus Sinn, dass Mecki, der doch fast so etwas wie die Übertragung einer Ludwig Richter-Atmosphäre auf die deutsche Nachkriegszeit darstellt, in einem A. Paul Weber gewidmeten Haus gezeigt wird. Mag Weber auch ein aggressiver Karikaturist und bitterer Satiriker gewesen sein, so liebte er doch Mecki sehr und schuf selbst eine Menge Lithografien und Zeichnungen mit einem Igel, der Mecki verdächtig ähnlich sieht. Dem Weberschen Igel kann man die Inspiration durch die populäre Comicfigur durchaus ansehen, und deshalb wird im Frühjahr nächsten Jahres eine Ausstellung im selben Haus an die Mecki-Ausstellung anschließen und die Igelfiguren des A. Paul Weber vorstellen.

Geordnet ist die Mecki-Ausstellung nach den verschiedenen Zeichnern, wobei leider ein deutlicher Abstieg festzustellen ist; der heutige Mecki besitzt längst nicht mehr den Charme der alten Zeit, und er besitzt ihn auch deshalb nicht mehr, weil er modernisiert und angepasst wurde. Es war das Wesen dieser Figur, altmodisch und vorgestrig zu sein, aber in den siebziger Jahren wurden seine Geschichten, nachdem sie eine Zeitlang ganz eingestellt waren, stark aufgepeppt und aufgehübscht. Schlimm finde ich die Zeit, als ihm Knopfaugen verpasst wurden. Heute hantieren die Figuren sogar mit Handys und anderen Accessoires der Gegenwart, denn die Zeichner wollen offensichtlich auf der Höhe der Zeit sein, wogegen früher selbst die älteren Errungenschaften der Moderne wie etwa Autos uralt sein mussten, damit sie akzeptabel schienen. Schon Meckis Kleidung – ein Strick als Gürtel! – passt in keine Zeit, eigentlich nicht einmal in die fünfziger Jahre. Mecki auf der Höhe der Zeit? Das konnte nicht gut gehen.

Die schönsten Bilder und Geschichten stammen aus der Feder der ersten drei Zeichner. Reinhold Escher (1905 – 94), Wilhelm Petersen (1900 – 1987) und Heinz Ludwig (1906 – 1970) schufen den klassischen Mecki. Aus dieser Zeit werden in der Ausstellung nicht nur fertige Stories, sondern auch Skizzen präsentiert, die einen ganz eigenen Reiz besitzen. In einer sehr anschaulichen Weise erfährt der Besucher, wie die Episoden allmählich entstanden, und dazu sind die Figuren weniger geglättet, der Strich des Zeichners ist energischer, die Bilder wirken spontaner, kraftvoller und gelegentlich auch widerborstiger.

Besonders schön sind die Bilderbücher, für die vom zweiten Band an Petersen verantwortlich zeichnete, der sich in seiner Auffassung der Figur zwar an Escher anpasste, aber dessen Figurenrepertoire um wesentliche Aspekte erweiterte, unter anderem mit seinem Namensvetter, dem berühmten Käptn Petersen. Zwar sind manche Figuren der Bilderbücher unerträglich süßlich – etwa Frau Luna in »Mecki auf dem Mond« oder Prinz Aladin in den morgenländischen Episoden -, und auch die ganz und gar witzlosen Bösewichter können mich nicht überzeugen, aber anderes ist grandios und besitzt gelegentlich sogar poetische Qualitäten. Das gilt besonders für die orientalischen Abenteuer, in denen der Zeichner wild fabulierte und groteske Gestalten und absurde Situationen schuf, die auch heute noch ansprechen und in ihrem Detailreichtum wie in ihrer Fantastik über übliches Comicniveau hinausgehen.

Vielleicht funktionierte der Orient deshalb so gut, weil der Erzähler hier allem Modernen ganz weit aus dem Weg gehen konnte? Eine Stadt wie Bagdad sieht aus, wie ein Haschischraucher sie sich nach der Lektüre von »Tausendundeine Nacht« und einer gleichzeitig genossenen Tüte vorstellen mag, bevölkert mit großnasigen Kreaturen, die in einer vieltürmigen Stadt voller Prunk und Elend hausen. Eben deshalb ist der altfränkische Mecki hier ganz bei sich selbst: die Moderne ist in der Stadt Harun al Raschids weder mit Beton noch mit dem Straßenverkehr angekommen. Einige der tollsten orientalischen Bilder wünscht man sich im Großformat und in Öl, wie sie 2005 im selben Museum in einer großartigen Donald Duck-Ausstellung zu sehen waren.

Mecki lässt sich gut mit Micky Maus vergleichen, der ja auch nicht gerade die interessanteste Figur im Disney-Kosmos ist. Wie die Maus, so ist auch der Igel überaus brav, sogar spießig und außerdem, was viele nervtötend finden, immer ein ganzes Stück schlauer als die anderen – solche Leute sind selten wirklich populär. Schon der kleine Stefan liebte deshalb Charly Pinguin, der in Frack und mit Melone gutgelaunt durch die Gegend stromert, allerlei Unsinn treibt und regelmäßig in Schwierigkeiten gerät, aus dem ihn dann Mecki raushaut; in der Ausstellung kann man Charly auch mit Monokel bewundern oder einmal als Sherlock Holmes verkleidet sehen. Eine andere beliebte Figur ist der Schrat, ein schimpansenähnliches, immer müdes Geschöpf im Pyjama mit Nachtmütze, der leibhaftige Antipode zum umtriebigen Wirtschaftswundermenschen.

Das A. Paul Weber-Museum, herrlich auf dem Hochufer des Ratzeburger Sees in unmittelbarer Nähe des alten Doms gelegen, ist immer einen Besuch wert, und nach dieser schönen, leider schon Ende Oktober wieder beendeten Ausstellung darf man sich auf die versprochene Igel-Ausstellung mit den Werken des Meisters im nächsten Jahr freuen.