Ausstellungsbesprechungen

Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies, bis 10. Februar 2019

Georgien - diesjähriger Ehrengast der Frankfurter Buchmesse - liegt geografisch an der Grenze zwischen Europa und Asien. Hier sind die ältesten Spuren menschlichen Lebens außerhalb Afrikas gefunden worden. Bereits in der Antike war die Gegend Schauplatz des berühmten Medea-Mythos. Die Geschichte von der tragischen Liebe zwischen Medea und Jason, den spannenden Abenteuern der Argonauten und einem unermesslich wertvollen Schatz hat von Sex bis Crime alles, was echten Nervenkitzel hervorruft. Susanne Braun hat sich in der Ausstellung „Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies“ in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt auf die Suche nach den Ursprüngen des berühmten Mythos gemacht.

Phrixos auf dem Widder, Kylix, 3. Viertel des 4. Jahrhunderts v. Chr. © SMB/Antikensammlung, Foto: Johannes Laurentius
Phrixos auf dem Widder, Kylix, 3. Viertel des 4. Jahrhunderts v. Chr. © SMB/Antikensammlung, Foto: Johannes Laurentius
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Mythen sind, ähnlich wie Märchen, Geschichten, die eine solche Faszination ausüben, dass sie bereits seit Jahrtausenden in unterschiedlichen Varianten weitergetragen werden. Sie gehören zu den relativ wenigen Topoi, die es, über die mündliche Überlieferung hinaus, auf die Bühne schaffen oder zum Thema von Poesie, Malerei oder Skulptur werden. Die Liebieghaus Skulpturensammlung hat auf ihrer Webseite eine sehr sehenswerte Multimedia-Präsentation des berühmten Medea-Mythos zur Verfügung gestellt, in der auch einige Exponate der Ausstellung zu sehen sind.

Die Kurzfassung der Geschichte rund um den Medea-Mythos lautet folgendermaßen: Die Zwillinge Phrixos und Helle können vor ihrer bösen Stiefmutter fliehen, die sie umbringen will. Möglich wird die Flucht durch den Widder Chrysomallos mit dem goldenen Fell, der die Kinder durch die Luft davonträgt. Phrixos gelangt sicher nach Kolchis am Schwarzen Meer, das sich auf dem Gebiet des heutigen Georgien befindet. Helle stürzt jedoch in die Tiefe und verursacht dadurch die felsenreiche und gefährliche Meerenge zwischen dem Mittel- und dem Schwarzen Meer, die in der Antike „Hellespont“ genannt wurde. Nach der Flucht wird der goldene Widder in Kolchis geopfert und es verbreitet sich die Sage von einem wertvollen Schatz, dem „Goldenen Vlies“. Später wird Jason die Aufgabe gestellt, das Goldene Vlies zu rauben. Die Aufgabe gilt als unlösbar und Jason macht sich mit dem ersten Hochseeschiff der Antike und den legendären Argonauten als Mannschaft auf die Reise an das östliche Ufer des Schwarzen Meeres. Hier hat er es der Liebe der Königstochter Medea zu verdanken, dass es ihm doch gelingt, das eigentlich unmögliche wahr zu machen.

In der Ausstellung wird die Flucht der Zwillinge Phrixos und Helle sowie die Reise von Jason und den Argonauten anhand von Bildern aus Pompeji (um 10 n. Chr.), Skulpturen sowie mit Bildern verzierten Spiegeln, Schalen oder Gefäßen für Wein dargestellt - ein anderes Wirtschaftsgut für das das heutige Georgien bekannt war. Ein Höhepunkt der Ausstellung sind die aus der Zeit vor Christi stammenden Goldschmuck-Exponate. Beeindruckend filigran gearbeitet, vermitteln sie einen Eindruck von der legendären Kunstfertigkeit der Handwerker in dieser Gegend. In der Antike war das heutige Georgien wegen seiner reichhaltigen Goldvorkommen bekannt. Forscher gehen davon aus, dass dieser Reichtum Anlass für die Legende vom Goldenen Vlies gewesen sein muss. Damals wurde das Gold offenbar mit Hilfe von Schaffellen aus dem Fluss gewaschen, die Geschichte vom goldenen Fell des Widders Chrysomallos könnte sich als eine Anspielung darauf verstehen lassen.

Im Zentrum der Ausstellung stehen außerdem die Nachbildungen der Bronzestatuen von Polydeukes und Amykos, die 1885 in Rom gefunden worden sind. Sie nehmen Bezug auf die Geschichte vom Faustkampf zwischen dem Argonauten Polydeukes und dem boxsüchtigen König der thrakischen Bebryker - eine der Prüfungen, die die Argonauten auf ihrer Reise bestehen müssen. Viele Jahre gingen die Interpretationen auseinander, doch die Nachbildungen in der Liebieghaus Skulpturensammlung unterstreichen den aktuellen Stand der Forschung und machen die Schwellungen und Verletzungen im Gesicht des besiegten Amykos deutlich sichtbar, über die die Skulptur auch in der Originalfassung verfügt haben soll.

Doch während das Vorhaben der Argonauten von Erfolg gekrönt ist, endet die Liebe zwischen Jason und Medea tragisch. Bildreich kann in der Ausstellung die Erzählung nachvollzogen werden, nach der die kolchische Königstochter Medea die ihr zugeschriebenen Zauberkräfte mehrfach missbraucht. Als sie dann von Jason verlassen wird, der durch die Ehe mit einer anderen Frau zum König werden möchte, wird sie rasend vor Eifersucht und richtet ein Blutbad an.

Bis in die Gegenwart gibt es Interpretationen des Medea-Stoffs in Kunst und Literatur. Angefangen bei Euripides, haben sich auch Jean Anouilh, Christa Wolf und Nino Haratischwili sowie in der Malerei Eugène Delacroix, Paul Cézanne oder William Turner mit dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise beschäftigt. Doch was macht einen mythischen Stoff wie den der Medea bis heute so interessant? Antworten gibt beispielsweise der Psychologe Julian Jaynes. In „Der Ursprung des Bewusstseins“ stellt er die Welt der Mythen als ein Stadium in der Menschheitsgeschichte dar, in dem die Menschen ihr eigenes Verhalten nicht reflektierten. Laut Jaynes sind es zu dieser Zeit die Stimmen der Götter, die die Entscheidungen der Menschen lenken. Dabei ist für Jaynes die Beziehung zwischen Held und Gott dieselbe wie die zwischen Ich und Über-Ich nach der Theorie von Sigmund Freud. Auch Hans Blumenberg etwa verweist in „Arbeit am Mythos“ auf den Dualismus von Mythos und Logos. Beide Wissenschaftler legen die Deutung nahe, dass die Themen, die in den Mythen verhandelt werden, an die dunklen Kräfte mahnen, die alle Menschen auch heute noch mit Hilfe der Vernunft im Zaum halten müssen. Wie im Fall der recht blutigen Geschichte der Medea ist das oft schauderhaft und faszinierend zugleich.