Ausstellungsbesprechungen

Megacool 4.0 - Jugend und Kunst, Künstlerhaus Wien, bis 7. Oktober 2012

Die Ausstellung zeigt die Lebenswelten heutiger Jugendlicher im Spiegel zeitgenössischer Kunst: Wege zwischen Rap und Rave, Virtualität und Realität sowie Sexualität und Identitätsfindung. Rowena Fuß hat das Ganze vor Ort beschaut.

Der Jugendliche, das unbekannte Wesen? Viele Eltern raufen sich spätestens in der Pubertät ihrer Zöglinge die Haare, weil sie ihre Kinder nicht mehr wieder erkennen bzw. plötzlich keinen Zugang mehr zu ihnen finden. Für die andere Seite gilt Ähnliches: Die Eltern werden oft als Spießer, Spaßverderber und Diktatoren empfunden. Man geht zu ihnen auf Abstand oder probt den Aufstand. Aber was heißt es eigentlich, ein Jugendlicher zu sein? Die Ausstellung im Wiener Künstlerhaus versucht mit dem Blick auf verschiedene Subkulturen die Frage zu beantworten.

Zunächst werden verschiedene Gruppierungen vorgestellt. Ganz konkret tut dies Martin Brand in seinem Video »Pitbull«. In 80 Porträts jugendlicher Skinheads, Punks, Gothics, Gabbern und anderen mehr macht er den Besucher mit ihren Outfits bekannt, also ihrer äußeren Erscheinung. Wie man einen bestimmten Style erreicht, erklärt das Video »Micha, der Szenehopper« dann auch gleich im anliegenden Raum. Einen Blick ins Innenleben stellt die sehr bewegende Fotografie eines traurig dreinblickenden rothaarigen Mädchens, das ihre vernarbten Unterarme präsentiert, dar. Ältere wie auch jüngere Schnitte weisen darauf hin, dass es sich hier um eine Cutterin handelt. Der umgangssprachliche Begriff bezeichnet eine Person mit auto-aggressivem Verhalten, also jemand, der sich selbst verletzt. Ursachen dafür liegen in Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Dissoziationsphänomenen, unerträglichen Spannungszuständen, Nervenschwächen und Nervenerregungen, todestriebähnlichen Selbstzerstörungswünschen oder Suchtabhängigkeiten.

Halten wir also fest: Das Outfit ist Spiegel des jugendlichen Innenlebens. Weitere Styles präsentieren Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek in ihrer Fotoserie »Exactitudes 08. Young Activist – Rotterdam«. Ein Schmunzeln ruft in diesem Zusammenhang das Panorama der gealterten Punks, Oasis-Fans und Madonna-Girls von James Mollison, das gegenüber hängt, hervor. Überhaupt ist der Begriff „Jugendlicher“ in der Ausstellung sehr weit gefasst. Nach juristischem Verständnis bezeichnet er die Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren. Wie am Beispiel Mollison bereits illustriert, sehen die Künstler das jedoch ein wenig anders und verschieben die Altersgrenzen. So auch Marlene Hausegger. In ihrem Video »Warkids« zeigt sie Fünfjährige beim Kriegsspiel in der Londoner Tate Modern.

Schon der Titel »Megacool 4.0« trägt den virtuellen Aspekt der Ausstellung in sich und so findet man sich auch schnell in parallelen Welten wieder — ob beim animierten Technoviking von Matthias Fritsch, der mit seinen Moves sogar ein Todesschwadron Darth Vaders erledigt, den Cosplayern im gleichnamigen Video von Cao Fei oder bei Barbie als Symbol kitschiger Mädchenträume in Charlie Whites »OMG DFF LOL«.

Abwechselnd werden digitale und analoge Medien verwendet, um Themen wie Körperkult und Psyche, das Leben in Parallelwelten und den Boykott der realen Lebenswelt zu veranschaulichen. Mehr als 50 internationale Künstler haben Phänomene des jugendlichen Alltags aufgegriffen und ihre Sicht auf die Jugend offen gelegt.

So auch das russische Künstlerkollektiv AES + F. Bei der emaillierten Metallskulptur »Last Riot 2. Composition #3« handelt es sich um ein kleines Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, das nur mit Unterwäsche bekleidet einen Baseballschläger inmitten einer fantastischen Landschaft schwingt. Daneben turnt ein Jugendlicher auf einem Foto kopfüber an den Haltestangen einer S-Bahn herum. Weitere Beispiele solchen Unfugs gibt es im nächsten Raum auf Video: Feiernde Jugendliche, die sich beispielsweise in Sperrmüllbergen erleichtern und oder betrunken irgendwo herumliegen und sich dabei ablichten lassen.

Fazit: Da Heranwachsende weder Fisch noch Fleisch sind, können sie alles sein — ob nun Gothic, Gabber, Cosplayer oder Quasi-Barbie. Was sie vereint, ist die Suche nach einem Vorbild, mit dem man sich identifizieren kann. Diese Rolle können bekannte Rapper wie Snoop Dogg oder Fantasiegestalten erfüllen. Oftmals sind es nicht die eigenen Eltern. Gleichzeitig scheint das Operieren mit Extremen angebracht, um herauszufinden, wer man sein möchte. Im Gegensatz zu Vandalismus oder Selbstverletzung wirkt ein Grün gefärbter Irokesenschnitt aber noch harmlos. Alles in allem ist es ein sehr umfang- und facettenreiches Bild, das in der Wiener Ausstellung präsentiert wird. Äußerst gelungen finde ich den Ansatz, mit Hilfe von diversen künstlerischen Medien zu vermitteln, was Jugendliche umtreibt. Sie fördern nämlich das Begreifen dieser Altersklasse. Ich kann den anregenden Besuch daher nur empfehlen!