Ausstellungsbesprechungen

Melanie Balsam-Parasole – Malerei, Galerie Schütte, Essen, bis 6. Juni 2012

Wer vor das Werk der jungen Künstlerin Melanie Balsam-Parasole tritt, wird Teil eines Kunstraums, der zur Andacht einlädt. Sie selbst würde das weniger pathetisch sehen, geht es ihr doch um die handwerkliche Seite der »Schöpfung«, in ihrem Fall von plastischen Farbcollagen mit Karton. Doch in die Welt entlassen, entwickeln Kunstwerke unbestritten ihr Eigenleben. Günter Baumann erklärt warum.

Die Arbeiten Balsam-Parasoles, die auf den ersten Blick an die postromantischen Farbkästen von Herbert Hamak erinnern, scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, den Betrachter zu irritieren. Zum einen: Gehören sie zur Malerei oder zur Plastik? Den technischen Daten nach handelt es sich eindeutig um Gemälde, der Form nach sind es bemalte Skulpturen. Zweifellos passiert zum andern etwas mit dem Raum, wenn an der großen geweißten Wand ausgerechnet ein verhältnismäßig kleiner skulpturaler Körper die Fläche in Frage stellt, die den Galerieraum definiert. Das tut freilich jede Plastik, sogar jedes Gemälde, aber hier tauchen die Objekte zuweilen wie aus dem Nichts auf, wirken zunächst in ihrer lapidaren Gestalt wie beiläufige Signaturen an der Wand – doch sogleich wird deutlich, dass die vermeintlichen Petitessen ihren Umraum in Beschlag nehmen: Die einzelnen Arbeiten dulden keine Konkurrenz auf ein und derselben Wandfläche, weil sie diese unmittelbar auf sich beziehen. Das Objekt macht sich zum Bildträger auf dem (zufällig vom Galerieraum vorgegebenen) weißen Raum. Damit geht Melanie Balsam-Parasole über die klassischen Gattungen hinaus und bettet ihr Werk in einen konzeptionellen Kontext.

Im Unterschied zu dem eher plastisch denkenden Hamak, der auf die unnahbar-monochrome Lichtwirkung reiner Pigmente setzt, fokussiert die von der Malerei herkommende Balsam-Parasole die Materialität — wenn man so will, eine zufällige Coincidentia oppositorum. Der zugrunde liegende Karton profaniert in seiner Schlichtheit die Kunst und wird doch von teils lasur-transparenten, teils opaken Farb-Lack-Schichten insofern veredelt, als sie aus sich selbst heraus zu leuchten und sich zu behaupten vermögen. Der Form nach minimalistisch und der bastelverklebten Kartonage nach der Arte Povera zuzurechnen, erschafft die 1974 geborene Künstlerin sensibel-gestische Farbspuren, die in die Tiefe wirken. Als Meisterschülerin des philosophischen Spurensuchers Stephan Schneider und des skeptischen Realisten Wolfgang Hambrecht geht sie hochsensibel mit der Farbe und ihrer malerischer Möglichkeiten um: mal in schroffen Kontrasten, mal in einer reduzierten Nichtfarbigkeit, aber immer mit einer geheimnisvollen Ausstrahlung auf die Bildumgebung. So schafft Melanie Balsam-Parasole eine spannungsvolle, nahezu erkenntnistheoretisch relevante Balance zwischen Entfremdung und Annäherung. Weil nun aber diese in sich ruhenden Farbkörper außerordentlich präsent sind und doch kaum etwas von sich preisgeben, kommt ein transzendenter Einschlag ins Spiel, der eben jene konzentrierte Besinnlichkeit evoziert, die den Miniaturen Größe verleihen und die ebene Bühne der Galeriewand zu einem säkularisierten, provokant-sinnlichen Andachtsraum werden lassen.

Wer die Essener Ausstellung nicht mehr besuchen kann, sollte sich die Arbeiten von Melanie Balsam-Parasole im Kunstraum Dreieich in Dreieich ansehen, die am 9. Juni eröffnet wird. Dort werden zehn Künstler der Galerie Schütte präsentiert: malerische Arbeiten von Ahn Hyun-Ju, Wolfgang G. Bühler, Melanie Balsam-Parasole, Ines Hock, Armin Turk sowie Fotografien von Nina Brauhauser, Alke Reeh, Laura Ribero, Gerda Schlembach und OSTER+KOEZLE.