Ausstellungsbesprechungen

Meret Oppenheim. Pelziges und andere Kleinigkeiten

Pelz trifft Porzellan

Wen der Name Meret Oppenheim ins frühwinterliche Aschaffenburg lockt, der wird zwei Bilder mit sich herumtragen: das erste von der Pelztasse, jenem „déjeuner en fourrure“, das direkt nach seiner Entstehung 1936 zum unvergänglichen Markenzeichen für die wenige Jahre zuvor nach Paris gekommene Schweizer Künstlerin werden sollte. Und dann natürlich jenes Man Ray-Foto, das Meret Oppenheim gänzlich unverhüllt hinter einer Kupferdruckpresse zeigt und bis heute als tausendfach reproduzierte Ikone der „femme surréaliste“ fungiert.

Die Ausstellung in der ehemaligen Jesuitenkirche fixiert dieses Halbwissen über eine immerhin rund 40 produktive Jahre umfassende Künstlerexistenz (1913-85), ohne sich auch nur ansatzweise an einer Gegenthese zu versuchen. Im Kassenraum wird der Betrachter durch eine stark vergrößerte Reproduktion der „Erotique-voilée“ von Man Ray begrüßt und während seines Rundgangs durch das zur Kunsthalle umgewidmete Kirchenschiff begegnet ihm – dem Ausstellungstitel entsprechend – „Pelziges und andere Kleinigkeiten“: wenige Gemälde, einige Grafiken und jede Menge Objektdesign, Schmuck- und Kostümentwürfe, allesamt der surrealistischen Ideenwelt verpflichtet.

Mehrfach werden Meret Oppenheims Skizzen Realisationen aus der jüngsten Vergangenheit gegenübergestellt, von denen viele 2003 für eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe unter Federführung der Galerie Levy produziert wurden. Thomas Levy war über viele Jahre Galerist der Künstlerin und sein Engagement ermöglichte auch die Aschaffenburger Schau sowie ihren Katalog. Vorgeführt werden also die Schätze eines Enthusiasten, für den – vermutlich ‑ jedes Exponat aus dem Kosmos Meret Oppenheims per se eine Kostbarkeit darstellt.

Ist der Besucher nicht gleichermaßen initiiert, dauert es nicht lange, bis er sich fragt, was er da eigentlich betrachtet: Der Stuhl mit einer Lehne aus organisch wuchernden Formen, ein Tisch mit Vogelfüßen, Knochen als Glieder einer Halskette, der Pelzhut mit aufgerissenem Hundemaul und einer keck herabhängender Samtzunge – ist das alles Kunstgewerbe? Wohl nicht allein, denn alle Objekte verbindet ein Konzept, das bereits an der Pelztasse von 1936 ablesbar war. Inszeniert wird eine Verzauberung des Alltags, in den Erträumtes und Verdrängtes einbrechen. Handelt es sich bei Meret Oppenheims Arbeiten also um Skulpturen? Doch als „Kunstobjekte“ geben sie zu schnell ihr Geheimnis preis. Hat der Betrachter einmal den Witz, des „Eichhörnchens“ (1969), einem Bierhumpen mit buschigem Schwanz durchschaut, gibt es keine weitere Geschichte zu erzählen.
 

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Aber genau dieses offensichtliche Changieren zwischen Kunst und Kunstgewerbe enthüllt letztlich die aus der Mode gekommene Aktualität der surrealistischen Bewegung. Ihr spontaner und zunächst an Autorenschaft kaum interessierter Einfallsreichtum verwandelt alltägliche Gegenstände – ein altes Auspuffrohr wird durch wenige Farbaufträge zur „Termitenkönigin“ (1975) – ohne nach Kunst, Konzept oder Design zu fragen.

Diese so grenzenlose wie beiläufige Fantasie entfaltet eine subversive Kraft, die schließlich auch den heutigen Betrachter erfasst. Meret Oppenheims erotisierte Objekt-Welt verschiebt seine Wahrnehmung. Und auf dem Rückweg rechnet er plötzlich fest damit, dass sich die im Gegenlicht über den nahen Schlossplatz flanierende Passantin als „Mädchen, auf dem Kopf eine Wolke mit Hasen tragend“ (Hutentwurf, 1947) entpuppen wird.

 

 

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Öffnungszeiten
Di 14 bis 20 Uhr, Mi bis So 10 bis 17 Uhr