Ausstellungsbesprechungen

Meret Oppenheim. Retrospektive, Bank Austria Kunstforum, Wien, bis 14. Juli 2013

In diesem Jahr hätte die surrealistische Künstlerin Meret Oppenheim ihren 100. Geburtstag gefeiert. Passend dazu ehrt das Bank Austria Forum in Wien die Künstlerin mit einer Retrospektive. Sabrina Möller hat sich das angeschaut.

Eine Kaffeetasse bezogen mit dem Fell einer chinesischen Gazelle: für Werke wie »Das Frühstück im Pelz« ist Meret Oppenheim bekannt. In der Auseinandersetzung mit ihren Werken stehen ihre surrealistischen Kunstobjekte immer wieder im Vordergrund und täuschen über die Vielfalt in ihrem Œuvre hinweg. Ein einfaches Experiment unterstreicht diese Tendenzen: verwendet man die Google Bildersuche und gibt den Namen Meret Oppenheim ein, so wird man von einer Vielzahl an Kunstobjekten und Fotografien der Künstlerin überrannt, aber es finden sich zunächst kaum malerische Werke. In dem beeindruckenden Überblickswerk »Art Since 1900«, geschrieben von kunsthistorischen Größen wie Rosalind Krauss, Hal Foster, Yve-Alain Bois und Benjamin Buchloh, wird diese Tendenz untermauert. Oppenheim wird an verschiedenen Stellen erwähnt, jedoch immer nur mit Verweis auf ihre surrealistischen Kunstobjekte. Es verfestigt sich der Eindruck, dass sich die Künstlerin lediglich diesem Medium verschrieben hätte. Ein Ergebnis, das als symptomatisch für die Darstellung der Künstlerin gelten kann: stets werden ihre Objekte in den Vordergrund gerückt.

Passend zum Ihrem 100. Geburtstag widmet das Bank Austria Kunstforum der Künstlerin eine Retrospektive, die einen anderen Blick auf die Künstlerin offeriert und ihre Vielfältigkeit thematisiert. Die Masse an verschiedenen künstlerischen Medien – wie Malerei, Skulptur, Dichtung, Design – verunmöglicht scheinbar eine stilistische Einordnung. Im Fokus steht für Oppenheim nicht das In-Beziehung-setzen verschiedener Medien, sondern es geht vielmehr darum, sich nicht auf eins festzulegen. Die Präsentation der Arbeiten wird eng verknüpft mit der Persönlichkeit der Künstlerin, die wiederum eine Verbindung zwischen dieses scheinbar zusammenhangslosen Arbeiten zeigt: das Interesse an der Verwandlung durch die Maskerade.

Im begleitenden Katalog zur Ausstellung verbildlicht Heike Eipeldauer den intimen Akt des Schminkens und überträgt ihn überzeugend auf Oppenheims Werke. Das Schminken als das Auflegen einer Maske, die eine temporäre Verwandlung ermöglicht, sie fungiert als Grenze zwischen Innen und Außen. Mit dem Kontext ändert sich auch die Funktion einer Maske: Sie verhüllt, schützt oder ermöglicht es, eine neue Rolle einzunehmen. Die Verwandlung des eigenen Körpers wird bei Oppenheim durch die Auseinandersetzung mit vorherrschenden Rollenzuschreibungen und Verhaltensmustern zum zentralen Aspekt. Die Inszenierung einer gewissen Travestie dient dabei nicht der Auflösung des Geschlechtes, sondern kritisiert die Zuschreibung gewisser Rollen und Geschlechteridentitäten.

Auf der Ebene ihrer surrealistischen Kunstobjekte lässt sich die Verwandlung durch die Maskierung herauslesen – die Maske wird zu einem Leitmotiv. Das anfängliche Beispiel der Pelztasse kann als paradigmatisches Beispiel fungieren: die Oberfläche der Tasse wird durch das Fell maskiert. Formal lässt sich die Tasse noch erkennen, doch ihre Materialität wird überdeckt beziehungsweise wurde sie neu bekleidet und ändert damit nicht nur ihre Identität, sondern auch ihre Funktion. Die »Pelzhandschuhe« hingegen thematisieren unter anderem die Verwandlungen und Grenzen zwischen Mensch und Tier, bringen jedoch durch die lackierten Fingernägel erneut eine gewisse Geschlechterthematik mit ein.

Die Ausstellung als auch die begleitende Publikation vom Hatje Cantz Verlag zeigen in erster Linie die Vielfalt des Œuvres von Meret Oppenheim, die wesentlich über die Kunstobjekte hinausgehen. So werden innerhalb der Essays auch die Traumtagebücher thematisiert, die als die eigentlichen Arbeitsbücher von Oppenheim fungierten. Innerhalb der Ausstellung und im Katalog wird die Persönlichkeit Meret Oppenheim immer hervorgehoben und ihr Einfluss als feministische Identifikationsfigur herausgearbeitet.

Dennoch zeigt sich am Ende dieses Artikels ein Paradox: thematisiert wurden auch hier – neben ihrer Persönlichkeit – lediglich ihre Kunstobjekte. Diese Erkenntnis könnte man zum Anlass nehmen, einen weiteren Abschnitt zu ihrem malerischen Werk hinzuzufügen. Oder als Frage formuliert: Ist die fortwährende Reduktion ihres Oeuvres auf Ihre Kunstobjekte vielleicht doch berechtigt?