Buchrezensionen

Metzger, Rainer: Berlin - Die 20er Jahre. Kunst und Kultur in der Weimarer Republik 1918-1933, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007.

Der erst posthum so überaus einflussreiche Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin, dessen »Einbahnstraße« von 1928 die Geschäftsauslagen, Winkel und Hoffolgen seiner Heimatstadt Berlin als Orientierungspunkte in einem verwinkelten Denklabyrinth nahm, nannte bekanntlich in seiner Vorstudie zum Passagen-Werk Paris »die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts«. Und ohne Zweifel: London und Paris sind längst Metropolen, als Berlin noch eine Ansammlung von Dörfern im märkischen Sand darstellt.

Aber dann dreht Berlin auf und wird zum Parvenü unter den Weltstädten. Nach der verspäteten Reichsgründung und bis zum August 1914 mit aller gründerzeitlichen Großmannssucht, und später noch einmal, nach dem kläglichen Ende des wilhelminischen Protz- und Prahl-Gehabes, diesmal sozusagen kompensatorisch. In diesen 20er Jahren der jungen, ungeliebten Republik kann man Berlin ohne Übertreibung das kulturelle Zentrum der westlichen Welt nennen.

Eindrucksvoll dokumentiert das der nun im dtv-Verlag erschienene Band (2006 bereits bei Christian Brandstätter in Wien), den der junge Karlsruher Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Rainer Metzger herausgegeben und kommentiert hat. Es ist ein Buch, das dieser Zeit in der richtigen Form gerecht wird.

Denn zuallererst sind da die zahlreichen großartigen Abbildungen, die den Leser ganzseitig förmlich anspringen, wie ein Feuerwerk in Atem halten und so das rührige Treiben und den quirligen Betrieb des schöpferischen Molochs vor Augen führen. (»Moloch« dient auch Metzger in Abgrenzung zur »Reichshauptstadt«, der NS-Bezeichnung für Berlin; dass dies ein blutdurstiger phönizischer Götze gewesen ist, dessen Standbild man seinerzeit ekstatisch umtanzt hat und der mit dem assyrischen Dämon Baal verwandt war – das passt nicht schlecht zum Berlin dieser Zeit).

Das Erstaunliche ist: Die Fotos sind von einer gestochenen Schärfe (vermutlich wirken sie so entstaubt und frischer denn je, weil sie digital überarbeitet wurden). Sie sollen für sich sprechen, und das tun sie auch, nicht immer bezieht sich nämlich der in 10 Kapitel unterteilte Text ausdrücklich auf die Bilder.

Doch Metzgers Kommentar ist nicht nur kenntnisreich, sondern auch brillant formuliert. Um den Großstadtrealismus eines Otto Dix zu charakterisieren, heißt es beispielsweise: »Wie Grosz bedient er sich des Fundus der Karikatur, anders als Grosz setzt er ihn ein für die Gestaltung der Individualitäten und Seltsamkeiten von Einzelpersonen. Dix macht aus Zeitgenossen Typen, bei Grosz ist es umgekehrt: Er macht aus Typen Zeitgenossen« (S. 112). – Das ist so hinreißend, weil es in seiner Zuspitzung natürlich falsch ist; aber dieses Falsche enthält soviel Richtiges, dass man es sich gern einprägt und als Gedankenanregung mitnimmt.

Vieles an diesen ebenso schnell erblühten wie verblühten »roaring Twenties« lässt sich von Rainer Metzger nur unter vieldeutig-metaphorischen Überschriften subsummieren: »Das Ewige im Flüchtigen: Berlin und die andere Modernität« heißt ein Abschnitt oder »Einheit und Reinheit: Utopien, Kollektive, Futurismen« ein anderer, der sich mit den unterschiedlichsten Theaterströmungen oder den städtebaulichen und architektonischen Wegweisungen eines Walter Gropius,  Erich Mendelsohn oder den Filmvisionen von Fritz Lang beschäftigt. Die Vieldeutigkeit der Überschriften ist ein Tribut an die extreme Vielfältigkeit und Experimentierfreudigkeit des kulturellen Lebens.

Die Hauptthese von Metzger prangt auf der Rückseite des Bucheinbands: »Der moderne Traum von der Einheit von Kunst und Leben kam im Berlin der 20er Jahre näher an die Realität heran als jemals vorher und nachher.«– Dass dieser Satz richtig ist, davon ist jeder überzeugt, der das Buch schließlich aus der Hand legt. Herausgekommen ist kein simpler Kunstband, sondern ein Epochenband, der grenzüberschreitend die Atmosphäre und zugleich Zeit- und Geistesgeschichte einzufangen weiß.

Damit setzt Metzger die Tradition jener kulturgeschichtlich übergreifenden Bücher fort, die vor einigen Jahrzehnten der Kunsthistoriker Heinrich Hamann zusammen mit dem Germanisten Jost Hermand zur Stilkunst vor und nach 1900 geschrieben haben. Gerade die absolute Durchlässigkeit von »hoher« Kunst für die Erscheinungsformen der Populärkommunikation und des Freizeitvergnügens von mehr als vier Millionen Einwohnern wirkte sich so befruchtend in den 20er Jahren aus, die, wenn man genau hinschaut, nur von 1924 bis zum »black friday«, dem 29.10.1924, und der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise wirklich »golden« genannt werden können.

Selbstverständlich stehen für Metzger die Malerei von Expressionismus, Dadaismus, Neuer Sachlichkeit neben Foto, Kino, Plakat Agitprop, Mode, Diven, Varietégirls und Maxe Schmeling. Einer der Kronzeugen dieser Jahre, der für seine scharfe Beobachtungsgabe aus dem Hintergrund bekannte Elias Canetti, spricht, als hätte er einem Boxkampf zugesehen, von einer »Zeit vieler großer Namen, in nächster Nähe voneinander, und zwar so, dass ein Name den anderen nicht erstickt, obwohl sie einander bekämpfen. Wichtig daran ist die ständige Berührung, die Stöße, die das Glänzende sich gefallen lässt, ohne zu erlöschen.«  - Ein schönes und erstaunlich preisgünstiges Buch zum Thema!

 

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