Ausstellungsbesprechungen

Miami Vice. Robert Barta / Frederik Foert, Stadtgalerie Kiel, bis 11. Mai 2014

Was passiert, wenn man eine schillernde Diskokugel in ihre Einzelteile zerlegt und diese flächig zusammenklebt? Wie sieht es aus, wenn man hunderte tote Fruchtfliegen nebeneinander auf klebendem Papier anordnet? Wie hört es sich an, wenn in einem kleinen Ausstellungsraum mehrere Fächer gleichzeitig pausenlos auf- und zuklappen? Ist ein Spazierstock nur ein Spazierstock oder führt er ein Eigenleben? Die Künstler Frederik Foert und Robert Barta kennen die Antworten und ermöglichen den Besuchern ihrer Ausstellung verblüffende Blicke auf vermeintlich Alltägliches. Freya Leonore Niebuhr hat sich die Schau angesehen.

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Das Konzept für »Miami Vice« wurde von den Gegenwartskünstlern Robert Barta (*1975) und Frederik Foert (*1971) gemeinsam entwickelt. Inspirieren ließen sie sich die beiden Künstler dafür von der amerikanischen Fernsehserie »Miami Vice« aus den 1980er Jahren, in der Cops in Designerkleidung actionreich Verbrechen aufklären. Heute ist Miami als Austragungsort der bedeutenden Kunstmesse Art Basel Miami Beach zur Kunststadt avanciert.

Der gebürtige Tscheche Barta, der in Berlin lebt und arbeitet, schafft hauptsächlich performative Arbeiten. Er entbindet in seinen Kunstwerken uns bekannte Alltagsgegenstände von ihrer eigentlichen Bestimmung, nur um sie anschließend in einen neuen Kontext zu versetzen. Der ursprüngliche Zweck der Dinge rückt zu Gunsten einer neuen Bedeutung in den Hintergrund. Humor und Ironie bahnen sich ihren Weg in die Alltagswelt normaler Gegenstände und brechen deren Banalität auf. So inszeniert Barta beispielsweise einen Plastikkaktus in naturgetreuer Größe auf gänzlich ungewohnte Weise: Die Pflanze, die Barta auf ein großflächiges Holzpodest stellt, wird fortwährend von einem maschinell bewegten und in der Luft schwebenden Hula-Hoop-Reifen umkreist.

Bartas Ausstellungspartner Foert, geboren in München, zeigt im Rahmen von »Miami Vice« kinetische Objekte und Skulpturen, die uns ebenfalls wiederkehrend in unserem Alltag begegnen. In Foerts Arbeit stehen gefüllte Weingläser nicht wie üblich still auf einem Tisch. Er befestigt die Gläser mit stabilen Fäden an der Decke des Raumes, von wo aus sie mittels eines Ventilators bewegt werden. Die Gläser kreisen nun immerzu eine Handbreit über der Tischplatte. Foert stellt folglich ebenfalls die für selbstverständlich gehaltene Funktion alltäglicher Dinge in Frage oder ironisiert sie.

Beim Gang durch die Ausstellung können die Besucher viel entdecken und eine neue Sicht auf die vermeintliche Routine des Alltäglichen gewinnen. So wurde eine simple Diskokugel in ihre einzelnen Mosaikplättchen zerlegt und diese eng nebeneinander auf Papier angeordnet. In einem anderen Ausstellungsraum lassen sich farbenfrohe, asiatische Sonnenschirme entdecken, die stetig durch Autoscheibenwischer geöffnet und geschlossen werden. Aus einer in den Galerieräumen stehenden hölzernen Kiste, die laut Aufschrift an die Stadtgalerie Kiel adressiert ist, dringen menschliche Rufe, die nahezu bis in jeden einzelnen der weitläufigen Ausstellungsräume zu hören sind. Aus einer anderen Ecke erklingt Opernmusik. Filmplakate von Hollywoodproduktionen und Fotografien von Schauspielerinnen wie Scarlett Johannson, Marilyn Monroe und Brigitte Bardot werden durch die Kombination mit Alltagsgegenständen zu Kunstwerkbestandteilen gemacht.

So ist an den Fotografien, in etwa auf Höhe der Gesichter, jeweils ein zu den Farbtönen der Fotografien passender Fächer befestigt, der sich ebenfalls stetig öffnet und schließt. Alte Spazierstöcke mit Knäufen in Entenkopfform werden auf übereinander gestapelte Beistelltische oder auf Kamerastative montiert. Ein Bierdeckel dreht sich unaufhörlich auf einer Tischplatte und selbst das Podest auf dem das Gästebuch zu »Miami Vice« liegt, ist kein herkömmliches Podest. Zwischendrin beginnt es sichtbar zu vibrieren und fungiert somit auch als direktes Ausstellungsobjekt. Unter anderem gehören auch Bügeleisen, alte Schallplatten und Kaffetassen zu den Objekten, die Foert und Barta nutzen, um daraus Kunstwerke zu bauen. Selbst große Objekte wie ein roter Lamborghini sowie glänzendrot lackierte und zerbeulte Autobahnleitplanken im Foyer der Stadtgalerie werden von den Künstlern auf bisher ungesehene Weise präsentiert.

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Wer sich nicht dauerhaft mit Zugucken begnügen will, kann die außergewöhnliche Inszenierung der Alltagsgegenstände auf ihre Alltagstauglichkeit und auf eigene Gefahr hin überprüfen. So wurde der Boden eines Ausstellungsraumes komplett mit metallenen Kugeln aus Kugellagern aufgefüllt. Daneben liegen Gleitschuhe bereit, die sich die Besucher anziehen und – wenn sie ausreichend Mut besitzen– dazu nutzen können, auf dem mit Kugeln gefüllten Fußboden meterweise vor und zurück zu rutschen.

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