Ausstellungsbesprechungen

Michael Beutler

Flip. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Letztlich wird doch alles gut. Für Michael Beutler hätte das Jahr 2004 eigentlich nicht besser laufen können: In den Kunstvereinen Oldenburg, Heilbronn, Solothurn, Frankfurt und Braunschweig präsentierte er neue Arbeiten, er bekam den Förderpreis für junge Künstler des Landes Niedersachsen und schlussendlich auch noch die Gelegenheit, sein ursprüngliches Konzept für den Braunschweiger Kunstverein, welches sich aus Kostengründen nicht realisieren ließ, nun doch noch zu zeigen.

Das heißt im Klartext: Ein großzügiger Sponsor war so begeistert von Beutlers Ursprungskonzept, dass er es sich nicht nehmen ließ, in pekuniärer Hinsicht auszuhelfen. Deshalb bespielt Michael Beutler nun in unmittelbarer Folge wiederum mit einer kontextbezogenen Rauminstallation die Studiogalerie des Braunschweiger Kunstvereins. Das muss man ihm erst mal nachmachen!

 

 


Wer bereits seine vorige Arbeit „Flamingo“ gesehen hat, hat nun die Möglichkeit, eine Steigerung in Präzision und Radikalität im Konzept zu erfahren. Ausgangspunkt sämtlicher Arbeiten Michael Beutlers ist immer der Ausstellungsraum. In Braunschweig handelt es sich dabei um eine Remise der klassizistischen Villa Salve Hospes des Architekten Peter Joseph Krahe, die streng im rechten Winkel zur nämlichen gebaut worden ist. Der Gebäudekomplex bezieht seine wohltuende klare Wirkung aus den rechtwinkligen, aufeinander und auf den Umraum bezogenen Sichtachsen. Sind letztere verstellt, verbaut, verhindert, fällt die erhabene Wirkung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das hat Beutler instinktiv sofort erkannt und ist dem „Störenfried“ auf die Spur gekommen. Die Sichtachsen gestört hat eine vor der Fensterfront eingezogene Wand in der Remise. Die hat Beutler entfernt. Was? Das war es schon? Wie banal, könnte man nun denken. Ist es jedoch nicht – im Gegenteil, es ist ausgesprochen subtil durchdacht und witzig zugleich. Besagte Wand wurde um 90° gekippt und auf Stahlträgern aufgelagert. Der Raum bekommt dadurch zwei horizontale Ebenen; die Sichtachsen wurden wieder hergestellt. Im Prinzip handelt es sich bei Beutlers Eingriff um eine Hommage an Peter Joseph Krahe: Die abgekippte Wand befindet sich nun im rechten Winkel zu den übrigen tragenden Wänden, genauso wie Krahe die Remisen im rechten Winkel zum Haupthaus platzierte. Die tragenden Stahlkonstruktionen sind in Größe und Form analog zu den die Remise von außen dominierenden Lünettenfenstern gestaltet, die nun ihrerseits den Innenraum der Remise dominieren. So tritt Beutler ein in einen anregenden Dialog mit dem Architekten und erweist diesem gleichsam eine Reverenz. Wie schon bei der vorigen Installation Flamingo bekommt auch diese Arbeit einen sprechenden Namen: Flip wurde diese Installation in Analogie zum Kickflip genannt. Der Kickflip ist beim Skateboarden ein Sprung, bei dem das Brett um seine Längsachse gedreht wird. Mit Flip hat der 1976 geborene Michael Beutler einen radikalen Eingriff in die bestehende Architektur vorgenommen, der einerseits ironisch auf das strenge Architekturensemble Krahes antwortet, andererseits ganz in dessen Sinn für mehr Leichtigkeit und Licht sorgt.

 

 

 

Das Haupthaus scheint dagegen zur Zeit beinahe in eine Kunsthandlung umfunktioniert zu sein in der die Artefakte auf neue Besitzer warten. Nichts gegen den Verkauf von Jahresgaben, aber hier wurden doch die üblichen Gewichtungen vertauscht. Wurden bisher die Hauptausstellungen ergänzt durch die Jahresgaben, die sich zurückhaltend in der Remise präsentierten, erscheint diesmal die Beutlersche Installation als Ergänzung zum Jahresgabenverkauf. Es wäre sicherlich spannender gewesen, zu sehen, was Michael Beutler mit der Villa Salve Hospes so alles angestellt hätte.

Öffnungszeiten: täglich außer montags 11 – 17 Uhr

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