Kataloge, Rezensionen

Michael Kvium - freestyle tales, hrsg. v. Kastrupgårdsamlingen, Færøernes Kunstmuseum, Horsens Kunstmuseum, Horst-Janssen-Museum Oldenburg, 2012

Neben Per Kirkeby ist Michael Kvium der wohl berühmteste Künstler Dänemarks. Im Zentrum seines Werks steht der Mensch. Dieser tritt dem Betrachter als deformierte Gestalt vor düsterem Hintergrund oder in verstörenden Aktdarstellungen gegenüber. Rowena Fuß hat sich die erste deutschsprachige Publikation zum Künstler angesehen.

Hässlichkeit besitzt eine gewisse Dialektik: Sie ist Kraft und Schwäche, Wahrheit und Unwahrheit, Reiz und Monotonie, Lebensbejahung und –verneinung zugleich. Sie ruft Entrüstung hervor, schockt, zerreißt den schönen Schein. Sie paralysiert. Und doch bricht mit dem Hässlichen die Realität in die Kunst ein. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts an macht die Kunst gerade durch das Hässliche gesellschaftlich oder individuell Verdrängtes zum Thema. Sie konfrontiert den Betrachter mit Widersprüchen und bringt sie ihm zu Bewusstsein.

Mit seinen Werken reiht sich der dänische Künstler Michael Kvium in die Schar von Künstlern ein, die sich vordergründig der Schilderung des Hässlichen verschrieben, wie etwa Gustave Courbet oder Otto Dix. Die meisten seiner präsentierten Aquarelle zeigen jeweils eine einzige menschliche Gestalt vor einem einfarbigen Hintergrund. Doch das ungestalte figürliche Motiv konterkariert das Aquarell als traditionelle Technik für das schöne, lichte und leichte Sujet genauso wie der monochrome Hintergrund die Stereotypie der Darstellung unterstreicht.

Als Reihe von losen Kurzgeschichten (»freestyle tales«) konzipiert, beschreiben die Arbeiten Momentaufnahmen von Emotionen, insbesondere Ängsten. Allegorisch überwindet die Jugend beispielsweise in einem Aquarell aus der Grafikserie »Short Stories« (2010) den Tod in Form eines Kutte tragenden Skelettes: Als Baby auf der Hand einer Frau sitzend, springt sie einfach über ihn. In einem weiteren Blatt aus der Serie starrt eine maskierte und mit einer Pistole bewaffnete Frau zu Boden. Ihre Maske, ein Totenschädel, ist ihr leicht vom Gesicht geglitten. Sie steht ebenso wie die Pistole als Symbol für die Angst vor dem Fremden bzw. sich selbst in die Augen zu schauen.

In mehreren Blättern nimmt der in einer katholischen Familie groß gewordene Künstler auch zu den im letzten Jahr geäußerten Missbrauchsvorwürfen gegen die katholische Kirche Stellung: Der Schatten eines Kindes auf dem Kopf eines Kardinals – gleich einem Gedanken – entlarvt beispielsweise den pädophilen Würdenträger. Deutlicher wird er in einem weiteren Bild, in dem sich ein Priester hinter seinem Zögling versteckt, der wohlgemerkt nackt ist. Kvium stichelt gegen ein Bild der Gesellschaft und ihren zum Teil hochrangigen Vertretern.

Seinen Protagonisten konnte man bis Anfang September 2012 im Oldenburger Horst-Janssen-Museum begegnen, wo die erste deutsche Einzelausstellung des Künstlers gezeigt wurde. Eine Fortsetzung bietet der vom Museum mitherausgegebene Katalog an. Dieser besteht hauptsächlich aus großformatigen farbigen Abbildungen. Ihnen beigestellt sind nur ein umfangreiches – aber substantielles – Interview sowie die obligatorische Biografie des Künstlers mit einem Ausstellungsverzeichnis.

Im Interview erfahren wir eine Menge über die Gedankenwelt Kviums und den Inhalt seiner »Short stories«. Grundsätzlich besitze die Grafik für ihn eine andere Form von Nähe als die Malerei, erklärt er gleich zu Beginn. Indem sie oftmals flüchtig und skizzenhaft bleibe, gelinge es besser, Emotionen darzustellen, das menschliche Innenleben. Kviums Figuren versinnbildlichen nicht nur ihr eigenes Alter oder ihre eigene Unzulänglichkeit. Sie stehen für die Menschen an sich, die Krieg führen, ignorant sind und nur im schönen Schein leben. Sein Ziel ist es, die Welt zu entlarven. Sein Mittel dazu ist die Groteske. Dem Betrachter soll bewusst werden, »dass unterhalb des Nabels die Scheiße lauert.«

Kvium betrachtet Kunst als Mittel zur Erkenntnis, da sie der einzige Ort ist, wo wir uns selbst formulieren. Eine Identität entsteht nicht mehr über den Vergleich mit anderen, sondern aus unserem Selbstbewusstsein.

In Oldenburg wurde im Herbst 2012 zum ersten Mal ein umfangreiches Konvolut seiner Aquarelle, Gouache und Pastelle gezeigt. Die nächste Ausstellung Kviums findet von Februar bis April 2013 in Aarlborg (DK) statt. Wer den weiten Weg nicht auf sich nehmen möchte, dem ist der Katalog wärmstens zu empfehlen. Er kann über das Horst-Janssen-Museum erworben werden.