Buchrezensionen

Michael Thimann, Christine Hübner (Hg.): Sterbliche Götter. Raffael und Dürer in der Kunst der deutschen Romantik, Imhof Verlag 2015

Einem ganz besonderen Aspekt der Kunst der Romantik widmet sich der Katalog zur gleichnamigen studentischen Ausstellung. Raffel und Dürer standen den deutschen Künstlern des 19. Jahrhundert als geniale Freund und Geistesverwandte vor Augen und wurden daher oft gemeinsam und Hand in Hand abgebildet – obwohl sie sich nie begegnet sind! Andreas Maurer hat sich in das Werk und sein spannendes Thema vertieft.

Über die Renaissancekünstler Raffaello Sanzio und Albrecht Dürer sind bereits unzählige Publikationen erschienen, das vorliegende Katalogwerk für die aktuelle Ausstellung in Göttingen stellt aber doch ein Novum auf diesem Sektor dar. Denn erstmals wurden nicht die Kunstwerke der beiden Großmeister für die Schau und die Publikation erarbeitet und ausgestellt, sondern vielmehr deren Einflüsse auf die Kunst und Künstler der Romantik – Raffael und Dürer als Repräsentanten Italiens und Deutschlands und auch eines romantischen Europas.

Die Synthese dieses eigentümlichen Doppelgespannes, die Polarität von Nord und Süd, von »Italia und Germania« wurde zu einem Hauptanliegen dieser Epoche, ausgehend von einer Hängung zweier Selbstporträts der Künstler (Raffaels wurde mittlerweile als Bildnis des Bindo Altoviti umgedeutet) nebeneinander in München 1810. Was folgte, war eine Verschmelzung von Altdeutschem mit Altitalienischem, eine Allianz, gleichzeitig aber auch eine antifranzösische Front, fällt der Kult um Raffael und Dürer doch auch in die Zeit der Ikonografie der Befreiungskriege.

Beide haben sich zwar nie getroffen, doch was im Leben nicht gelang, in der Kunst war es möglich: Beginnend mit Friedrich Overbecks 1817 entstandener Zeichnung auf welcher Raffael und Dürer Hand in Hand dargestellt sind, bereichert die Kunstsammlung in Göttingen um die Einsicht in eine Epoche, deren Werke zwar bekannt sind, sich dem Verständnis aber meist entziehen.

Die Ausstellung selbst entstand 2014 im Rahmen eines Seminars zum Künstlerkult am Kunstgeschichtlichen Seminar der Georg–August–Universität Göttingen. Nicht nur die Exponate und zentrale Themen für den Ausstellungskatalog wurden dabei gefunden, sondern die Studienzeit diente auch der direkten Vorbereitung zur Schau in der Kunstsammlung. Das alles mag nun kein neuer universitärer Einfall sein, lobenswert ist aber auf alle Fälle die namentliche Erwähnung der mitarbeitenden Studierenden und Promovierenden im Vorwort der Publikation – was heutzutage keineswegs selbstverständlich ist.

Durch den Bestand bedeutender Zeichnungen und Druckgrafiken ist die Kunstsammlung der Universität in Fachkreisen längst hoch angesehen. Pünktlich zur Ausstellung hat die Universität zusätzlich von einem privaten Sammler aber auch noch eine äußerst seltene Serie von Radierungen des Nürnberger Künstlers Johann Philipp Walther als Schenkung dazubekommen, welche mit Szenen aus dem Leben Albrecht Dürers in der Sonderausstellung eine zentrale Rolle einnehmen. Neben zwei weiteren Bildserien zum Leben Raffaels (von Franz und Johannes Riepenhausen) umfassen Präsentation und Publikation vor allem Zeichnungen und Druckgraphiken, sowie Gemälde, Skulpturen und Medaillen, darunter kostbare Leihgaben auch aus Privatbesitz. Die frühe kunsthistorische Literatur zum Leben Raffaels und Dürers hält dabei ebenso Einzug, wie auch manche biografischen Details der beiden Altmeister, insbesondere Kindheit und Tod. Denn Ziel der romantischen Bewegung war nicht nur dem Werk, sondern auch dem Leben dieser außerordentlichen Persönlichkeiten so nah wie möglich zu kommen. So verwundert es auch nicht, dass unter den Exponaten seltene Reliquien zu finden sind, welche gemeinsam mit den anderen Werken, erstmalig ein gesamtheitliches Bild des säkularen Künstlerkultes, der mit der Öffnung von Raffaels Grab 1833 in Rom in seinem Höhepunkt gipfelte, schaffen.

Von Studentenhand geplant, überließ man in Göttingen die Ausführungen, besonders jene des Kataloges, aber dann doch bewährten Professionisten, wie Heiko Damm, Ulf Dingerdissen, Ernst Osterkamp, Ulrich Pfisterer, Christian Scholl und Robert Williams. In ihren ausführlichen Begleittexten werden die mehr als 100 Exponate nicht nur ikonografisch beschrieben, sondern man gewährt der Leserin/dem Leser auch Einblick in die individuellen Entstehungsgeschichten der Werke. Und auch dem eigenwilligen Raffael/Dürer–Kult spürt man auf dem Pfad des romantischen Gedankens von »Italia und Germania« nach. Die wissenschaftlichen Aufsätze scheinen sich vermehrt an Kunsthistoriker oder zumindest Kunstinteressierte mit gewissen Vorkenntnissen zu richten, jedoch wird aber auch der Laie sicher seine Freude an dieser Publikation haben, schon allein aufgrund der wunderschönen, meist ganzseitigen Abbildungen. Einziger wirklicher Wermutstropfen ist aber der interessante englische Beitrag von Robert Williams, welcher im Katalog leider nicht auf Deutsch übersetzt wurde.

Hilfe für jeden, der noch tiefer in die Materie vordringen will, bieten des Weiteren sicher die lückenlosen Anmerkungen in den Fußnoten, sowie eine umfangreiche Bibliographie. Zwar widmet sich der Katalog vordergründig der Wirkung des Lebenswerkes von Raffael und Dürer auf die Romantik, doch ist ein Kapitel der Publikation auch anderen »sterblichen« Göttern dieser frühen Kunstepoche gewidmet.

Erwähnung muss aber am Schluss noch der Anhang dieses Katalogwerkes finden, in welchem man nämlich, neben einigen bereits in den Texten angesprochenen Artikeln aus dem 19. Jahrhundert, unter anderem auch die komplette Canzone »Raphael Sanzio von Urbino« von Zacharias Werner nachlesen kann. Alles in allem eine lesenswerte Lektüre, nicht nur, weil der Katalog den Versuch wagt, ein in der Kunst vereintes romantisches Europa aufzuzeichnen, sondern, weil er auch gerade zu jener Zeit erschienen ist, in welcher dieser Kontinent gerade dabei ist auseinanderzubrechen.

Eine veränderte Fassung der Ausstellung wird übrigens 2016 in der Casa di Goethe in Rom gezeigt werden und die Idee von »Italia und Germania« somit über die Alpen tragen und die Kontrapunkte Dürer und Raffael zum harmonischen Zweiklang vereinen.