Buchrezensionen

Michiko Mae und Elisabeth Scherer (Hg.): Nipponspiration. Japonismus und japanische Populärkultur im deutschsprachigen Raum, Böhlau Verlag 2013

Nicht erst seitdem Mangas und Animes die heimischen Buchhandlungen und Videotheken erobert haben, inspiriert die japanische Kunst Künstler und Kunstkonzepte in Europa. Schon im 19. Jahrhundert gab es eine Rezeption weit jenseits der Popkultur. Michiko Mae und Elisabeth Scherer versammeln Essays zu verschiedensten Bereichen. Raiko Oldenettel hat sie gelesen und sieht seinen Enthusiasmus gebremst.

Als angehender Kunsthistoriker ist es mir eine Freude Kataloge zu rezensieren, die sich mit Tatbeständen meines Faches auseinandersetzen. Wenn dann noch das zweite Fach, die Japanologie, mit ins Boot geholt wird, dann ist das Lächeln meist nicht mehr aus dem Gesicht zu wischen. Und so ist es verwunderlich, dass die Essay-Sammlung »Nipponspiration – Japonismus und japanische Populärkultur im deutschsprachigen Raum« es nicht geschafft hat dieses Lächeln von Anfang bis Ende der Lektüre aufrecht zu erhalten.

Der Zauber der ersten Hälfte

Das Thema der Nipponspiration setzt sich aus den Worten Nippon, also Japan, und Inspiration zusammen. Ganz richtig reisen die Essayisten unter der Schirmherrschaft von Michiko Mae und Elisabeth Scherer daher bis zum Zeitpunkt des mittleren 19. Jahrhunderts zurück und bewegen sich mit gut der Hälfte der Beiträge nicht weit über das Jahr 1900 hinaus. Hier lassen sich die eingangs formulierten Anforderungen für die Beiträge meines Erachtens am besten erfüllen. Durch die von westlichen Mächten erzwungene Öffnung Japans und das eigene Interesse des Landes, sich auf Weltausstellungen als potenter Wirtschaftspartner vorzustellen, wird ein Austausch in Gang gebracht, der international für nipponspirierte Formensprache sorgt.

So beschreibt Susan Kelley in ihrem Aufsatz über die japonistischen Strömungen in der Wiener Moderne, welche Zentren in Europa sich für die exotisierten Gegenstände und Kunstdrucke zu begeistern begannen, und welche großen Sammler einen wesentlichen Einfluss auf den daraus entstehenden Dialog unter den Künstlern hatten. August Macke und Franz Marc sind wir dabei genau so dicht auf den Fersen, wie Klimt und Kandinsky. Nicht zuletzt auch dank er akribischen Arbeit von Claudia Delank, die den Leser mit der Nipponspiration im Blauen Reiter vertraut macht und dabei ganz unaufgeregt und sachlich darlegt, dass die europäische Kunst sich zwar in der Faszination der japanischen Andersartigkeit verbunden sieht, jedoch die neu gewonnenen Mittel ihrer Befreiung von der starren akademischen Lehren nicht einzig in der Linie und der Flächigkeit des ukiyo-e zu suchen sind.

Bei dem Gros der Beiträge wird sorgfältig auf wichtige Grundlagen der aktuellen Japanologie hingewiesen. So wird die Repräsentation kolonialer Mächte und ihrer weltweiten Ansprüche durch Besitz, Wissensaneignung und Übernahme exotischer Riten, wie auch Gegenständen thematisiert – ein Phänomen,das wir im Text von Christian Tagsold soweit auf die Spitze getrieben sehen, dass der einst als dekoratives Element der Weltausstellungen gedachte vermeintliche japanische Garten zum Objekt der herrschaftlichen Wissensordnung und der Einverleibung einer asiatischen Sinnlichkeit im eigenen Haushalt avancierte. So sehr, dass über ihn Sachbücher verfasst werden, die rückwirkend die Vorstellung ihrer eigenen Gärten von den Japanern beeinflusst werden. Ein nicht seltener Prozess der Eigen-Exotisierung, der insbesondere auch für die Kunsthistorik ein spannendes Feld eröffnet.

Im Beitrag über Walter Gropius und seine Nipponspiration sehe ich eines der ersten Probleme des Bandes. Selbstverständlich kann eine lose Essay-Sammlung nicht gänzlich verbunden werden, aber vor dem Hintergrund der Nipponspiration sollte man keinesfalls ein Thema wählen, dass am Ende eine Falsifikation der vorliegenden These als trauriges Ergebnis vorzulegen hat. Julia Odenthal, die sicherlich ein Ass auf dem Gebiet Gropius und Japan ist, hätte die im Beitrag vorliegende Kraft dazu nutzen können fruchtbare Interdependenzen herauszuarbeiten, statt unter Beweis zu stellen, dass Gropius keinesfalls in seiner Architektur von japanischen Elementen beeinflusst wurde – sondern lediglich mit großem Eifer in den letzten verbleibenden Lebensjahren Japan bereiste und seine eigenen Anforderungen an eine neue Architektur in den Jahrhunderte alten und bewährten Komponenten traditioneller Villenarchitektur wiederfindet.

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Ab da dann bergab

So gerne ich als Japanologe von Dingen wie der Leistung des Anime, der Mangazeichner und der Regisseure mit japanischem Hintergrund auf deutschem Boden lese, so ist es mir ein Rätsel, wie man vor Beginn des zweiten großen Themas zunächst zwei Interviews schalten kann. Klar, wir haben am Ende der ersten großen Sektion das Thema Madame Butterfly und ihre Rezeption in Europa, doch die Interviews zeigen lediglich eine sehr persönlich Beziehung zwischen einem Künstler und seinem Gegenstand – dabei geht es doch um die allgemeine Sprache, die allgemeine Übernahme von Nipponspiration in der Kultur. Wahrscheinlich stört mich weniger der Inhalt als die Form des Ganzen. Liebhaber solcher Interviews kommen zweifelsfrei auf ihre Kosten, denn schlecht geschrieben sind sie beileibe nicht.

Ist dann aber das Folgende noch interessant für den Kunsthistoriker, oder generell interessant? Ich möchte sagen: Nein. Als Themen werden Manga in Deutschland, Anime in Deutschland und japanische Subkultur in Deutschland geboten – aber die Essays lesen sich wie bessere Marktanalysen. Wer hat wann welchen Manga auf den Markt gebracht, wann kam der Durchbruch des Dragonball-Anime und mit welcher Wahrscheinlichkeit treffe ich während meines Shopping-Trips auf Artikel der berühmten Hello Kitty? Das liest sich zäh und es ist schlecht visualisiert. Ganz verstörend für mich war die Foren-Analyse aus der Feder von Stephanie Klasen. Nicht, weil sie den Gegenstand nicht beherrschte, sondern weil hier allen Ernstes eine Ressource zurate gezogen wurde, die kaum wissenschaftlichen Mehrwert generiert: Ein Forum über Anime-Fanfiction. Die reine Selbstdarstellung der Foren-User als eine Quelle für zuverlässige Daten heranzuziehen hat mir beim Lesen nervöses Augenzucken verursacht. Ist dies nicht eher dazu geeignet ein psychologisches Profil der eigenen Kultur anzufertigen, als die Integration einer Fremdkultur zu beleuchten? Ich habe Zweifel, aber die will ich nicht an Frau Klasen ablassen – sondern an der Forenkultur als Forschungsobjekt im Ganzen.

Die Themenwahl im zweiten Teil des Buches nimmt sich bekannter Felder der Populärkultur an, aber oft werden sie nicht zu eindeutigen Ergebnissen geführt. Und sie lässt wichtige Dinge vermissen! Wo ist das japanische Theater – das butoh – und sein Einfluss auf die deutschen Theaterbühnen? Wieso leistet keiner der teilnehmenden Doktoren und Professoren dazu einen Essay? Wie kann man die Sammelkultur der Ukiyo-e nur am Rande anschneiden, aber nicht mit der Sorgfalt beleuchten, die ihr angesichts des klammernden Topics gut gestanden hätte? Wieso Cosplay unerwähnt lassen und als Lolita-Kultur ausweisen?

Es ist die zweite Hälfte, die mir meine anfängliche Freude aus dem Gesicht gewischt hat. Es gibt kaum Farbabbildungen zu den Themen der Gegenwart und selbst die vorhandenen des ersten Teils sind unvorteilhaft abgedruckt. Ist es nicht mehr möglich seitenfüllend zu arbeiten?

Ich möchte diesen Band jedem empfehlen, der sich gerne mit der japonistischen Welle um 1900 auseinandersetzen möchte und sich darüber hinaus in der Rezeption populärkultureller Werke der Gegenwart eine Übersicht schaffen will. Einen oberflächlichen, einseitigen zwar, aber einen dafür durchaus soliden und auch mit ungewöhnlichen Methoden recherchierten.