Rezensionen

Mirjam Neumeister (Hg.): Van Dyck. Alte Pinakothek. Hirmer Verlag

Er wurde in ganz Europa gefeiert. Unvergleichlich lebendig und repräsentativ bannte Anthonis van Dyck (1599–1641) Fürsten, Feldherren, Künstler und Schönheiten ins Bild. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt hat sich die Alte Pinakothek München nun dem eigenen Bestand sowie Fragen der Bildgenese und der Werkstattpraxis gewidmet. Herausgekommen ist ein spannender Blick hinter die sichtbare Malschicht. Andreas Maurer hat sich den Katalog für PortalKunstgeschichte angesehen.

Van Dyck Cover © Hirmer Verlag
Van Dyck Cover © Hirmer Verlag

Zweifelsohne zählt Anthonis van Dyck zu den bekanntesten Malern des flämischen Barock. Vor allem in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung ist er mit wichtigen Werken vertreten. Doch viele der Bilder sind lediglich durch ihr Œuvre überliefert und weniger durch Schriftzeugnisse dokumentiert.
Seit 2105 wurden daher nun über 50 Gemälde des Bestandes (die entweder Van Dyck selbst oder seiner Werkstatt zugeschrieben wurden) genauer untersucht, wissenschaftlich bearbeitet und grundlegend erforscht. Neueste physikalisch–chemische Methoden kamen dabei zum Einsatz, darunter: digitale Infrarotreflektografie, Röntgenaufnahmen oder dendrochronologische Analysen. Ergänzt durch die Betrachtung der Gemälde mit dem Stereomikroskop haben sich wichtige Erkenntnisse über die Bildgenese und Van Dycks spezifische Malweise ergeben. Während die gleichzeitige Ausstellung in der Alten Pinakothek das Vorhandene lediglich umkreiste, geht der Katalog darüber hinaus aber vielseitigen Fragen nach – auch jenen nach der Provenienz und den Wegen, auf denen die Werke nach München gelangt sind.

Wer jetzt aber glaubt, dass es sich bei dem vorliegenden Buch um eine trockene wissenschaftliche Publikation handelt, der irrt gewaltig. Vielmehr erlaubt der Katalog dem Malergenie Van Dyck über die Schulter zu blicken. Anhand eindrücklicher Beispiele wird augenscheindlich, dass es unter den bekannten Bildoberflächen vieles zu entdecken gibt. Van Dycks intensives Ringen um die bestmögliche Bildlösung wird dort ebenso offenbar wie seine idividuelle – deutlich von Rubens zu unterscheidende – Bildauffassung. Der Maler wird in unterschiedlichen aber zueinander gehörenden Facetten erlebbar: als suchender junger Maler in Auseinandersetzung mit dem Lehrmeister Peter Paul Rubens, als aufgeschlossener und sich neuen Impulsen öffnender Italienreisender (Titoretto ud Tizian als künstlerischer Befreiungsschlag), als produktiver und bald europaweit erfolgreicher Porträtmaler und schließlich auch als Unternehmer, der einer effizient organisierten und vielgliedrigen Produktionsstätte vorstand.
Das Besondere dabei: Am Beispiel Van Dycks definiert sich der Werkstattbegriff nicht allein durch die Qualität einzelner Gemälde. Vielmehr steht er für den vielschichtigen Entstehungsprozess im Atelier mit mehreren Mitarbeitern unterschiedlicher Qualifikation und Spezialisierung. Die Realisierung eines Bildes oder einer Bilderfolge (z.B. einer Apostelserie) lag bei Van Dyck offenkundig in verschiedenen Händen, der Betrieb war somit in der Lage auch kurzfristig auf eine hohe Nachfrage zu reagieren. Ein Heterogenes Endprodukt störte die Kunstschaft anscheinend nicht. Vielleicht auch, weil sich selbst die Meisterhand unter Zeitdruck einer schnelleren, effizienteren Malweise bediente.

Doch nicht nur vorne, auch hinten erzählen die jahrhundertealten Gemälde noch immer neue Geschichten: Bei Bildnissen von Künstlerkollegen wurden – im Vergleich zu offiziellen Aufträgen – weniger qualitätvollen Leinwand verwendet (z.B. Der Maler Jan de Wael und seine Frau Geertruid de Jode).
Überraschend ist auch, dass die repräsentativen ganzfigurigen Porträts (ein Aushängeschild Van Dycks) zahlreiche Veränderungen aufweisen. Besonders auffällig im Bildnis der Sebilla van den Berghe: ausgerechnet im Hintergrund wurden hier signifikante und für den Bezug zum Pendant durchaus folgenreiche Überarbeitungen vorgenommen. Bei einem derart qualitätvollen Bild, wo es um die Wiedergabe der dargestellten Person im Besonderen ging, hätte man das wohl weniger erwartet.

Neben einer stilkritischen Analyse und der Untersuchtung der Malweise erlaubte u.a. die Dendochronologie neue Einblicke zu gewinnen. Damit lässt sich das Alter der Holztafeln bestimmen, genauer: die Fällzeit eines Baumes (hinzu treten dokumentarische Nachweise in Form von Archivalien oder auch historischen Belegen wie Schlagmarken und Tafelmacherzeichen bei Holztafeln oder auch die Siegel auf den Rückseiten).
In einem Fall führte die Dendrochronologie sogar zu einer Änderung einer bislang sicher geglaubten Datierung: Die Inschrift »1634« auf der Rückseite der Beweinung Christi wurde scheinbar in einem anderen Zusammenhang aufgebracht, der dendrochronologische Befund legt eine frühere Entstehung nahe.

Neben der reinen Analyse der Werkgenese wurden im Zuge der jahrelangen Forschungsarbeit aber nicht nur Fragen der zeitlichen Einordnung geklärt, die wissenschaftliche Untersuchtung führte schlussendlich zu Veränderungen in der künstlerischen Bewertung von Werken, Zu– und Abschreibungen inklusive. Achill unter den Töchtern des Lykomedes galt etwa bislang als Werk des Jan Boeckhorst (1604–1668), ein Infrarotreflektogramm machte die Kreide–Vorzeichnung unter der Malschicht jedoch sichtbar und bewies, dass das Werk in der ursprünglichen Anlage dem Gemälde Van Dycks in der Sammlung Graf von Schönborn entsprach.

Der Vorteil bei diesem monumentalen Katalog: Man muss die Werke nicht im Detail kennen, großformatige Abbildungen in hoher Auflösung und die passenden Vergleichsbeispiele machend spielende jede/jeden zum Van Dyck–Experten.
Tabellen die sich den Siegel, Tafelmacherzeichen und Brandstempel auf den Gemälden widmen lassen die Herzen der Wissenschaftler*innen höher schlagen, ebenso eine mehr als umfangreiche Literaturliste, sowie ein Werkkatalog auf der Grundlage der kunsttechnologischen und maltechnischen Untersuchungen.

Doch auch wenn man Van Dyck über Jahre geröngt und analysiert hat:
Manche der Beobachtungen lassen sich noch immer nicht vollständig erklären. Hier hoffen die Autor*innen – auch mit den Ergebnissen der technischen Untersuchungen wie der Faser– und Pigmentanalyse – der Forschung Material zur Verfügung zu stellen, das möglichweise erst in Zukunft in seiner vollen Bedeutung zum Tragen kommt.

Eines ist aber jetzt schon sicher: Der Katalog zeigt Van Dyck wie man ihn noch nie gesehen hat und erlaubt dank der prächtigen Aufarbeitung eine unvergleichliche Zeitreise in das Innenleben der Bilder und ins flämische Barock.

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