Ausstellungsbesprechungen

Mit sterilisierten Kneifzangen angefasst: Werner Tübke – Die Retrospektive zum 80. Geburtstag, Museum der bildenden Künste Leipzig, bis 13. September 2009

Das Ausstellen von politisch motivierter Kunst – besonders von solcher, die in den letzten 100 Jahren entstanden ist – scheint für Museen und Ausstellungshallen ein Drahtseilakt zu sein. Zum einen will man diese Kunst zeigen und zur Diskussion aufrufen, wie man mit dem Erbe vergangener Propaganda umgehen soll. Zum anderen fürchten Ausstellungsmacher, sich mit Kommentierungen aus dem neutralen Gebiet der Wissenschaft an eine Öffentlichkeit zu begeben, die nur darauf zu warten scheint, ihr politisches Einbahnstraßendenken gebündelt und mit viel Pathos auszuschütten.

Zwei – zumindest für die Autorin – immer noch unverständliche Beispiele von Wuttiraden gegen Ausstellungskonzepte, die sich sogar gegen die Kuratoren und deren Familien richteten, sind die 1999 in Weimar gezeigte Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ (Teil 2 und 3) sowie die Ausstellung mit Arbeiten des Bildhauers Arno Breker, die 2006 in Schwerin gezeigt wurde. Warum sich dieser Zorn entwickelt, bleibt ein Phänomen. Die Konsequenz daraus ist allerdings, dass man beim Kuratieren nun vorsichtig geworden ist, den Besuchern kommentarlos Kunstwerke zeigt, die man nach harmlosen, aber auch nichtssagenden Kategorien ordnet. Im Ergebnis entstehen Konzepte, die so unsichtbar gestaltet sind, dass sie wirken, als hätten sie Laien entworfen.
Eine solche kommentarlose Ausstellung kann man derzeit im Leipziger Museum der bildenden Künste sehen, die 70 Bilder des vor wenigen Jahren verstorbenen Werner Tübke, dem großen „Malerfürsten“ der DDR, zeigt. Dem Besucher begegnen hier Bilder aus allen Schaffensphasen, und es vermischen sich solche, die sozialistische Hurra-Themen inhaltsschwanger und großformatig aufblähen, mit denen, die Tübke offensichtlich malte, um allgemeine Themen zu behandeln oder sich als künstlerische Persönlichkeit in Szene zu setzen. Als Frontispiz dient der Ausstellung die Biografie Tübkes, in der verdächtig oft von Reisen ins „westliche Ausland“ zu lesen ist. Der erste Raum der Ausstellung zeigt sich ebenso international mit dem Diptychon-Zyklus „Die fünf Kontinente“. Hierin entfaltet sich die ganze zweidimensionale sozialistische Propaganda: links die guten Arbeiten, die überall auf der Welt von den rechts in Szene gesetzten reichen Imperialisten oder unmoralischen Militärs unterdrückt und gegeißelt werden – so einfach war damals noch die Welt! Es fällt schwer, keine Ironie in diesen Bildern zu lesen. Es folgen Räume, in denen Bilder mit Harlekin-Motiven versammelt sind, christliche Szenen, italienische Szenen, Bauern- und Arbeiter-Szenen. Dazwischen finden sich immer wieder monumentale Zyklen wie „Mensch – Maß aller Dinge“. Sogar ein Gemäldezyklus für Webers Freischütz ist ausgestellt, den Tübke nach dem Fall der Mauer ausführte.

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Würde man einen archäologischen Fund nach einem solchen Muster ausstellen, wäre das vollkommen gerechtfertigt. Doch das ist mitnichten der Fall, denn mit Tübke ist in Leipzig ein Maler ausgestellt, der nicht nur äußerst sensibel die klassischen Techniken Alter (und neuer) Meister – von italienischen Renaissancemalern, Pieter Bruegels Bauernbildern, Rubens Vorlieben menschlicher Volumina, bis hin zur symbolistischen Malerei eines Otto Dix und Georg Grosz sind die Bezüge vielfältig – in seiner Malerei anwendete, sondern auch Bildinszenierungen schuf, die zwar vor sozialistischer Propaganda strotzen, letztlich aber doch allgemein Menschliches unter dem dicken roten Firnis hervortreten lassen. Es stellt sich daher die Frage, wie dieses Bildprogramm mit dem sozialistischen Staat zu vereinbaren war, denn die Kritik des Malers an politischen Machthabern, die er im Mantel von Kirchenfürsten aus vergangenen Zeiten deutlich werden lässt, hätte sich doch ebenso auf die Führer des „Arbeiter- und Bauernstaates“ DDR anwenden lassen? Und schwingt in den Bildern nicht die Sehnsucht eines tief romantischen und freiheitlichen Ideologen mit, wenn er die Entschlossenheit und Gemeinschaft in der Erhebung des gemeinen Mannes im Deutschen Bauernkrieg inszeniert? War Tübke, der so sensibel die Themen der Weltgeschichte in seinen Bildern verarbeitete, denn blind gegenüber den Verhältnissen in seinem eigenen Umfeld? Schließlich dürfte ihm auch als Kunstprofessor doch nicht entgangen sein, dass aus seinen eigenen Reihen immer wieder Kollegen und Studenten wegen läppischer Ereignisse in Zuchthäuser gesperrt wurden. Und was ist davon denn nun in seinen Bildern zu sehen? Ist nicht gerade der Harlekin für Tübke (wie für Picasso, van Dongen und viele andere Künstler auch) ein Motiv der Selbstdarstellung des Künstlers in seinem Umfeld und wie wandelt sich dieses Motiv in den Bildern? Statt diesen sich unweigerlich aufdrängenden Fragen (und vielen anderen mehr) mit einer klugen Ausstellungsinszenierung zu begegnen und Tübkes eben doch nicht so ganz staatskonforme Rolle zu klären, bleibt ein Kommentar aus und man „zeigt“ nur – das reicht nicht!
Leider scheint auch der Ausstellungskatalog keine Antworten zu liefern, obwohl berufene Autoren wie Gerd Lindner, Direktor des Panorama-Museums in Bad Frankenhausen, zu Wort kommen. Geradezu irritierend sind außerdem die Kommentare von Kollegen und Schülern Werner Tübkes, die nur Anekdotenhaftes zu berichten haben – zumindest Hans-Hendrik Grimmling hat man schon anders über Werner Tübke reden hören.
Neben aller inhaltlicher Kritik, die auch durchgehend im Besucherbuch zu lesen ist, bietet die Ausstellung einen guten Einblick in das Werk des Leipziger Malers und sichert seine Bilder als große Malerei, die ein wahres Fest für die Augen ist und die mit ihrem Reichtum an Symbolik und künstlerischer Meisterschaft zum Schauen und Denken anregt. Es wäre wirklich sehr wünschenswert, wenn gerade im Leipziger Museum der Ausstellungszyklus von den Meistern der klassischen Leipziger Malerschule mit mehr Mut zum Kommentar und zur Erklärung fortgeführt werden würde. Denn nur so wäre auch gewährleistet, dass diese Maler nicht in der Versenkung verschwinden, sondern zum festen Kanon der jüngsten Kunstgeschichte werden. Es dürfte doch der Leipziger Sammlung ein Bedürfnis sein, den eigenen Bestand in seiner Wichtigkeit zu stärken und einzigartige Themen zu sichern. Es wäre sehr schade, wenn das nicht gelingen würde.
 

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