Buchrezensionen

Mitchell, J. T. W.: Bildtheorie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008.

Aktuelle Entwicklungen in der Kunstgeschichte gehen hin zu einer neuen Disziplin, den Bildwissenschaften, die sich mit dem Wesen des »Bildes« an sich auseinandersetzt. Ihre Zielsetzung setzt umfassender an als die klassische Kunstgeschichte und schließt zahlreiche andere Disziplinen wie Medienwissenschaften, Philosophie und Soziologie mit ein.

Einer der führenden Denker der Bildwissenschaften ist William James Thomas – kurz W. J. T. – Mitchell, der 1992 den Begriff des »Pictorial Turn« geprägt hat. Obwohl Mitchell, derzeit Professor für Englisch und Kunstgeschichte an der University of Chicago, als Gründungsfigur dieser neuen, vor allem im angelsächsischen Bereich höchst einflussreichen Forschungsrichtung gelten kann, waren seine Schriften bislang nicht auf Deutsch erhältlich. Dies ändert sich nun, da der Suhrkamp Verlag mit dem Band »Bildtheorie« erstmals eine Auswahl der wichtigsten Texte von W. T. J. Mitchell aus den letzten zwanzig Jahren auf Deutsch vorlegt. Aufgeteilt in die vier Themenbereiche »Ikonologie«, »Bildtheorie/Theoriebilder«, »Visuelle Kultur« und »Bilder der Öffentlichkeit« werden vierzehn Aufsätze versammelt. Ergänzt wird der Band außerdem durch ein Nachwort von Herausgeber Gustav Frank, der mit »Pictorial und Iconic Turn. Ein Bild von Zwei Kontroversen« einen Überblick über die abgedruckten Texte Mitchells gibt und seine Theorien allgemein erläutert.

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Bekannt geworden ist Mitchell 1986 mit der Veröffentlichung des Aufsehen erregenden Bandes »Iconology«, der die vorliegende Publikation mit drei Kapitelauszügen eröffnet. Mitchell widmet sich darin den ebenso simplen wie komplexen Fragen »Was ist ein Bild?« und »Was ist der Unterschied zwischen Bildern und Worten?« (S. 9); Fragen, mit denen er sich in seinem Werk immer wieder befasst. Schnell wird klar, dass dies nicht einfach zu beantworten ist. Die Schwierigkeiten beginnen bereits damit zu benennen, was ein Bild ist, also noch bevor man »eine universelle Definition des Begriffs [Bild] sucht« (S. 20). Ölgemälde, Spiegelbilder, Traumbilder, Metaphern sind Typen von »Bildern«, die in den unterschiedlichen Disziplinen vorkommen. Entsprechend beschreibt Mitchell sein Vorhaben:

Ich habe daher nicht vor, eine neue oder bessere Definition vom Wesen der Bilder zu geben […]. Stattdessen werde ich mich der Frage widmen, auf welche Weise wir das Wort Bild in verschiedenen institutionalisierten Diskursen verwenden – in der Literaturkritik, der Kunstgeschichte, der Theologie und der Philosophie –, und ich werde die Art, in der jede dieser Disziplinen von Begriffen der Bildlichkeit Gebrauch macht […] einer Kritik unterziehen. Es geht mir darum, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie unser »theoretisches« Verständnis der Bildlichkeit in sozialen und kulturellen Praktiken verankert ist […]. (S. 19)

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In den sich anschließenden umfangreichen Ausführungen zum Bild vom Bild in Literaturtheorie, Philosophie, Theologie und Kunsttheorie nimmt Mitchell den Leser an die Hand, er stellt immer wieder rhetorische Fragen, die die Gedankengänge nachvollziehbar machen und zeigen, an welcher Stelle sich die Überlegungen befinden. Allerdings verlangen seine Ausführungen dem Leser ein großes Maß an Vorwissen oder zumindest eine sehr gute Allgemeinbildung ab, um die zahlreichen Exkurse in die Geistesgeschichte von der Antike bis heute mitverfolgen zu können. Zudem rekurriert Mitchell immer wieder auf Wittgensteins

Frühwerk (Tractatus Logicus Philosophicus). Vertraut sollte der Leser auch mit philosophischem Vokabular sowie entsprechenden Denkmustern sein. Obwohl der Text konzentriert und treffend geschrieben ist, die Kapitel relativ kurz gehalten sind und gelegentlich durch Diagramme veranschaulicht werden, sind Mitchells Ausführungen dadurch nicht »einfach« zu lesen. An dieser Stelle sei auf den etwas kürzeren Text »Repräsentation« hingewiesen, in dem Mitchell einen grundlegenden Abriss über die Funktionsweise von Repräsentation/Darstellung von etwas gibt; der verhältnismäßig kurze Aufsatz bietet sich zum Einstieg in die Thematik an.

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Nachdem mit der »Iconology«, auf die sich Mitchell auch selbst immer wieder bezieht, der Ausgangspunkt seiner Überlegungen eingeführt worden ist, wird im nächsten Kapitel die Bildtheorie und der »Pictorial Turn« thematisiert; hier finden sich Auszüge aus Mitchells zweitem wichtigen Buch »Picture Theory« (1994), in dem die Überlegungen zum Verhältnis von Wort und Bild weitergeführt werden. Aufschlussreich sind Mitchells Ausführungen für die von ihm vorgeschlagenen Wendung »Pictorial Turn«:

Dafür scheint sich heute eine andere Verschiebung in dem, worüber Philosophen sprechen, abzuzeichnen […]. Ich möchte diese Verschiebung »Pictorial Turn« nennen. (S. 101f.)

Was die Bedeutung des Pictorial Turn also ausmacht, liegt nicht darin, dass wir eine schlüssige Erklärung von visueller Repräsentation hätten, […] sondern daß Bilder eine sonderbare Reibungsfläche und Anlaß zu Unbehagen in einer breiten Vielfalt von intellektuellen Untersuchungen sind. (S. 104)

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Der Pictorial Turn ist keine Antwort auf irgend etwas. Er ist nur eine Art und Weise, die Frage zu formulieren. (S. 120)

Übrigens bespricht Mitchell in »Pictorial Turn« ausführlich Erwin Panofsyks bekannten Aufsatz »Die Perspektive als ›Symbolische Form‹« von 1924/25 (veröffentlicht 1927) sowie eine Kritik an diesem Text von Jonathan Crary. Es fällt auf, dass Mitchell – ganz der Literaturwissenschaftler – meist mit allgemeinen Überlegungen zu einer Problematik beginnt und danach zu einer ausführlichen Analyse von Texten übergeht, die dem Leser viel Vorwissen abverlangt.

Es folgen eine Reihe weiterer Texte Mitchells seit den 1990er Jahren sowie einige der aktuellsten Veröffentlichungen aus den letzten acht Jahren. Den Abschluss des Bandes bildet ein sehr persönliches Gespräch Mitchells mit dem 2003 verstorbenen Literaturtheoretiker und Palästinenseraktivisten Edward W. Said über die visuellen Künste.

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Mit den gelungen ins Deutsche übertragenen Aufsätzen bietet der Band »Bildtheorie« einen viel versprechenden Einstieg in das umfangreiche Werk Mitchells sowie zu den Anfängen der Bildtheorie. Der Leser sei aber noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Band keine schlüssige Entfaltung einer Bildtheorie entwickelt, wie der vielleicht etwas zu kurz gefasste Titel nahe zu legen scheint, sondern dass Mitchells Überlegungen zu einer solchen präsentiert, wie sie im Laufe mehrerer Jahren angestellt worden sind.

¹Jonathan Crary, Techniques of the observer. On vision and modernity in the nineteenth century, Cambridge/Massachusetts 1990 (dt.: Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert, Dresden 1996).

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