Ausstellungsbesprechungen

Mittelalterliche Kunst. Sanctus! 800 Jahre Kunst und Kult – Heilige an Rhein und Mosel

Eine gesegnete Landschaft ist der Mittelrhein (wie der Oberrhein) ohne Frage. Dass dies nicht nur eine Frage des Gaumens ist, sondern auch eine des Heiligen Geistes, zeigt die Ausstellung »Sanctus!« im Koblenzer Mittelrhein-Museum.

Passend zur Weihnachtszeit gestartet, bemühten sich die Verantwortlichen auch sogleich, die Schau zum Heiligenschein auch über den hl. Nikolaus – unter seinem Titel zeigt das Haus seine älteste, leider kopflose Plastik von 1170/80 – zu rechtfertigen. So weit ist es wohl gekommen: Die Welt des Numinosen ist der Welt der Sensationen gewichen, wogegen noch die schönsten Kunstwerke kaum etwas entgegenhalten können. »Mögen wir«, so zitiert der Museumsleiter Mario Kemp den Philosophen Hegel in seinem einfühlsamen Vorwort zum Katalog, »Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen: es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr.«

Andrerseits gibt es ein aufrechtes, zumindest kunsthistorisches Interesse für die Heiligenzunft und den damit zusammenhängenden Reliquienkult: Verschiedene Untersuchungen Anton Legners im Rahmen großer Ausstellungen im Kölner Raum und ähnliche Projekte anderswo machen dies genauso deutlich wie die mittlerweile wohlfeile Ausgabe des »Lexikons der christlichen Kunst« (LCI), und im März erscheint Norbert Wolfs Buch »Die Macht der Heiligen und ihrer Bilder«, das den Weg der Verehrung von den Anfängen und in all ihren Facetten bis hin zu Noldes »Maria Ägyptiaca« und zu Marc Rothkos vergeistigten Besinnungsräumen beschreibt. Nebenbei bemerkt, hat der gegenwärtige Papst in seiner Amtszeit eine wahre Flut von Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen, die über alle Launigkeit erhaben ist. So folgt »Sanctus!« also eher einem Trend als einem Saison-Event.

Zwei herausgegriffene Highlights der Präsentation sollen einen Hauch der Faszination und zugleich die Bandbreite aufzeigen, die sich mit dem Thema verbinden. Zunächst ist da die wunderbare »Anbetung der Könige« von Jörg Breu d.Ä.: Die Heiligen Drei Könige sind soeben zur Heiligen Familie geführt worden: Gedankenversunken noch der eine, gespannt ein anderer; der dritte ist bereits auf die Knie gesunken und hält seine Goldschatulle dem Jesuskind entgegen, das von Marias Schoß herab hineingreift. Spektakulär sind die ineinander versunkenen Blicke von Kind und König, die dem Bild mit den aufregenden Diagonalen eine magische Ruhe geben.

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Breus Tafel ist ein Meisterwerk, das jedoch in den porträthaften Gesichtszügen der Könige schon den Ausstieg aus dem bloßen Glaubenskontext anzeigt: Werden hier unrechtmäßig die Stifter des Bildes in Heilige umgemünzt? Auf der gegenüberliegenden Seite des Ausstellungspanoramas findet der Besucher köstliche Beispiele eines Volksglaubens, der wiederum zwischen echter Frömmigkeit und Kitsch bis hin zum Marketing reicht. Mit Genuss entdeckt man hier neben jenen vollendeten Werken der Kunst und beeindruckenden Zeichen der Privatandacht einen Taschenkalender vom Ende des 14. Jahrhunderts, der die Einbindung der Heiligen in den Alltag des Mittelalters unterstreicht. Der Weg ist freilich nicht weit zu den Reliquienverehrungen, bei denen Splitter des Kreuzes oder die Windel Jesu oder wider Erwarten auch ´mal gar nichts eine Rolle spielen (wer wagte schon in einen Schrein zu gucken und ihn auf Inhalte hin zu überprüfen?). Nicht nur die Zahl der Heiligen ist unüberschaubar, auch ihre Nachwirkungsbreite auf die menschliche Phantasie ist grandios.

Für den heutigen Betrachter mag die Zurschaustellung von Heiligen vorwiegend von ästhetischem Interesse sein; doch gerade in der Schwebe zwischen Hokuspokus und Seelenbalsam wird man sich nicht immer eines anregenden Schauers verschließen können. Und so angenehm es ist, dass die Koblenzer Schau ganz locker auf die Welt der Heiligen zugeht, so dankenswert ist es, dass hier (wiederum im Katalogvorwort) nebenbei mit einem Missverständnis aufgeräumt wird: Karl Marx brandmarkte die Religion nicht als »Opium für das Volk«, wie immer wieder behauptet wird, sie sei vielmehr »Opium des Volkes« – der exzellente Bibelkenner Marx war sich darüber im Klaren, dass es keines Herrschers bzw. Regenten bedürfe, der die Untertanen zum Glauben zwingt; der Reiz religiöser Symbole reicht aus, sich selbst zu be-geistern, und sei es auch durch Selbsttäuschung.

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Kurz vor dem Finale warten Christoph Schmitz-Scholemann, Richter am Bundesarbeitsgericht, und Dr. Martin Stankowski, Kölner Journalist, mit einer Heiligen-Revue unter dem Titel »Glaube, Hiebe (sic!), Hoffnung«, basierend auf einer Neuübersetzung der »Legenda aurea« des Jacobus de Voragine (Freitag, 13. Februar, 19 Uhr), auf.

 

Weitere Informationen

 

Eintritt
Erwachsene 2,50 EURO
Ermäßigte Karten 1,50 EURO

Öffnungszeiten
Dienstag – Samstag 10.30–17 Uhr
Sonntag 11–18 Uhr

Führungen

Sonntags 15 Uhr: 4,- EURO

Führungen für Schulen und Gruppen nach Vereinbarung (Klassengebühr für eine einstündige Führung 10,20 EURO; mit anschließendem Workshop 20,40 EURO)
Tel.: 0261-1292511