Buchrezensionen

mobile – Gesellschaft der Freunde für Möbel- und Raumkunst e.V. (Hrsg.): Der Grüne Salon im Wittumspalais in Weimar. Einblicke in die höfische Wohnkultur der Goethezeit. Fulda 2007.

»Möbel sind ein wichtiger Bestandteil unseres zivilisatorischen Lebensraumes. Sie prägen das Umfeld des Menschen. Sie stehen im Kontext zu anderen Möbeln, Innenräumen oder kulturellen Komplexen und sind aufs Engste mit Raumkunst verbunden.«

So die einleitenden Worte der ersten Publikation des in Frankfurt am Main ansässigen, jungen Vereins »mobile«, der sich selbst als Bindeglied zwischen der nonakademischen Gruppierung der Sammler, Restauratoren sowie Händler und der akademischen Vertretung der  Historiker und Kunsthistoriker versteht. Ebenso als Bindeglied ist die vorliegende Neuerscheinung zu betrachten, ist diese doch in Zusammenarbeit mit der Klassik-Stiftung Weimar zustande gekommen. Die Neuerscheinung vereint Beiträge von Susanne Schroeder (Vorstand vom mobile e.V.), Andres Büttner (Kunsthistoriker), Albrecht Schoder (Restaurator) und Michael Sulzbacher (Kunsthändler) wie auch von Henriette Graf (Möbelhistorikerin) miteinander.

Der Verein »mobile« hat sich auf die Suche nach Spuren Gottlieb Willhelm Holzhauers (1753-1794), dem »englischen Ebenisten« am Hofe der Herzogin Anna Amalia, gemacht und fand den Weg in den Grünen Salon. Die Publikation stellt die Ergebnisse der 2006 in Weimar zu diesem Thema stattgefundenen Tagung dar. Des Weiteren markiert er den Anfang einer geplanten Reihe. Der erste Band widmet sich folglich dem Sermae Wohnzimmer im Wittumspalais in Weimar , dem Wittwensitz der Herzogin. Dies wird auf 58 Seiten thematisiert. Es ist also vielmehr ein Heft denn ein Band, ein Umstand der sicherlich nicht dem fehlenden Sachverständnis, sondern dem speziellen Thema zuzuschreiben ist. Denn die Hinterlassenschaften des Weimarer Tischlers sind eher rar gesät und so nimmt es nicht wunder, dass das Werk des 1794 verstorbenen Holzhauer erst jetzt, 2007, also über 200 Jahre später, wissenschaftlich aufgearbeitet wurde.

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Die Publikation nähert sich dabei in vier Schritten dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand an, sechs Stühlen, einem Kanapee, einer Kommode, einem Ofenschirm und einem Zylinderbureau mit Aufsatz. Der Publizist Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) gibt hierbei den Ariadnefaden. Dies geschieht mit Hilfe des von ihm verlegten Journals des Luxus und der Moden (1786-1827). Hierin fanden sich Beiträge verschiedener Art. Sie reichen vom Werben für den Neusten Kopfputz der Frauen bis hin zu Artikeln Goethes Farbenlehre. Inmitten diesem ersten beständigen »Versandhauskatalogs« fanden sich auch Beiträge zum Werk Holzhauers. Demnach wurden darin alle oben genannten Möbel bereits beschrieben und beworben. Das große Plus des vorliegenden Bandes ist es, diese Stellen am Ende zusammen getragen zu haben und in voller Länge auszuführen, so dass ein abgerundetes Bild entsteht. Das vermutlich gerade dies das Ziel der Veröffentlichung war, wird unter anderem durch das schrittweise Herantasten deutlich. Der Weg beginnt - nach sehr allgemeinen, und deswegen thematisch wenig zuträglichen Bemerkungen zu mobile e.V. - durch den Beitrag von Susanne Schroeder, mit der Herzogin Anna Amalia und ihrem Umfeld, zieht mit ihr ins Wittumspalais, dort in den Grünen Salon mit seinem Deckengemälde von Adam Friedrich Oeser. Auch auf Wandgestaltung, Beleuchtung und Heizung soll noch eingegangen sein, bevor das eigentliche Thema, nämlich der Ebenist Holzhauer, aufgegriffen wird. Obgleich dieser nicht den Titel des Bandes stellt und dort auch keine Erwähnung findet, ist er jedoch zweifellos im Fokus der gesamten Auseinandersetzung. Dies erhellt sich auch aus der Tatsache, dass dem angesprochenen Adam Friedrich Oeser ebenso wie Jacob Philipp Hackert, der die im Grünen Salon hängenden Gemälde italienischer Landschaften malte, eindeutig weniger Raum in den Ausführungen beigemessen wird.

In einem zweiten Schritt wendet sich Andreas Büttner dann dem »wiederendeckte[n] Englische[n] Ebenist[en]« zu und umreißt dessen Leben und Wirken in Bezug zum Weimarer Hof.

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Unter all diesen eher einleitenden Bemerkungen erreicht der Band mit dem dritten Beitrag (von Albrecht Schoder und Michael Sulzbacher) sein dem Vorwort nach erklärtes Ziel, das Ameublement des Grünen Salons. Einzeln werden die von Holzhauer gefertigten Waren abgehandelt, mit Pinsel und Pinzette wird Stück für Stück versucht seine Handschrift freizulegen. Die Verwendung von nur einer sehr breiten Kannelur an den Beinen der Möbel ist gebauso ein Zeichen der Marke Holzhauer wie die Rosetten aus Messingblech, welche sich auch an den Wänden wieder finden und hier das Zusammenspiel von Raum und Einrichtung hervorheben. Neben seiner individuellen Note ist es aber auch sein Erfindungsgeist, dem hier Rechnung getragen wird. So resümieren die Autoren am Ende des Beitrags: »Moderne Errungenschaften der Fertigungstechnik […] und individuelle Konstruktionslösungen […] weisen ihn als innovativen Handwerker aus.« »Mit ihm“, so zum Ende des vorigen Abschnittes, „wurde am 2. April 1794 der wichtigste Tischler im klassischen Weimar vor der Ankunft des Roentgen-Schülers Johann Willhelm Konrath zu Grabe getragen«.

Wenn ein solch talentierter und hochgelobter Handwerker mit den Gewohnheiten seiner Zeit bricht, liegt die Frage nach Vorbildern, Einflüssen eben nach Ursprüngen seiner Kunst nahe. Diese Frage wird im vierten und letzten Teil des Bandes aufgeworfen und beantwortet. Henriette Graf zeigt hierin, dass die englischen Möbel, wobei die Prädikation »englisch« eine Bezeichnung des eher schlichten, wenngleich als modern geltenden Stils, nicht jedoch eine Auskunft über die geographische Herkunft ist, tatsächlich vielmehr französisch Beeinflusst sind. Auch hierin wird Holzhauers Leistung deutlich, denn laut Verfasserin, resultiert sein hoher Wiedererkennungswert aus der glücklichen Vereinigung der stilbildenden Einflusssphären.

Insgesamt fügt sich die Publikation von »mobile« in das Anna-Amalia-Jahr 2007 ein und hat Anteil  neben den Events der Weimarer Klassik-Stiftung wie z.B.  die Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek sowie der Ausstellung »Ereignis Weimar, Anna Amalia, Carl August und das Entstehen der Klassik 1757-1807«.

 

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