Ausstellungsbesprechungen

Modern British Sculpture, Royal Academy of Arts London, bis 7. April 2011

Ekelattacken, Wow-Effekte, Momente der Bewunderung und Unverständnis - und schlussendlich die Frage aller Fragen: Ist das Kunst und was ist Kunst? Sind es die Fliegen in Damien Hirsts neuer Installation, die sich über Essensreste hermachen und sich täglich vermehren; oder sind es die weißen Steine aus Richard Longs »Chalk Line«, die einen geraden, rechteckigen Weg bilden; oder doch Jacob Epsteins monumentale Skulptur »Adam«, der mit stolz geschwellter Brust zum Himmel aufschaut und dessen Riesenpenis nicht zu übersehen ist? Doch das Spiel mit den Emotionen und die Gewissensfrage endet nicht bei diesen drei Objekten. Karin Ego-Gaal hat sich einen Überblick über die moderne britische Skulptur verschafft.

Die Royal Academy of Arts hat mit »Modern British Sculpture« eine beeindruckende Show zusammengestellt, die 120 Kunstwerke umfasst und noch mehr Fragen aufwirft: Was ist britisch? Was ist modern? Was ist Skulptur?

In chronologischer Reihenfolge und in 12 Themen unterteilt, bietet die Ausstellung einige der Schlüsselfragen, welche Bildhauer im 20. Jahrhundert zu beantworten hatten. Jede Galerie zeigt Werke, deren Fokus auf die Aufmerksamkeit eines bestimmten Objekts, Bewunderung oder Konfrontation gerichtet ist. Die Auswahl gerade dieser Werke untersucht ebenfalls die vielen Entscheidungen, die ein Bildhauer ständig treffen musste: zwischen Figuration und Abstraktion, geschichtlichen, persönlichen und politischen Funktionen, Techniken und Materialien, die Größe der Skulptur, der Ort, an dem sie aufgestellt wird und wie sie eventuell mit der Umgebung harmoniert. Warum diese Ausstellung gerade in London stattfindet, spielt eine zentrale Rolle: Durch die Sammlungen der großen Museen, die Kunstschulen und internationalen Ausstellungen wurde ein besonderes Klima kreiert, das junge Künstler in die Hauptstadt lockte.

Mit »Monumentalising Life and Death« beginnt und endet die Ausstellung. Im Mittelpunkt des ersten Raumes stehen zwei bedeutende Werke: Edwin Lutyens »Cenotaph« (1920) und Jacob Epsteins »Cycle of Life« (1907). Lutyens Werk steht am Boden, mit seiner ganzen Schwere und Bedeutung, welches nicht nur physische sondern auch psychische Last trägt. Der »Cenotaph« wurde als Denkmal für die Toten gebaut und manifestiert die Kraft der Abstraktion. Während Epsteins Skulpturen das Leben feiern und die symbolische Kraft der menschlichen Figur. Dialoge spielen innerhalb jeder einzelnen Galerie eine große Rolle; Kunstwerke, die sich ergänzen, aber auch den Kontrast deutlich aufzeigen. Dialoge zwischen antiken, ethnografischen und modernen Werken, die teilweise nur ermöglicht wurden durch die wunderbaren Sammlungen der großen Museen Londons wie das British Museum und das Victoria und Albert Museum. Eine der wohl größten privaten Sammlungen von ethnografischen Kunstwerken baute der Künstler Jacob Epstein auf. Sein Interesse galt der ästhetischen Wirkung, den Materialien und wie bei »Adam« (1938-1939) deutlich zu sehen ist, den Symbolen der Fruchtbarkeit. Kein Werk füllt den Raum mehr aus als der aus Alabaster geschaffene »Adam«. Er, der Vorfahr aller Menschen, der Inbegriff des primitiven Mannes, ein Kraft- und Muskelpaket, dessen Fokus deutlich auf seinem Genital liegt. Henry Moores »Snake« direkt daneben, spricht Sexualität auf indirekte Art und Weise an und tritt schon allein durch ihre Größe in den Hintergrund.

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Größe spielt eine bedeutende Rolle bei den nächsten Werken »Jubilee Memorial to Queen Victoria« (1887) von Alfred Gilbert und »Genghis Khan« (1963) von Phillip King. Eine Beziehung zwischen Statue und Skulptur, zwischen dem Monument und der Figur, die außerdem fast ein ganzes Jahrhundert trennen. Zwei Werke, die konträrer nicht sein können, sprechen von Größe und Bedeutung. Alfred Gilbert, der im späten 19. Jahrhundert ein großer Befürworter der „New Sculpture“–Bewegung war, was bedeutete, den menschlichen Körper in einer naturalistischen Form darzustellen, kreierte das atemberaubende Denkmal für Königin Victoria. Die kolossale Größe und die Pyramindenform mit der Königin in der Mitte zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Pomp, Glanz und Glorie ist genau das Gegenteil was Phillip Kings »Genghis Khan« vermittelt. Einfachheit in Struktur und Farbe, wie ein in sich ruhender lila Berg, der die Wolken teilt, begegnet sie ihrem Gegenüber.

In Konversation stehen ebenfalls zwei bedeutende Künstler, die sogar als das internationale Gesicht der Britischen Skulptur gelten: Henry Moore und Barbara Hepworth. Moores »Reclining Figure« (1951) repräsentiert mit seiner wellenartigen Form die raue englische Landschaft, der liegende Körper mit dem nach unten gedrehten Kopf und dem offenen Mund soll an die Kriegsopfer erinnern. Diese großformatigen Skulpturen präsentieren eine neue britische Identität der Nachkriegszeit. Hepworths abstraktes Design »Single Form« (Memorial, 1961-62) gibt es in verschiedenen Variationen von Größe, Oberflächenstruktur und Material. Wie ein überdimensionaler flacher Stein mit einem runden Loch in der oberen Hälfte, demonstriert »Single Form Memorial« ein privater und intimer Verlust und ist sogleich öffentliche Skulptur für die United Nations und verkörpert die Philosophien von Friede und Harmonie.

Einen ganzen Raum nimmt die Installation »an Exhibit« (1957) von Victor Pasmore und Richard Hamilton ein. Beide Künstler sind bekannt dafür, dass sie neue Ideen für Skulpturen entwickeln, indem sie unkonventionelles Material benutzen und ungewöhnliche Arrangements kreieren. Hamilton selbst nennt die bunten Rechtecke aus Acryl, die horizontal, vertikal, in verschiedenen Höhen und Richtungen gehängt sind „pure abstract exhibition“. Ein paar Jahre später, fand der britische Künstler Anthony Caro, ehemaliger Assistent des großen Henry Moore, neue Wege, Objekte in einem Raum artikulieren zu lassen. »Early one morning« (1962) ist knallrot und eine Komposition von linearen Intersektionen und Rechtecken verschiedener Größen aus Stahl, welche eher versucht, den Raum zu umrahmen, als auszufüllen. Dieses Meisterwerk von Caro kann als Synthese der Arbeiten von Moore und Hepworth gesehen werden: Die Abstraktion, die sie verbindet und die Figuration, die sie voneinander trennt. Während diese „Neue Generation“, darunter auch Caro, innovative und ungewöhnliche Ideen verwirklichten, blieben sie doch der traditionellen Skulptur treu, im Gegensatz zu ihren Schülern wie Richard Long oder Gilbert und George, welche die fundamentalen Grenzen der Skulptur austesteten. 120 Ziegelsteine, rechteckig und symmetrisch in zwei Lagen arrangiert, bilden das Kunstwerk »Equivalent VIII« (1966) von Carl Andre. Fragen über die Bedeutung, Funktion und Status von solch einem Werk stellten sich schon viel früher, bleiben aber bis heute ein interessanter Diskussionspunkt.

Das wohl umstrittenste Werk der Ausstellung, »Let’s Eat Outdoors Today« (1990-91) von Damien Hirst, übertrifft weitaus alle Vorstellungen von Skulptur: Es provoziert und es erregt Ekel, zunächst einmal. In einem hermetisch abgeriegelten Glashaus befindet sich das, was von einem Grillabend übrig geblieben ist und noch mehr. Ein abgeschnittener Kuhkopf, aus dem Blut rinnt, und Fliegen, die sich in Tausenden um die Dekompostierung bemühen und sich ebenso schnell vermehren, sind hier Zugaben des Künstlers. Ist es die Auseinandersetzung mit dem Alltäglichen oder doch nur Provokation? Ein Künstler wie Damien Hirst spricht von einem Interesse an Sozial- und Klassenverhalten, der Betrachter hingegen, darf selbst interpretieren und beurteilen, was dieses Kunstwerk für ihn bedeutet.

»Modern British Sculpture« ist eine Ausstellung der Fragen, Auseinandersetzungen, Vergleiche, Konversationen und Dialoge, welche Kunsthistoriker, Künstler und Betrachter dazu einlädt, die Dialoge weiter zu führen.