Ausstellungsbesprechungen

Moderne: Eros in der Kunst der Moderne.

Sex sells. Das ist zweifellos richtig, keine Frage. Und doch täte man der Fondation Beyeler unrecht, würde man ihr billige Sensationslust unterstellen. Denn der Eros ist eines, wenn nicht gar das zentrale Thema der Kunst der Moderne.

Damit wird der zweite Teil der Ausstellung zu einem in lockerer Chronologie gehängten, höchst beeindruckenden Streifzug durch die Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Kunst ist, wie Picasso einmal anmerkte, „niemals keusch“. Standen im ersten Teil mit Picasso und Rodin zwei exponierte Vertreter und Pioniere der Moderne im Mittelpunkt und mit ihnen der rein männliche Blick, wird nun das Thema in all seinen Facetten beleuchtet. Dabei geht es nicht allein um nackte Tatsachen. Viel spannender ist es, zu sehen, wie die Künstler mit den Erwartungen der Betrachter spielen, wie sie ihre Kunst zwischen den Polen Andeutung – Deutlichkeit in Szene setzen. Überraschungen bleiben nicht aus: Kunstwerke, die darauf verzichten, nackte Haut zu zeigen, ja sogar überhaupt keinen menschlichen Körper mehr darstellen, wirken mitunter umso erotischer. Es scheint dabei kein Zufall zu sein, dass letztgenannte Werke vor allem von Frauen geschaffen wurden.

In einem kleinen Seitenkabinett neben dem Eingang finden sich, quasi als Prolog, explizit erotische Farbholzschnitte aus Japan, die die europäischen Künstler nachhaltig beeinflussen sollten. Den Auftakt bilden dann Degas, Bonnard, Manet und mit einer ungewöhnlichen Arbeit aus dem Frühwerk Cézanne. Es folgen Meisterwerke des Expressionismus und des Jugendstils. Gustav Klimt ist mit mehreren Zeichnungen vertreten, ebenso Egon Schiele. Seine Motive, seinerzeit heftig umstritten, widersprachen dem damals üblichen Schönheitsideal. Schlag auf Schlag geht es weiter: Dalí, der Meister des Mehrdeutigen, darf mit seinem Gemälde „Der große Masturbator“ nicht fehlen. Und natürlich kommt man auch im zweiten Teil der Ausstellung nicht an Picasso vorbei. Selbstverständlich wird eine von Yves Kleins Anthropometrien präsentiert. In Paul Delvaux’ Bild „Le Vénus endormie” stehen mehrere Betrachter ergriffen vor soviel Schönheit vor der schlafenden Venus. Dem Museumsbesucher ergeht es beim Gang durch die Ausstellung nicht anders. Jules Pascins „Temple of Beauty“ erinnert an die Haremsphantasien der Orientalisten. Ein Höhepunkt sind Lucian Freuds Aktportraits, mit ungeschminktem Realismus auf die Leinwand gebannt. Louise Bourgeois huldigt, nicht ohne Ironie, dem Phallus. Rebecca Horn zeigt sich mit ihrem „Bett der Liebhaber“ von ihrer verspielten Seite. Pipilotti Rist wird mit ihrem Video „Pickelporno“ deutlicher.

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Ein Schwerpunkt liegt auf der Fotografie: Man Ray, Brassai, Blumenfeld. Sie alle sind dabei und natürlich auch Helmut Newton und, leider nur mit einer Arbeit, Cindy Sherman. Robert Mapplethorpe ist einer der wenigen Künstler, die den männlichen Körper in drastischer Deutlichkeit darstellen. Balthus unterstreicht, erwartungsgemäß, seine Vorliebe für junge Mädchen. Fast schon abstrakt sind die Arbeiten von Miró, Léger und André Masson. In eine hintersinnige Symbolik flüchtet Alberto Giacomettis abstrakte Skulptur einer Frau mit durchgeschnittener Kehle. Araki, als Fotograf expliziter Erotik berüchtigt, überrascht mit Detailaufnahmen von Blüten, deren Formen nicht weniger erotische Assoziationen wecken.

Die Frau wird zum Objekt degradiert – der Gedanke mag einem beim Betrachten einiger Exponate in den Sinn kommen. Jeff Koons „Frau in der Wanne“ greift diesen Vorwurf in witziger Weise auf.

Die Ausstellung illustriert auch den Wandel des Schönheitsideals. Nirgends wird das so deutlich wie in der im Untergeschoss des Museums gezeigten Videoinstallation von Jean-Jacques Lebel, der ausgewählte Meisterwerke der Kunstgeschichte übereinander blendet.

Mit diesem Beitrag findet die imposante Ausstellung, die rund 200 Werke umfasst, ein ebenso programmatisches wie treffliches Ende.

 

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Öffnungszeiten
Tägl. 10 – 18 Uhr, Mi bis 20 Uhr