Ausstellungsbesprechungen

Moderne: Exil und Moderne.

Nach einer langen Tournee, die Ende 2004 in Rüsselsheim begonnen hat, sind die Meisterwerke der klassischen Avantgarde aus der Sammlung der Washington University in St. Louis, USA, nur noch kurze Zeit im Freiburger Museum für Neue Kunst zu sehen: Darunter sind außerordentlich gewichtige Arbeiten von Max Beckmann, Max Ernst und Paul Klee sowie von Willem de Kooning, Pablo Picasso und Jackson Pollock.

Auf absehbare Zeit werden sie wohl hierzulande nicht mehr zu sehen sein. Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Sabine Eckmann, wies denn auch darauf hin, dass die Tour nur dadurch möglich wurde, weil die Washington University in St. Louis einen Museumsneubau erhält.

Rund 50 Werke der Klassischen Moderne stehen unter dem gemeinsamen Nenner »Exil und Moderne – H.W. Janson und die Sammlung der Washington University in St. Louis«, so der Titel der Schau, die nicht weniger aufzeigt als ein beeindruckendes Kapitel der deutsch-amerikanischen Exilgeschichte, sprich den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts, flankierte von Exponaten der Jahre davor und danach. Der gebürtige Hamburger Kunsthistoriker Horst Woldemar Janson emigrierte 1935 in die USA und kam 1941 als Professor an die Washington University nach St. Louis, wo er 1944 Kurator der Kunstsammlung wurde. Der Panofsky-Schüler krempelte die bestehende Universitätssammlung gründlich um – verkaufte etliche Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert – und holte nach dem Krieg wichtige europäische Werke ins Haus. Faszinierend ist Jansons Blick auf allzu selten gestellte Frage, wie das Exil auf die emigrierten Künstler und umgekehrt die durch dieselben Künstler vermittelte Tradition auf die amerikanischen Kollegen wirkten.

Alles ist hier auf den Dialog hin ausgerichtet: Bezug nehmend auf Philip Guston, einem der stärksten Künstler dieser Ausstellung, schrieb Janson 1942: »Nur wenige (amerikanische Künstler) erkennen, dass die Kunst der großen europäischen Modernisten weder ignoriert noch verpflanzt werden kann. Daher müssen sie, um ihren Schwierigkeiten beizukommen, die Bedeutung dieser Kunst erfassen, um sie als Ausgangspunkt für ihre eigenen Bemühungen verwenden zu können.« In Gustons Bild »If This Be Not I« (Wenn dies nicht ich wäre) geht es explizit um die bedrohliche Gegenwart in Europa, genauso wie in Beckmanns grandiosem Werk »Künstler mit Gemüse« von 1943, hinter dessen harmlos scheinenden Titel das Amsterdamer Exil – das nach dem Überfall der Nazis 1940 kein sicherer Ort mehr war – thematisiert wird.

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Verfolgung und Vertreibung sind jedoch nur die unmittelbaren Zeugen der schrecklichen Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft über weite Teile Europas. So wirken die Ausflüchte in den Surrealismus (Ernst, Tanguy u.a.) oder in den Existenzialismus eines Andre Racz oder Reuben Kadish – leider fast vergessene Namen, die die Janson-Sammlung wieder ans Tageslicht gefördert hat – wie der Aufschrei des gedemütigten, geschändeten Menschen. All diese Werke stehen im Kontrast zu den Abstraktionen vor allem des Kubismus und dessen Nachfolgern (Léger – herrlich seine »Schönen Radfahrerinnen« –, teilweise auch Klee u.a.), die vergleichsweise kühl erscheinen und doch in den späten Beispielen mit der Angst umzugehen versuchen. Das trifft sogar noch für Calders abstrakter Plastik zu, die unmissverständlich Bezug nimmt: »Bayonets Menacing a Flower« (Bajonette, die eine Blume bedrohen).

Die Ausstellung schafft es über die Problematisierung der Exilzeit hinaus eine Brücke zu schlagen ins weite Feld der modernen Position der Verunsicherung, ein Charakteristikum der Kunst in der zweiten Jahrhunderthälfte, weshalb sich auch abstrakte Expressionisten in der Sammlung befinden, die nach der Janson-Ära erworben wurden (er selbst stand den Expressionisten insgesamt skeptisch gegenüber und bevorzugte einen eher rationalen Modernismus). Ein fast schrilles Opus von Jackson Pollock, »Sleeping Effort Number 3« (Schlafversuch Nr. 3) zielt genau auf das Gegenteil dessen, was im Titel eingefordert wird – das Scheitern ist schon vorweggenommen.

Wie schon Erfurt verweist auch Freiburg im Hinblick auf die Exilschau auf offene Wunden in der eigenen Museumsgeschichte. Das Erfurter Angermuseum verlor einst einen Großteil seiner Bestände, Leihgaben aus jüdischem Besitz. In Freiburg entfernten die Nazis über 200 Werke aus dem Museum; andrerseits konnte die südwestdeutsche Stadt 1947 in einer Vorreiterrolle die Ausstellung über die »Meister der französischen Malerei der Gegenwart« zeigen und so an eine Tradition erinnern, die im Dritten Reich zerstört worden war. Heute ist es wohl einfacher geworden, die Fäden aufzugreifen. Aber es lohnt sich allemal, dies Kapitel wach zu halten.

 

 

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Öffnungszeiten
Di–So 10–17, Do 10–20 Uhr