Ausstellungsbesprechungen

moderne Kunst. 'The Spirit of White'

Wenn die Farbe Blau den Raum der Philosophie betritt, so atmet das Weiß den Geist der Religion. Diese Verbindungen vermitteln zunächst den Eindruck großer Fallhöhe. Doch wägt man vorsichtig die verschiedenen Farbqualitäten ab, so wird man keiner anderen Farbe eine solch erhabene Stellung zugestehen wie diesen beiden.

Nicht ohne Grund beschreibt Margarete Bruns in ihrem Buch »Das Rätsel Farbe« (Stuttgart 1997) das Blau als das Unendliche, das Weiß als die Göttin. Da ist also das Blau: Sowohl das »Magic blue«, unter welchem Titel eine Ausstellung bereits dem geheimnisvollen Blau huldigte, als auch die von Klinger und Whistler malerisch eingefangene »L’heure bleu«, die blaue Stunde, die ganz im Geschmack Nietzsches mit der Morgendämmerung in Berührung ist, unterstreichen den Stellenwert der Farbe, die von Vermeer bis Yves Klein die ganze Tiefe ausloten, die sich hinter dem Begriff verbirgt.

Das in den Assoziationen ähnliche Weiß – die Übergänge zum Blau sind hier so fließend, wie sie beiderseits in ihrer Symbolik unüberbrückbar sind zum bodenständigeren Rot, zum Grün und Gelb hin –, das Weiß strebt dagegen nach Herrschaft, ist jedoch kaum zu greifen. Das Taufkleid ist genauso weiß wie das Leichentuch – irgendwo dazwischen sind noch das weiße Kommunionskleid und das Brautkleid positioniert. »The Spirit« könnte das Blau genauso charakterisieren wie das Weiß; was beide unterscheidet, ist das Diesseitige der Farbe Blau gegenüber dem Eindruck des Jenseitigen des Weiß. Dazu gehört auch die Glaubens-, sozusagen die Gretchenfrage nach der tatsächlichen Existenz. »Schnee ist nicht weiß«, heißt eine Maxime Cézannes, und wer je in einer verschneiten Landschaft stand, wird es bestätigen, dass gerade hier alle denkbaren Farbtöne mitzuschwingen beginnen. Und ist Weiß überhaupt eine Farbe? Die Wissenschaft hat die Bezeichnung der »unbunten« Farbe parat. Aber wie verträgt sich damit die Erkenntnis, dass alle Spektralfarben zusammen Weiß ergeben? Alle Buntheit zusammen soll sich aufheben? Mit Goethe wird man über diese newtonsche Gesetzmäßigkeit aufschreien, doch zugleich machen wir uns klar, dass die additive und subtraktive Mischung verschiedene Ergebnisse mit sich bringt.

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Die Galerie Beyeler hat sich dem Weiß in seiner ganzen Breite gestellt und einen faszinierenden Rundblick in die zum Teil unruhige Stille der unbunten Welt organisiert, die zum Glück bis Ende März verlängert worden ist – so gibt es die Möglichkeit, diese von den Medien weitgehend übersehene Ausstellung etwas länger oder überhaupt erst zu genießen.Wer jedoch eine Einszueins-Umsetzung der farbmythischen Gedankenspiele erwartet, hat die Rechnung ohne die beteiligten Künstler gemacht: 43 Positionen tauchen ihre Bildträger ins Weiß der Unschuld und berühren doch die ganze Palette der menschlich allzumenschlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Weiß ist eben doch nicht nur weiß.

Am nächsten kommt das Weiß seinem Ideal da, wo der Pinsel fern ist: im Licht. So trifft Dan Flavin mit seinem kalten Licht den transzendentalen Nerv in dem unbetitelten Monument für Vladimir Tatlin; dagegen zeigt die Neoninstallation von Gun Gordillo schon mehr Wärme und den Ausstieg aus dem strahlenden Weiß. Am interessantesten rücken die plastischen Arbeiten dem Weiß auf den Leib, wobei gerade nicht die ausgewiesenen Bildhauer auffallen: Lucio Fontanas »Concetti Spaziale«, Alberto Burris Arte-Povere-Stück »Grande Bianco« und Günter Ueckers weiß übertünchte Nagelbilder dramatisieren das Weiß im gewaltsam inszenierten Relief; Kurt Schwitters und Ellsworth Kelly monumentalisieren das Weiß in nüchternen Objekten, während Claes Oldenburg gleichsam mit Ironie darauf antwortet. Philosophisch gehen Raimund Girke, Paul Klee, Piero Manzoni und natürlich Robert Ryman (siehe Abb.) das Thema an; allerdings scheint das Weiß auch die Hauptrolle zu spielen, im Gegensatz zu Jackson Pollock, Antoni Tàpies, Mark Tobey, Cy Twombly und Maria Elena Vieira da Silva, die allesamt erst durch die Zeichnung den Blick auf das eher sekundäre Weiß lenken. Dazu kommen die abstrakten Plastiken Norbert Krickes sowie die schon gegenständlichen Skulpturen von George Segal – hier mit einer untypischen, aber wunderbaren Hommage auf Giorgio Morandi (der mit einer vergleichsweise bunten Arbeit dabei ist) –, Anselm Kiefer und dem Meister aller Klassen, Pablo Picasso; der erst jüngst in Stuttgart umfangreich präsentierte Walter Niedermayr zeigt, dass sogar die Fotografie wesentliche Aspekte zum Thema Weiß beitragen kann. Nicht vergessen darf man einen Pionier der Weiß-Verehrung (nein: Malewitsch leider nicht vertreten), Piet Mondrian, der auf dem Weg der Farb- und Formreduktion die weiße Fläche hoffähig machte.

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Auch wenn hier nicht die Heraufkunft des Göttlichen vorgeführt wird: In Zeiten der grellen Bilderflut und – gesellschaftspolitisch – der Berge schmutziger Wäsche, ja sogar in Zeiten der allzu weißen Saubermann-Allüren in der Medienwelt entlässt uns die Ausstellung fast geläutert. Wie immer man das Weiß symbolisch »füllt«, es lenkt nicht ab, es konzentriert die Sinne, es ist meditativer als jede Farbe, es ist lebendiger als das Schwarz, weil es Schatten und Schattierungen im Licht zulässt. Freilich, die Ausstellung hätte noch viele Beispiele mehr zeigen können – man denke etwa an James Turrell – und sogar auf manches auch verzichten können – die schwarzweißen Arbeiten von Pollock leuchten am wenigsten ein; das Rasterbild von Roy Lichtenstein könnte ein falsches Bild des Künstlers vermitteln. Doch insgesamt leistet die schöne und stimmige Schau die wunderbare Möglichkeit, zu sich zu kommen – manche mögen darin sogar einen göttlichen Atem spüren. Der »Spirit« wird allemal berührt. 

 

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Öffnungszeiten
Dienstag – Freitag 10–12, 14–18 Uhr
Samstag 8.30–13 Uhr