Buchrezensionen

Mona Mollweide-Siegert. Dorothee von Windheim. Auf der Suche nach (Ab)bildern von Wirklichkeit. VDG, Weimar, 2008

Die Kölner Künstlerin Dorothee von Windheim begibt sich auf die Suche nach der Grenze zwischen Bild und Ab-Bild. In einer für von Windheim (geboren 1945) richtungweisenden Aktion von 1971/72 bestreicht sie ihr Gesicht mit Eigelb, drückt es in ein Tuch und vergräbt dieses anschließend in der Erde. Erst ein Jahr später gräbt sie die verwitterten Überreste des Abdrucks wieder aus. Ein programmatischer Versuch des Wirklichkeits-Abdrucks und zugleich ein Verweis auf die Unähnlichkeit zwischen Realität und Bild. Mona Mollweide-Siegert zeigt anhand von zwei Werkgruppen, die in den 70er und 80er Jahren entstanden, exemplarisch die für von Windheim maßgeblichen Themen und Fragestellungen auf.

 

In der \'Salva Sancta Facies\'-Serie fertigt von Windheim Christusantlitze auf Gaze-Tüchern an. Diese lässt sie mittels fotografischer Prozesse entstehen, dennoch wirken sie wie kostbare Reliquien. Sie sind aber reproduziert, teilweise sind sogar Rasterpunkte erkennbar. Die Originalität dieser Tücher ist von der Künstlerin fingiert.
Mollweide-Siegert widmet sich den historischen Inspirationen dieser Kunstwerke, wie dem Schweißtuch der Veronika, dem ‚Mandylion’ und dem Turiner Grabtuch, allesamt Bilder, deren Verehrung und Heiligkeit mit ihrer wundersamen Entstehung zusammenhängen.
In der weiteren Interpretation der Autorin wird klar, dass von Windheim die Elemente Körper, Abdruck und Bild in einen fruchtbaren Dialog bringt, in den der Betrachter gleichsam mit eintreten kann.
In den \'Strappo\'-Arbeiten, der zweiten untersuchten Werkgruppe, versucht von Windheim, auf andere Weise der Realität habhaft zu werden. Sie konserviert vorgefundene ‚Bilder’, indem sie so genannte Wandputzabnahmen vornimmt, eine Technik aus der Restauration, die es ermöglicht Wandoberflächen abzutragen. Diese führt von Windheim in Italien durch, sie nimmt beispielsweise ein in Trompe-l\'œil-Manier gemaltes Fenster von einer Hauswand ab oder trägt brüchige Fassaden von mehreren Quadratmetern ab. Diese Wände hängt sie dann in den Ausstellungsraum. Dazu fertigt sie Fotografien an, die den Prozess der Transformation dieser ‚Wandbilder’ dokumentieren, welcher stets gleichermaßen bewahrend wie destruktiv ist.

In ihrer Abhandlung fügt Mollweide-Siegert immer wieder interessante, wenn auch zum Teil recht kursorische Exkurse ein, wie beispielsweise zur Restaurationsgeschichte oder zum Diskurs des fotografischen Abbildens.
Die Autorin hinterfragt eingehend den Begriff der ‚Spurensicherung’, mit dem von Windheims Werke gerne beschrieben werden. Die Spuren und Relikte — oftmals handelt es sich um vorgefundene Objekte (‚Readymades’) – fungieren bei von Windheim wesentlich als Träger von Erinnerung. Die verschiedenen Medien dienen somit als kulturelles Gedächtnis. Kunstgeschichtlich steht von Windheim, die seit 1989 an der Kunsthochschule Kassel lehrt, damit neben Künstlern wie Anne und Patrick Poirier und Christian Boltanski und bewegt sich in der Tradition von Max Ernsts Frottagen; Armans „Assemblagen“ und Daniel Spoerri, um nur einige zu nennen.

Mollweide-Siegert schreibt abschließend: »dass alle Arbeiten von Windheims gleichermaßen als Erinnerungsanlässe und Reflexionsimpulse für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen sind, wobei sich die Grenzen von Authentizität und Fiktion auflösen.«
Das zunächst eher sperrig anmutende Werk Dorothee von Windheims ist damit auf eine einleuchtende Grundthese gebracht.