Ausstellungsbesprechungen

Mythos Chanel, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 18. Mai 2014

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zeigt bis zum 18. Mai eine große Retrospektive der Modeschöpferin Gabrielle, genannt Coco Chanel (1883-1971). Sie war im 20. Jahrhundert eine der bekanntesten und einflussreichsten Entwerferinnen der Branche und hat mit feinem Gespür für ihre Zeit sowohl die Damenmode revolutioniert als auch um zeitlose Klassiker bereichert – immer nach ihrer Devise, dass Mode vergänglich sei, der Stil aber bleibe. Bettina Maria Brosowsky war vor Ort und berichtet.

Was ist das Geheimnis der Mode von Coco Chanel? Die Hamburger Ausstellung geht dem »Mythos Chanel« systematisch in drei Kapiteln nach. Das Erste und umfangreichste widmet sich dem Schaffen Chanels anhand von 38 originalen Kleidungsstücken, unter anderem aus dem Nachlass Marlene Dietrichs, ihren Accessoires sowie Fotografien und Berichten in Modezeitschriften. Das zweite Kapitel zeigt anhand zweier ihrer Klassiker, dem nach ihr benannten Kostüm und dem »Kleinen Schwarzen«, die weite Rezeption ihrer Entwürfe durch andere Modehäuser und Konfektionäre. Das Dritte präsentiert die wiedererstarkte Marke und die stilistische Kontinuität des Hauses Chanel seit der künstlerischen Leitung durch Karl Lagerfeld ab 1983.

In bescheidenen Verhältnissen im Westen Frankreichs geboren und nach dem Tod der Mutter im Waisenhaus aufgewachsen, lernt Coco Chanel dort das Nähen. Sie arbeitet einige Jahre mit ihrer etwa gleichaltrigen Tante zusammen und findet in dieser Zeit finanzielle Gönner für den ersten eigenen Hutsalon in Paris sowie Modegeschäfte, unter anderem in Biarritz. Der Erfolg sowohl ihrer betont sachlichen Hüte als auch ihre Kleidungsstücke gewährleistet ab 1918 ihre finanzielle Unabhängigkeit, sie kann ihre Gönner auszahlen. 1919 eröffnet Chanel in der Pariser Rue Cambon 31 den bis heute an dieser Adresse bestehenden Haute Couture Salon. Chanels Markenzeichen werden geradlinige Schnitte, die sie mit hochwertigen und auch neuartigen Materialien, wie dem Jersey, zu einem funktionalen Typus modern weiblicher Mode verschmilzt. Das schwarze Tageskleid erfindet Chanel zwar nicht neu, es wird durch sie aber zum Standard ab den 1920er Jahren und bleibt fortan mit ihrem Namen verbunden. Zum Outfit für die moderne Frau kommen ab 1921 ein Parfüm hinzu, das legendäre »No. 5«, sowie reichlich Modeschmuck, der durchaus auffällig und mit großen Klunkern daherkommen darf. Für diese Produktlinien gründet Chanel separate Firmen, unter anderem mit jüdischen Anteilseignern. Chanels Verhalten während der deutschen Besatzung Frankreichs ist nicht unumstritten: mit Kriegsbeginn lässt sie die Haute Couture pausieren, arrangiert sich mit dem NS-Regime und versucht, die jüdischen Anteile ihrer Unternehmen zu erhalten. Sie lebt mit einem deutschen Offizier zusammen und geht aus Furcht vor Repressalien von 1945 bis 1953 mit ihm in die Schweiz.

Das Comeback der dann bereits 70-jährigen Coco Chanel in Paris ab 1954 ist mit zwei weiteren Klassikern verbunden, der gesteppten Handtasche und dem nach ihr benannten Kostüm. Dies besteht aus einem geraden Rock sowie der kastenförmigen, kurzen Jacke, in der Regel ohne Kragen. Chanel verwendet meist einen leichten, weichen Wolltweed, manchmal mit Loop-Effekt aus lockeren Fadenschlaufen. Der Ärmel ist geschlitzt, sowohl hier als auch an den Jackenkanten kommt die häufig kontrastierende Stoffborte zum Einsatz, markante Goldknöpfe zieren echte Verschlüsse. Hinter einer aufgesetzten Taschenplatte mit Knopf ist somit auch wirklich eine Tasche, ein Knopf schließt mit Knopfloch, kein Detail ist bloße Dekoration. Zu dem Kostüm gehört eine farblich abgestimmte Bluse, alternativ ein Oberteil aus Strick. Populär wird das Kostüm unter anderem durch Marlene Dietrich, die auch weitere, durchaus androgyne Entwürfe Chanels wie streng geschnittene Hosenanzüge, zu offiziellen Anlässen bevorzugt. Das Kostüm wird bis heute weltweit nachempfunden, Chanel sah diese stilistischen Rückgriffe immer sehr tolerant, tragen sie doch zur Bestätigung ihres Stils bei. In einigen der rund 20 ausgestellten Adaptionen mutiert das Kostüm allerdings zur matronenhaften Konfektion, mit dekorativen Applikationen und schlecht sitzendem Rock, denn es fehlt die den guten Fall garantierende Kette im Saum. Sogar als Schnittmuster wurde die deutsche Variante, das »Ralph-Kostüm«, 1968 in einer Modenzeitschrift angeboten.

Die aktuellen Entwürfe von Karl Lagerfeld für das Haus Chanel können aus dem großen Fundus der Patronin schöpfen. Der Stil Coco Chanels erweist sich als bewundernswert interpretationsfähig und ist in seiner Zeitlosigkeit wohl unübertroffen.

Diese Seite teilen