Ausstellungsbesprechungen

Nach(t)barschaf(f)t.Gut, Gustav-Siegle-Haus, Stuttgart, bis 12. Januar 2012

Zwischen Bildungsviertel und Rotlichtbezirk steht in Stuttgart das Gustav-Siegle-Haus. Die Institution für Kunst, Kultur und Unterhaltung feiert dieser Tage ihr 100-jähriges Jubiläum. Natürlich darf da eine Ausstellung auch nicht fehlen. Sie beweist, wie gut das Zusammenleben der einzelnen Nachbarn im und um das Haus funktioniert. Günter Baumann hat sich die Schau angesehen.

Eine der traditionsreichen Kultur- und Veranstaltungsinstitutionen in Stuttgart, das Gustav-Siegle-Haus, feiert 2012 sein 100-jähriges Bestehen: Am 6. Oktober 1912 eröffnet, ging ihm jedoch eine fünfjährige Stiftungsarbeit voraus, die auf die Erben des Industriellen Gustav Siegle zurückgeht: Sein edles Ziel war die damals so genannte Volksbildung. Das klingt nach 19. Jahrhundert, doch war das Unternehmen durchaus modern ausgerichtet.

Vollmundig gesprochen, war das Gustav-Siegle-Haus schon immer ein Mehrspartenhaus. Sein Villenstil und auch sein Name passen da nicht recht ins Bild. Aber es ist schon so: Als das Kulturhaus eingeweiht wurde, fanden sich die Musikalische Volksbibliothek, der Graphische Club und die Künstlergesellschaft Schlaraffia zusammen. Der Namenspatron, ein Farbenfabrikant und sozial engagierter Reichstagsabgeordneter, war bereits zwei Jahre tot, als seine Witwe 1907 den Stararchitekten Theodor Fischer beauftragte, ihm zu Ehren einen Hort der Volksbildung einzurichten. Von Gustav Stresemann über Rudolf Steiner bis hin zu Gerhart Hauptmann erfüllten VIPs aus der Politik und der Kultur diesen Anspruch, nicht ohne ganz pragmatisch auch die Post im Erdgeschoss einzuquartieren. 1944 wurde das Haus zerbombt, dass es nach Augenschein gerade noch als Mahnmal zu retten war. Erst 1953 machte sich die Stadt als neue Eignerin an den Wiederaufbau, der in den Händen von Fischers Schüler Martin Elsässer lag. Als Mieter empfahlen sich im Laufe der Jahre die Stuttgarter Philharmoniker, der BIX Jazzclub und als Nesthäkchen der sogenannte Kunstbezirk, der 2007 aus dem Künstlertreff Leonhardsplatz 22 hervorgegangen war. Seine neue Bezeichnung verwies frech auf den angrenzenden Rotlichtbezirk, der andeutet, dass sich hier die hehre Kunst auch den alltäglichen Bedürfnissen zu stellen hatte.

Die Mischung macht’s. Klassische Konzerte wurden flankiert durch Rock-Pop-Auftritte von AC/DC bis Chris de Burgh, von Eric Burdon bis Zupfgeigenhansel. Zum 100. Geburtstag des Gustav-Siegle-Hauses gab es – wie sollte es anders sein – u.a. die Ouvertüre »Die Weihe des Hauses« von Ludwig van Beethoven. Der Kunstbezirk feiert mit einer nachbarschaftsorientierten Ausstellung den 100. und zeigt aktuelle Arbeiten von Karl-Heinz Bogner, Uta Hennemeier, Gabriel Hensche, Renate Scherg, Gabriele Schweizer, Wolfgang Scherieble & Claus Staudt, Julia Wenz und Xin-Yi Zhou: Die acht Künstler haben faszinierend freie Botschaften an das Haus und seine Umgebung – wie bei guten Nachbarn. Der Titel kommt etwas gespreizt daher, will den Nachbarschafts-Begriff mit der Nachtbar-Umgebung einerseits und mit der Schaffung eines Guts miteinander konnotieren. Erotik und Ethik sozusagen im Schulterschluss. Auf die Kunst bezogen mischen sich im Stadtviertel Rot-, Blau- und Kunstlicht, Vergnügungssucht und Kunstgewerbe. Doch das sind auch nur Momente in einer Ausstellung, die daneben auch nur um eine nachbarschaftliche Abgrenzung innerhalb eines definierten Raums bemüht ist. Die sperrige Titelfindung gibt jedoch nur das vielschichtige Anliegen wieder, das in der Gruppenschau grandios umgesetzt wurde.

Karl-Heinz Bogner erschließt den Raum modellhaft. Der studierte Architekt hat sich als freier Künstler einen Namen gemacht, indem er gattungsübergreifend »gebauten« Zeichnungen eine plastische Form gibt. Ursprünglich hat Bogner den kompletten Ausstellungsraum einer ästhetischen Inventur unterzogen, was im Modell tatsächlich zu sehen ist – realisiert wurde ein Detail in Echtmaßen, das einen intellektuellen Parallelraum schafft und so zwischen der umgebenden Architektur und inwendig »benachbartem«, maßstabgerechtem (Kunst- bzw. Entwurfs-)Modell vermittelt. Uta Hennemeier beschäftigt sich in ihren Wandarbeiten mit dem realen Ort, unter dem nicht nur früher ein Friedhof angelegt war, sondern der auch ans Rotlichtmilieu grenzt. Gabriel Hensche filmte eine Podiumsdiskussion der diesjährigen Oberbürgermeister-Kandidaten in Sachen Kunst (ohne den dann gewählten Fritz Kuhn) und zog diese in seine Inszenierung mit hinein, indem er sie überredete, in bestimmten Zeitintervallen einen Platzwechsel vorzunehmen – sein Video ist ein erfreuliches Zeichen gelebter Demokratie, in der Nachbarschaft von Politik und Kultur. Ganz andere Ambitionen verfolgt Renate Scherg. Mit rotem Klebeband hat sie eine kristalline Raumstruktur auf den Boden und die Wände »gezeichnet«, um ein Raum-Zeit-Geflecht nachzustellen.

Gabriele Schweizer nahm sich der Koexistenz von Philharmonie, Jazz, Kunst und Stadtbezirk an und fing in Klanginstallationen Alltagsgeräusche ein, die Innen und Außen, Kunst/Musik und Sub-Kultur miteinander in eine Art Einklang bringt. Mit mächtig viel Witz hat das Künstlerduo Wolfgang Scheriebles und Claus Staudt ein »1:1 spätkapitalistisches endzeitluser gsh sozpädmodell« in Form eines Environments entworfen. Zwischen anarchischem Theater, sozial erweiterter Plastik, Kitsch und Alltagsterrarium mit Unterhaltungs- und Revoluzzerpotenzial ist die postdadaistische Rauminszenierung ein kurioses Abbild der Gesellschaft. Julia Wenz setzte Markierungen in den Raum, animierte ihre AusstellungskollegInnen, ideale Betrachterpositionen für die einzelnen Arbeiten festzulegen und verband somit alle künstlerischen Aussagen in einem konzeptionellen Netzwerk. Schließlich lotst eine Durchgangsinstallation mit LKW-Planen den Besucher ins und aus dem Kunstbezirk. Im Seitenblick tauchen an den Wänden Silhouettendarstellungen von Motiven aus dem Umfeld des Gustav-Siegle-Hauses (zwischen Pils-Bar und Kirchenmadonna) auf, während der »Tunnelblick« auf Karl-Heinz Bogners plastische Konstruktions-Zeichnung verweist.

Auf vorbildliche Weise verknüpft die Ausstellung den Innenraum der Einzelpositionen mit dem Außenraum eines zwielichtig-spannenden, aber auch alltagstauglichen Stadtviertels, vermischen sich hohe und niedere kulturelle und gesellschaftliche Bedürfnisse, schärft sich die Wahrnehmung verschliffener Sehgewohnheiten und eingefahrener Vorstellungen.