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Nachruf Markus Brüderlin

Markus Brüderlin war ein streitbarer Museumsmann, der versuchte auch die Nebenwege der Kunst des 20. Jahrhunderts nachzuverfolgen. Der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg verstarb kürzlich überraschend in Frankfurt/Main.

»Bei der vorliegenden Erkundung der Bedeutung des Textilen geht es auch um eine Art ›Neulesung‹ der Geschichte der modernen Kunst vom Jugendstil bis heute«. Mit diesen Worten skizzierte Brüderlin in einer Pressemitteilung sein global angelegtes Ausstellungsprojekt »Kunst und Textil« (2013/14), das charakteristisch für sein Schaffen ist.

Denn das kleine, bescheidene Wörtchen »und« kündigte schon in der Vergangenheit international beachtete Ausstellungen an: »Ornament und Abstraktion« (2001), »Japan und der Westen« (2007), »Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart« (2010), um nur ein paar zu nennen. Die wenig reißerischen oder auf einen bestimmten Zeitgeist getrimmten Titel geben Auskunft darüber, worauf es Brüderlin ankam. Nämlich auf die Sache selbst oder, wie er es einmal formulierte, »Dinge nebeneinander zu stellen, die eigentlich einander fremd sind«. Denn: »Die Ränder, die Fransen gewissermaßen dieser Objekte, die beginnen dann miteinander ein Spannungsverhältnis«.

So vertrat er bei der von ihm kuratierten Ausstellung »Ornament und Abstraktion« die These, das Ornament sei nicht der »Sündenfall«, sondern die Grundlage der Abstraktion und habe sie auch methodisch stark beeinflusst. Als Beispiel verwies er in einem späteren Interview auf kunst-magazin.de auf Piet Mondrian. Er sagte: » Ihn mit Ornamentik in Verbindung zu bringen, ist nach wie vor ein Tabu in der Fachwelt. Doch bisher konnte man noch nicht schlüssig zeigen, wie er 1917–18 aus der Sackgasse, in die ihn der Kubismus geführt hat, wieder herausfand. Da ist es aufschlussreich, mal auf die Strukturgesetzlichkeiten der Arabeske zu blicken.«

Auf die Wirkungsgeschichte des Ornaments kam Brüderlin immer wieder zurück. Zuletzt 2012 in der Ausstellung »Ornament. Ausblick auf die Moderne. Ornamentgrafik von Dürer bis Piranesi«. Hier verwies er darauf, dass »Dürers Knotenbilder auch Sinnbilder für das Problemlösen an sich sind, etwa wie man sinnvoll eine Fläche mit einer einzigen rhythmischen Linie bewältigt«.

Ein besonderes Projekt war die Anlage des Zen-Gartens im Skulpturenhof des Wolfsburger Museums anlässlich der Schau »Japan und der Westen«. Mit diesem Reflexionsbereich konnte der Besucher ganz real in die faszinierende Welt der Leere eintauchen. Dem Westen galt sie lange als Mangel, als Anfang ästhetischen Strebens; der Osten betrachtet sie seit jeher als Vollendung und Ziel des Seins. Vielleicht hat der Schweizer das ein oder andere Mal selbst auf den Bänken gesessen und auf die Kiesfläche, die Wasser symbolisiert, geschaut. In jedem Fall hat er dem Museum eine unaufdringliche, aber persönliche Note verliehen.

Der gebürtige Schweizer leitete seit 2006 das Wolfsburger Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Davor war er als künstlerischer Leiter in der Basler Fondation Beyeler tätig. In seiner Zeit als österreichischer Bundeskurator (1994-96) erfand er für das Wiener Museumsquartier den Kunstraum und füllte die damalige »Wiener Wüste«, so der Standard, mit Diskursen und Ausstellungen.

Prof. Dr. Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, für die eine Adaption der Schau »Kunst und Textil« geplant ist, sagte in einer Pressemitteilung: »Als Mensch und als ausgezeichneter Wissenschaftler hinterlässt er eine große Lücke.«