Ausstellungsbesprechungen

Nachtrag: Multi-dimensional images and pictographic objects, Kunstquartier Bethanien Berlin

Vom 14. bis zum 17. Mai 2015 wurde im Kunstquartier Bethanien in Kreuzberg die Ausstellung »Multidimensional images and pictographic objects« präsentiert; initiiert wurde sie durch die Künstler Michel Lamoller und Panagiotis Margaritis. Michalis Valaouris hat sich einige Gedanken zur Schau gemacht.

Die Werke waren auf sechs Räume verteilt und präsentierten sehr verschiedene künstlerische Positionen und Medien. Zu sehen waren bearbeitete Fotografien, Gemälde großer Dimensionen und skulpturale Objekte. Der erste Eindruck vermittelte eine gewisse Distanznahme von Narrationen des Alltags oder von sozialen und politischen Thematiken. Vielmehr zeigten die Werke ein Interesse an der künstlerischen Befragung des jeweiligen Mediums selbst. Wie kann man heute tradierte Umgangsweisen mit Medien neudefinieren? So könnte der Ausgangspunkt der Ausstellung formuliert werden.

Einige Verwandtschaften formaler Natur waren zwischen den Werken immer wieder zu erkennen; dies verursachte sowohl die präzise Auswahl der Werke, als auch deren Hängung. So konnten höchst unterschiedliche Arbeiten kohärent als eine Ausstellung funktionieren. Doch welche waren diese formalen und thematischen »Verwandtschaften«? Einen zentralen Punkt bildete das gemeinsame Interesse der Künstlerinnen und Künstler, die Idee des Bildes zu erneut befragen (was auch im Titel der Ausstellung angedeutet wird). Wo liegen die Grenzen im Transformationsprozess vom Bild zum Ding und vice versa vom Ding zum Bild? Hierzu konnte der Betrachter in den ausgestellten Arbeiten unterschiedliche und überraschende Antworten gewinnen.

In einigen Werken wurde beispielsweise gegen die Flächigkeit des Bildes gearbeitet. Somit wurde ein zentraler ontologischer Aspekt des Bildes – der seiner Flächigkeit – angesprochen und als Räumlichkeit moduliert. Michel Lamollers tiefe, konkave Bildobjekte aus mehreren Schichten von Fotografien, zum Beispiel, erzeugen reale – also nicht bildillusionistische – Räume in den Fotografien. Umgekehrt hierzu die Fotografien von Diana Artus: aus ihren Fotografien heben sich reale Volumen heraus, die aus den Bildern zu fließen erscheinen. Sinta Werners Arbeiten überwinden ebenso die ebene Oberfläche des fotografischen Bildes, indem sie Falten einsetzt, die gebogene Bildflächen produzieren.

Die ›Falte‹ bildete einen weiteren gemeinsamen Punkt. Die Gemälde Swen Kählerts entstehen durch reale Falten, die zuerst einseitig gefärbt, später verflacht werden. Die fotorealistisch erscheinenden Falten seiner Malerei mögen also im Nachhinein als flache Bilder erscheinen, deren Ursprung ist jedoch die reale, dreidimensionale Falte. Auch bei den skulpturalen Objekten von Panagiotis Margaritis bildet die Falte einen Ausganspunkt. Diese sauberen weißen Objekte, die an der Wand hängen und an gefaltete Papierblätter erinnern, sind aus Holz konstruiert. Sie tragen überhaupt keine ikonischen Zeichen und weisen somit nur auf die eigenen gefalteten Flächen hin, bzw. auf die feinen Lichtwerte, die diese Flächen erzeugen. So oszillieren sie als skulpturale Objekte im Bereich des Architektonischen Details, zwischen Bild (vor allem wegen der traditionellen Hängung an der Wand) und Skulptur (als dreidimensionale Objekte). Die Falte – diesmal die präzise und geometrische Falte – bildet auch bei den Foto-Objekten von Sinta Werner das zentrale Motiv; sie fotografiert zwar gefaltete Papierstücke auf eine neutrale Oberfläche, doch die Fotografien werden im Nachhinein nochmals gefaltet. Dies differenziert noch einmal das Bild vom fotografierten Ding, bzw. das ikonische Motiv der Fotografie von dem dreidimensionalen gefalteten Foto‐Objekt. Diese Arbeitsweise führt schließlich zu einer »Entkleidung« des bildlichen Zeichens von der Flächigkeit des Bildes.

Das ikonische Zeichen und genereller die Ikonographie waren im Rahmen dieser Ausstellung vor allem durch die Foto-Objekte von Michel Lamoller und Diana Artus präsent. In den Arbeiten von Artus herrscht vor allem die Ikonographie der Stadt, insbesondere der Blick auf Details der materiellen Oberflächen der Großstadt: Zeichnungen auf Wänden, Schriften usw. Bei Lamollers Arbeiten bildet der städtische Raum ebenso die zentrale Referenz: Ein leerer U‐Bahn Eingang oder eine breite Aussicht auf eine dicht gebaute Stadt verweisen auf das Leben und die Psychologie der Menschen darin; auf anderer Ebene aber auch auf den Rhythmus dieser Städte, einen Rhythmus, der zwischen der Fläche und der Tiefe dieser Foto-Objekte vibriert.

Diese wenigen Beobachtungen können nicht die komplexen semantischen Ebenen dieser Werke erschließen. Sie beabsichtigen vielmehr, die konzeptuelle Orientierung der Ausstellung zu beschreiben. Offensichtlich ist aber, dass das Reflektieren über das künstlerische Medium weiter geht. Doch das »Medium« ist seit langem nicht mehr streng definiert. Auch der alte und schwere Dualismus zwischen Ikonographie und Abstraktion scheint in dieser Ausstellung nochmals auf eine lockere Weise aufgehoben zu sein. Man kann auch in dieser Ausstellung denjenigen neuen Zustand der künstlerischen Produktion beobachten, der als »Postmediale« bezeichnet worden ist (Vgl. R. Krauss, A Voyage on the north sea, Broodthaers, Das Postmediale, Berlin 2008). Tatsächlich sind die hier ausgestellten Werke experimentell zwischen den Medien entstanden: zwischen Fotografie, Skulptur, Malerei, Collage. Bildlichkeit und Dinglichkeit bilden die zentralen Ausgangspunkte künstlerischen Fragens und Produzierens.