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Natural artifizio – artifiziosa natura. Grotten der frühen Neuzeit in Italien

Die Photothek des Kunsthistorischen Instituts in Florenz präsentiert in ihrer Online-Ausstellung bedeutende Genueser und Florentiner Grottenanlagen und sichert damit den virtuellen dauerhaften Zugang zu diesen fragilen Kunsträumen. Im Rückgriff auf die Antike entwickelte sich um 1500 in Italien mit künstlich geschaffenen Grotten ein neuer Bautypus, der bald in ganz Europa Verbreitung finden sollte und ein zentraler Bestandteil der Villenkultur wurde. Angeregt durch archäologische Funde und die Überlieferung antiker Autoren bildeten sich besonders in Rom, Florenz und Genua wichtige künstlerische Zentren für diese Bauaufgabe heraus. Die dort errichteten Anlagen wurden natürlichen Grotten angeglichen und darüber hinaus mit Stuck, Malereien, Mosaikdekor, Statuen, Brunnenbecken und mit Automaten ausgestattet.

Die Wahl der Dekorationsmaterialien spielte für die Gestaltung der Grotten eine herausragende Rolle: man strebte nach einer Naturimitation, bei der man sich natürlich entstandener, aber besonders schmuckvoller Materialien und Formen bediente, um in übersteigerter Form und mit neuen Kompositionen die natürlichen Schöpfungen einer Felsgrotte zu übertreffen. In diesem dialektischen Verhältnis von „naturale artifizio“ und „artifiziosa natura“, von künstlich geschaffenem Material und natürlich entstandener Form, wurde auch der antike Topos vom Wettstreit zwischen Kunst und Natur aufgegriffen und dem Betrachter – ähnlich wie in Wunderkammern – die Formenvielfalt der Natur vor Augen geführt und Einblick in die schöpferische Kraft des Erdinneren gewährt.

Außerdem fungierten Grotten mit ihren kostbaren, oft exotischen Dekorationsmaterialien und einer reichen Statuenausstattung auch als repräsentative Statussymbole, in denen sich Antikenrezeption mit naturwissenschaftlichen Interessen vereinte. Mit insgesamt 75 Fotografien stellt die Online-Ausstellung nur eine Auswahl des umfangreichen Materials bedeutender Genueser und Florentiner Grottenanlagen vor, das während zweier Fotokampagnen der Fotothek 2005 (Florenz) und 2006 (Genua) entstand. Die Ausstellung fokussiert auf die wesentlichen Aspekte, wie Material und Mythos, und stellt darüber hinaus einige Grottenanlagen monographisch vor. Zu den präsentierten Genueser Grottenanlagen (alle zwischen 1540 und 1650 entstanden), die sich mit emaillierten Majolikasteinchen und großen Mengen an Korallen oftmals durch ihre ungewöhnliche Farbigkeit auszeichnen, zählt auch die Fonte Doria, die 1548/49 durch Galeazzo Alessi errichtet und als früheste bekannte Grottenanlage mit ihrem oktogonalen Bau und dem umfangreichen Dekorationssystem für die Genueser Anlagen vorbildlich wurde.

Eine später entstandene, Florentiner Anlage war Ziel der 2005 durchgeführten Fotokampagne, die auch eine der ersten digitalen Fotokampagnen des Kunsthistorischen Instituts war: Die Grotte im Garten der Villa Bandini im Süden von Florenz entstand 1746 im Auftrag des Marchese Antonio Niccolini und wurde von dem Florentiner Bildhauer Giuseppe Giovannozzi gestaltet. Ihre im Jahr 2000 abgeschlossene Restaurierung hat nicht nur zu ihrer Konservierung beigetragen, sondern ihr auch ihre ursprüngliche Farbigkeit zurückgegeben.

Durch die Verwendung verschiedenster natürlicher und künstlicher Materialien - Muscheln, Korallen, Kristalle, Kalksintern, Fayencesplitter und bemalte Terrakotta - eingebauter technischer Konstruktionen und Wasserspiele und durch die nach außen sich öffnende Architektur sind Grotten außerordentlich fragile Räume. Der dadurch bedingte rapide Verfall macht ihre fotographische Dokumentation besonders wertvoll: durch die Fotokampagnen bleiben die Kunstwerke für die Forschung - zumindest visuell – erhalten, und gleichzeitig gestattet die digitale Fotografie, den Reichtum und die Schönheit der oftmals bizarren Materialien en detail zu betrachten.