Porträts

Nedko Solakov - Der »Balcan Barbarian from Bulgaria«

Eine der besten Arbeiten der vergangenen Biennale in Venedig stammte von dem Bulgaren Nedko Solakov. In der Masse an bedeutungsschwangeren Arbeiten oftmals geringen ästhetischen und künstlerischen Reizes im Arsenale bewies Solakov, dass Kunst, die Politik zum Thema hat, nicht notgedrungen mit der Moralkeule daher kommen muss.

In seiner Installation »Discussion (Property)« ging es um die Urheberrechte für das Sturmgewehr AK-47 und den um diese Rechte entbrannten Streit zwischen Bulgarien und Russland. Eine recht unwegsame Thematik sollte man meinen, doch Solakov ist ein äußerst leichtfüßiger Erzähler. Der Plot des Konflikts ist schnell umrissen, Solakov schrieb ihn im Arsenale kurzerhand auf die Wand: Russland beansprucht das Copyright für das AK-47, im Volksmund auch Kalaschnikow genannt, für sich. In sowjetischen und brüderlicheren Zeiten hatte man den Bulgaren das Recht an dem Sturmgewehr überlassen. Diese hatten das Gewehr seinerzeit weiter entwickelt und beanspruchen dementsprechend das Copyright der Kalaschnikow-Nachfolgetypen wiederum für sich. Solakov interviewte zwei Vertreter der russischen Botschaft in Sofia sowie den Direktoren der bulgarischen Maschinengewehrfabrik zum Copyrightstreit. Die aufgezeichneten Interviews hätten auf zwei den Wandtext flankierenden Monitoren gezeigt werden sollen. Stattdessen ist auf einem der Monitore lediglich das Botschaftgebäude von außen zu sehen: die Botschaftsvertreter lehnten eine öffentliche Ausstrahlung ihrer Aussagen ab. Außerdem Teil der Installation: ein AK-47 rumänischer Fertigung, neben welchem Solakov Fotografien der bulgarischen Gewehrtypen hatte zeigen wollen. Doch die bulgarische Gewehrfirma, die im Besitz des Bildmaterials ist, befand die Reproduktion als zu heikel: »We don't want to piss the Russians off with your project, right?« lautete die Begründung an Solakov. Diesen regelrechten Kalaschnikow-Ikonoklasmus umging der Künstler, indem er zwei »begabte Kunststudentinnen« anheuerte, maßstabsgetreue Zeichnungen der zwölf bulgarischen Waffenmodelle anzufertigen. Er selbst sei dazu nicht in der Lage, bemerkt er im Wandtext. Solakovs kleiner Trick ist zugleich eine Huldigung an die Freiheit der Kunst: zumindest zeichnen darf einer heute, was er will, oder zeichnen lassen. Solakovs Kommentar zum Wandel sowjetischer Eintracht hin zu kapitalistischer Haarspalterei macht Spaß, ist intelligent inszeniert und nahm nicht ohne Grund eine Ausnahmeposition unter den Arbeiten im Arsenale ein.

Der 1957 geborene Solakov, der ursprünglich an der Kunstakademie in Sofia Wandmalerei studierte, begegnete dem »Grand Tour-isten« des viel beschworenen Kunstsommers 2007 auch bei der Documenta. In der Neuen Galerie gab es gleich zwei, formal wie thematisch vollkommen unterschiedliche Arbeiten des Künstlers zu sehen, die er auf seiner Website unter dem Oberbegriff »Complicated Summer 2007« zusammenfasst. Die 99 Tusche- und Sepiazeichnungen mit dem Titel »Fears« (2007) brachten den Besucher durch ihre kindlich weisen Sätze wie »What a (temporary) relief. I will be able to be scared in the future too« zum Schmunzeln. Die deutlich brisantere Arbeit »Top Secret« aus dem Jahr 1989 besteht laut Solakovs eigener Materialbeschreibung, aus 179 Karteikarten im Originalkarteikasten, Acrylfarbe, Zeichentusche, Öl, Fotografien, Grafit, Aluminium, Holz und einem schändlichen Geheimnis. »Top Secret« dokumentiert die vermeintliche Spitzeltätigkeit des damaligen Studenten für den Bulgarischen Geheimdienst zwischen 1976 und 1983. Die Installation trat, als sie 1990 in Sofia zum ersten Mal bei einer Gruppenausstellung gezeigt wurde, eine erhebliche Kontroverse innerhalb der bulgarischen Kunstszene los und wurde zu einem kanonischen Werk der zeitgenössischen Kunst Osteuropas.

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Ein wiederkehrendes Thema in Solakovs Werk ist der White Cube, der hier stellvertretend für den Kunstbetrieb im Allgemeinen steht. So markierte der Künstler sein Terrain in verschiedenen internationalen Kunstinstitutionen wie dem PS1 in New York, dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main oder einem der Räume der letzten Berlin Biennale mit der Minimalaktion »A (not so) White Cube«. Schwarze Filzstift-Strichmännchen und kurze prägnante Sätze, gekonnt in ansonsten jungfräuliche weißen Räume gekritzelt. Der flüchtige Betrachter verlässt ratlos den kargen Raum, ohne dessen Verwandlung durch die Kommentare wahrzunehmen.

Solakovs Kunst fordert den White Cube aus der Reserve und ist sowohl formal als auch ideell sein genaues Gegenteil. Wenn wir vom White Cube sprechen meinen wir schon lange nicht mehr bloß eine Raumform, den weißen, minimalen Kubus nämlich, der sich idealer Weise hinter den Werken, die in ihm ausgestellt werden, zurücknimmt. Ebenso gemeint ist ein Habitus der zeitgenössischen Kunst und ihrer Akteure. Zu diesem Habitus gehört auch jene gewisse real existierende oder empfundene Arroganz dem Betrachter gegenüber, der die Kunst versteht oder eben nicht. Hilfestellung gehört nicht zu diesem Konzept des White Cube. Ganz anders Solakovs Kunst. Diese scheut sich nicht vor der Narration, sie ist geradezu ein einziger Kommentar: sie kommentiert sich selbst, kommentiert die Dynamiken des Kunstzirkus, dessen Teil sie ist, kommentiert den Raum und die Weise, in der sie diesen Raum durch ihre Präsenz thematisch auflädt, kommentiert den Betrachter und spielt mit ihm und seinen Erwartungen. Das alles geschieht in einem betont geerdeten Schreibstil, der so simpel, so kollegial ist, dass man seine Treffsicherheit fast zu übersehen droht.

Auch in der Sisyphos-Performance »A Life (Black & White)«, die während der von Harald Szemann kuratierten 49. Biennale in Venedig gezeigt wurde, geht es dem White Cube an die Gurgel. Zwei Maler stehen in einem Raum. Einer streicht die Wände weiß, der andere schwarz, den ganzen Tag, die ganze Dauer der Ausstellung lang. Es wird geschuftet, gestrichen, der Raum sieht aus wie eine ewige Baustelle. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Malen selbst, das trotz der scheinbaren Sinnlosigkeit der ganzen Aktion weiter betrieben wird. Eine Parabel auf das Leben sei das, sagt Solakov, eine Parabel auf die Kunst ist es alle Male.
 

Weitere Informationen


www.nedkosolakov.net

Nedko Solakov wird vertreten durch die Galerie Arndt+Partner in Berlin