Ausstellungsbesprechungen

Neo Rauch - Begleiter, Museum der bildenden Künste Leipzig und Pinakothek der Moderne, München, bis 15. August 2010

Neo Rauch (*1960 in Leipzig) zählt zu den außergewöhnlichsten und am meisten diskutierten internationalen Künstlern unserer Zeit. Sein unverwechselbares Werk führt die Geschichte der gegenständlichen Malerei im 20. Jahrhundert, die mit Beckmann, Bacon und Baselitz zentrale Orientierungsfiguren gefunden hat, in die Gegenwart fort. Die Retrospektive, die gleichzeitig in Leipzig und München gezeigt wird, stellt Rauchs Gesamtoeuvre umfassend vor. Günter Baumann hat sich die Ausstellung für Sie angesehen.

Im Jubiläums-Ausstellungsbetrieb lässt es schon aufhorchen: Wo sonst etliche 80er- und ein paar 70er-Geburtstage gefeiert werden, muss man schon zweimal hinschauen, wenn ein Künstler zum 50. geehrt wird – und zweimal hinschauen kann man darüber hinaus sogar im wörtlichen Sinne, denn der Jubilar, Neo Rauch, ist gleich zum Special Guest von zwei großen Häusern erkoren worden: dem Museum der bildenden Künste Leipzig und der Münchner Pinakothek der Moderne. Die Doppelausstellung mit dem ominösen Titel »Begleiter« gewährt einen Blick über das immense Schaffen des Malers, der somit in den Zenit seines Lebenswerks gezogen, wenn nicht gezerrt worden ist: Was kann, was darf er noch erwarten, diese Symbolfigur der durchaus disparaten und mittlerweile in halber Auflösung begriffenen Neuen Leipziger Schule? Wie kaum ein Kollege von und vor ihm haben sich die Kunsthändler und -sammler der USA auf sein Werk gestürzt. Es gab wohl Phasen um die Jahrtausendwende, da waren seine Arbeiten schon verkauft, als sie noch gar nicht gemalt waren. Da drängt sich fast schon Skepsis auf: In Rauchs Haut will man da nicht wirklich stecken, und mancher atmete auf, als der frischgekürte Nachfolger seines Meisterlehrers Arno Rink die Reißleine und sich zurück zog. Die selbst mitverschuldeten Querelen wiederum um seine eigene Nachfolge waren zwar kaum geeignet, die Schule neu zu beleben, aber der Stern Neo Rauchs ging weitgehend unbeschadet daran vorbei. Und selbst da, wo ihm im eigenen Land ein anschwellender Gegenwind entgegenschlägt – von Neidern, die sich selbst gern auf dem Treppchen sähen, von Kunstkritikern, die mal wieder auf Neues spekulieren, von freisinnigen Geistern, die vor der konservativen Gesinnung des Künstlers zurückschrecken –, muss man sich vor den schwergewichtig großen Formaten verbeugen, die auf die Schnelle in Amerikas Privatsammlungen verschwanden und erst jetzt in Europa wahrgenommen werden können, weil sie in München oder Leipzig erstmals ausgestellt werden.

Ruhm im Zeitraffertempo: Hier werden Bilder eines Malers im besten Alter gehandelt wie Wiederentdeckungen eines großen Meisters. So irritierend das ist, so nachvollziehbar wird es, wenn man den großen Atem berücksichtigt, mit dem Rauch sein Werk angeht, ohne die Details schleifen zu lassen. In Leipzig wie in München kann man es neben die großartigen »alten Schinken« von Tintoretto & Co. stellen, und für das 20. Jahrhundert mag man allenfalls Max Beckmann bemühen, dem Neo Rauch im 21. Jahrhundert nacheifert (Picasso würde hier als Pendant nicht passen, weil er nicht so schwermütig ist). Das ist nicht wenig. Beckmanns große Triptychen strotzen vor Verunsicherungen und privatmythischer Verschleierungen und zugleich geben sie einen Blick auf ihre Zeit frei, sind gesellschaftlich relevant – stehen aber zugleich über den Dingen. Neo Rauch wurzelt wie Beckmann in einem Sur-Realismus, nur dass er von der Warte des Folgejahrhunderts aus schaut. Um der Zwickmühle zu entgehen, die Ausstellungen abrupt bei einem »Mann von fünfzig Jahren« enden zu lassen, der noch gut und gern dreißig Jahre arbeiten muss, um sich in den Reigen der 80er-Jubilare einreihen zu lassen, haben die Kuratoren beider Häuser gar nicht erst versucht, die Chronologie zu halten. Stattdessen bilden sie kleine Kosmen, nach persönlichen Neigungen oder nach Motiven oder nach Formaten sortiert, um zu schauen, ob das Universum Rauch funktioniert. Es funktioniert unter Vorbehalt. Ahnungsvoll sieht man sich ständig Revolutionsbildern gegenüber, denen die Revolution abhanden gekommen ist, pathetische Gesten gehen ins Leere, wo die Welt sich zu öffnen scheint, entschwinden die Protagonisten einer neuen Zeit im Geschwür eines Halbdunkels oder in einer grenzenlosen Melancholie. Zitate aus der Kunstgeschichte sind allgegenwärtig. Auffallend oft kippt auch das Licht der Aufklärung in quasimythische Symbolik zurück. Das alles kann man als Weltflucht interpretieren oder eben als desillusionierte Wahrnehmung in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen, die sich nicht einmal mehr um einen Sinn bemühen, in Zeiten von ökologischen Katastrophen, die bereits irreparable Schäden hinterlassen haben, bevor man aufschreien kann. Auf Rauchs Gemälden ist es längst nicht mehr fünf vor zwölf – High noon war gestern, und das Rauchsche Personal sind grade damit beschäftigt das zu verarbeiten und zu begreifen. Die Diagonale, die oft die Komposition bestimmt, verweist diskret auf die Schieflage einer bedrängten Zeit.

Ein umfangreiches, reich bebildertes Katalogbuch begleitet die Ausstellung. Es enthält zahlreiche ausführliche Werkbeschreibungen von Kunsthistorikern, Kritikern und Künstlerfreunden, darunter Michaël Borremans, Jonathan Meese und Luc Tuymans sowie einen eigens hierfür verfassten Essay des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers (2004) und Gewinners des Deutschen Buchpreises (2008), Uwe Tellkamp, der als Kulminationspunkt die Mitte des Buches bildet: Verlag und Gestalterin haben sich nämlich den Spaß erlaubt, das Buch im wahrsten Sinn des Wortes von zwei Seiten anzupacken, parallel zur Doppelausstellung – wer von der einen Seite zu lesen beginnt, wird durch die Münchner Schau geführt, wer auf der anderen startet, kann die Leipziger Schau Revue passieren lassen, wobei im Buch etliche Arbeiten enthalten sind, die nicht in den Ausstellungen zu sehen sind. Der Einband kommt etwas krokodillederartig daher, was mit dem goldenen Namenszug geschmäcklerisch ist, doch die großzügige Bebilderung in Kombination mit erfrischenden kurzen Statements bietet einen schier unendlichen Genuss des Schauens und Wiederschauens. Um es im etwas unbeholfenen Sprachgestus Jonathan Meeses zu sagen: »toll, toll, toll«.