Buchrezensionen

Neumann, Wolfgang: Wanwiz, Katalog zur Ausstellung in der Galerie fine arts 2219, Kerber Verlag, Bielefeld / Leipzig 2006.

In seinen Arbeiten fliegen schon mal die Fetzen, und dann und wann auch mal Wurst und Schinken um die Ohren. Auf der Leinwand hebelt Wolfgang Neumann die Naturgesetze aus, selbst die der Semantik.

Denn wenn das kulinarische Metzgersgut kreist und ein solches modernes Küchenstück »Rote Mühle« heißt, darf schon das Wortkarussell sich drehen. Ist das besagte Gemälde von 2006 eine Hommage an die diversen Restaurants und Landgasthäuser dieses Namens? Oder meint das Bild im Gegenteil die fiese Vergegenwärtigung des um sich greifenden Gammelfleischskandals? Oder dreht der Künstler die Schraube noch mehr ins Groteske und illustriert Franz Molnárs Bühnenspiel »Die rote Mühle« (1923) über eine so genannte »Menschenverderbmaschine«, die aus unbescholtenen Menschen Gauner macht? Wolfgang Neumann mischt sich in derartige Deutungen nicht ein, weiß er doch genau, wie sich in Zeiten der ungesteuerten Informationsflut die einander völlig unverbandelten Meldungen kreuzen und ungeahnte Beziehungen eingehen – die selbst der Künstler nicht mehr im Griff hat.

In einem atemberaubenden Tempo lässt Wolfgang Neumann die Bruchstücke seiner Fantasie im Bild kreisen, ja – der heimliche Worterfinder könnte Spaß an einem solchem Wortspiel haben – »kreißen«: entstehen doch nahezu eruptiv neue Gespinste aus dem Geiste der fingierten Welten, die unseren medial gefilterten Alltäglichkeiten manchmal erschreckend ähneln. Neumann jagt sozusagen unsere Wahrnehmungen im Turbospeed durch die Galaxis, bevor sie urplötzlich wieder im eigenen Wohnzimmer landen. Als »trashig« umschreibt der 1977 in Filderstadt geborene Künstler gern seine unbändige Freude am Skurrilen, am hintersinnigen Spiel mit einem fragwürdig gewordenen Realitätsbegriff und am Abenteuer der Malerei, die einen Haufen Acryl- oder Ölfarbe zu Figuren, Landschaften, Objekte werden lässt. Unterstützung erhielt er bei diesen Vorlieben wohl schon während seines Studiums an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart bei den Professoren und Dozenten Moritz Baumgartl, Cordula Güdemann und Joa Härter. Zumindest legte er spätestens da jegliche Skrupel ab, wie der Film »Mal mir das Bild vom Tod« aus dem Jahr 2000 zeigt, den Neumann zusammen mit Sven Gossel und Sergei Moser (Kamera) drehte – Baumgartl und Härter spielten mit.

Komik mag die primäre Leitidee bei Neumann sein, doch steht die Selbstironie und das Bewusstsein für eine – nicht immer ernst zu nehmende – Tragik unsres Lebens in nichts nach. Die Güdemann-Schüler (neben Neumann und Gossel auch Jingfang Li und Xianwei Zhu sowie Emel Geris u.a.m.) durchpulst ohne Frage eine philosophische Ader, auch wenn sie diese mehr als Kraftstromzufluss für ihre Malerei ansehen denn als besonderen Saft zur Weltverbesserung. In guter Dada-Tradition heben sie den Un-Ernst auf den Schild des gehobenen Dilettantismus, den Neumann & Co. 2003 zum Programm veredelt haben, in dessen Manifest zu lesen war: »Dilettantismus ist zeitgemäß und verbindet Sein mit Schein, … hat keine Scheu vor Kitsch, … ist affektierte Effekthascherei«. Und wenn der Mensch von Schillers Gnaden ein »homo ludens«, ein geborener Spieler ist, so reklamieren diese Dilettantisten mit einem Wort ihres Vorbildes Martin Kippenbergers für sich: »Jeder Künstler ist ein Mensch«, was freilich nur eine Maxime von Joseph Beuys umkehrt. Kunst erhebt sich nicht auf dem Podest über den Alltag, sie wird selbst zur podiumsreifen Posse dieses Alltags.

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Aber was ist schon Fiktion und was wirkliches Leben? Wenn durchgeknallte Amokläufer sich verhalten wie die Kunstfighter im Computer, die an Yul Brunner in dem SciFi-Film »Westworld« erinnern, ist Wolfgang Neumann zur Stelle mit seinem Gemälde »Sir Egoshoot«, auf dem ein uniformierter Protagonist hoch zu Ross vor einem klirrend-abstrakten Hintergrund posiert wie ein Renaissancefürst – dabei fällt dem wackeren Streiter mit dem Obst- und Gemüsegesicht allerdings nicht sein Schwert, sondern eine Banane aus der Hand, und – wir sind wieder im Land der kulinarischen Begierden – der Schimmel (resp. Das Pferd) trägt ein Fell aus Spiegeleiern (ein Motiv übrigens, das häufig in Neumanns Arbeiten auftaucht). Der unmittelbare Bezug auf die Kunstwelt des Videospiels mischt sich mit dem Aggressionsgestus eines realen Schreckens. Der Künstler hält uns aber keinen Spiegel vor und ruft »Bessert Euch!«, sondern er jongliert mit den Assoziationen, fügt sie in halbwegs surrealen Bildern zusammen und übermittelt seine Botschaft: »Ihr könnt denken, was ihr wollt, aber das hier ist Malerei.«

Seine Inhalte holt sich Neumann aus dem unerschöpflichen Fundus der Medien inklusive der Werbung und der Kunstgeschichte. VIPs wie Lex Barker, Sean Connery alias James Bond, Karl Marx und Papst Benedikt XVI., Kleinbürgerstars wie der »HL-Markt-Schorsch« oder der Künstler höchstselbst, Politfiguren meist finsterer Provenienz wie Fidel Castro als »Grauer Star« oder Osama Binladen durchkreuzen Manets Bildikone »Frühstück im Freien«, verheddern sich in segnender Gestik, gefallen sich in auratischer Haltung, werden umflort von zuweilen höchst unheiligen Heiligenscheinen – kurzum: Die Welt entpuppt sich als übersinnlicher Spielball der Zufälligkeiten beziehungsweise als Überraschungsei des Schickals. Dass sich Neumann, der zwischenzeitlich auch als Kunsterzieher tätig ist, nicht nur von jungenhafter Unbekümmertheit treiben lässt, zeigen die raffinierten Wortschöpfungen, die viel von der Ambivalenz einer technisch brillanten, phantastisch überbordenden Kunst verraten, wie beispielsweise die Ausstellungstitel »Humorror« (2005) oder in Stuttgart, »Wanwiz«.

Das im Kerber Verlag erschienene Buch zur Ausstellung in der Stuttgarter Galerie fine arts 2219 besticht durch eine Fülle brillanter Farbabbildungen und durch gewitzte »Wortmeldungen« des Künstlers, die die Deutung bewusst in der Schwebe belassen. Die Publikation in diesem renommierten Verlag mit einem feinen Riecher für innovative Kunst bestätigt den Eindruck, dass Wolfgang Neumann zu den figurativ arbeitenden Künstlern gehört, von denen noch mehr die Rede sein wird.

 

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