Ausstellungsbesprechungen

New York Photography 1890-1950: Von Stieglitz bis Man Ray, Hamburg, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, bis 2. September 2012

Die höchst instruktive Ausstellung im Bucerius Kunst Forum am Hamburger Rathausmarkt, in der Bilder von 1890 bis 1950 aus New York gezeigt werden, erzählt, wie die Fotografie sich zur Kunst wandelte. Damit informieren Ausstellung wie Katalog Besucher und Leser über einen sehr wichtigen Aspekt der Kunstgeschichte des letzten Jahrhunderts. Stefan Diebitz war vor Ort.

Ein für die Entwicklung der Fotografie als Kunst entscheidender Name ist Alfred Stieglitz. Stieglitz (1864–1946) war nicht nur selbst ein begabter und vielseitiger Fotograf, sondern außerdem als Zeitschriftenherausgeber und Galerist von erheblichem Einfluss. Nachdem er 1891 von seinem Ingenieurstudium in Berlin nach New York zurückgekehrt war, arbeitete er intensiv nicht allein an seiner eigenen künstlerischen Karriere, sondern auch daran, sich und die Kollegen zu organisieren. Eines der Hauptziele dieser Aktivitäten war dabei die Abgrenzung der professionellen Fotografen von bloß knipsenden Amateuren. Anders als diese komponierten er und seine Kollegen ihre Bilder und verhielten sich in vielen Punkten wie Maler, die ihnen auch noch lange (und eingestandenermaßen!) als direktes Vorbild dienten. Neben den Impressionisten waren das vor allem europäische Maler der Avantgarde, deren Werke er als Galerist nach New York holte. Dazu zählten unter anderem James McNeill Whistler (eigentlich ja ein Amerikaner, der aber in Europa lebte), Pablo Picasso, Auguste Rodin, Edward Munch oder Wassily Kandinsky, von dem Stieglitz auch selbst ein Bild erwarb.

Zunächst gründete Stieglitz den »Camera Club«, später die »Photo-Secession«, eine Vereinigung, die bereits mit ihrem Namen an Künstlervereinigungen in Berlin und Wien anknüpfte. Dazu gab er auch noch die »Camera Work« heraus, ein Fachblatt für Fotografen.

Die eigene, vom Impressionismus beeinflusste Richtung der Fotografie nannte sich »Piktorialismus«. Wie nahe diese Richtung in ihrem Selbstverständnis der Malerei war, zeigt sich unter anderem an einem Selbstporträt, das Edward Steichen von sich selbst anfertigte: Er steht dort mit Pinsel und Palette in der Hand! Um eine dem Impressionismus ähnliche malerische Wirkung zu erreichen, musste dieses Selbstporträt wie viele andere Fotos eine gewisse Unschärfe zeigen, und eben diese Unschärfe zählt deshalb zu den Stilmitteln des Piktorialismus. Besonders deutlich ist dies bei Imogen Cunninghams gelegentlich etwas pathetischen Bildern. Aber impressionistisch wirken auch viele Arbeiten von Gertrude Käsebier, die um die Jahrhundertwende Frauen genau so porträtierte, wie die Impressionisten sie malten, oder Arbeiten von Stieglitz selbst. Zu den besonders stimmungsvollen, auch in Hamburg gezeigten Bildern dieser Art zählt sein Bild »Winter – Fifth Avenue«, das einen Schneesturm im New York der neunziger Jahre zeigt und das man sich ebenso gut (oder besser) gemalt vorstellen kann.

Von allergrößtem Einfluss auf das Bild von New York, das wir alle haben, waren neben den Arbeiten von Alvin Langdorn Coburn die Bilder von Andreas Feininger (1906–1999), dem Sohn Lyonel Feiningers, der einerseits immer wieder die Silhouette von New York (die »Skyline«) fotografierte, andererseits aber auch einige jener Perspektiven fand, die direkt entweder in die moderne Malerei mündeten oder aber von ihr ihren Ausgang nahmen. Vielleicht übersetzte er nur die prismatischen Konstruktionen seines Vaters in Fotos? Und wo hätte das besser gehen können als in New York? Ein spektakuläres Beispiel ist »Rockefeller Center, New York«, das er von einem Dach in Schwindel erregender Höhe aus aufnahm und das in höchst eindrucksvoller Weise die Linien der Hochhäuser auf eine winzigkleine Straßenkreuzung tief unten zufallen lässt. Bei diesem Bild wie bei vielen anderen ist die rein technische Qualität der Bilder, besonders die Darstellung selbst allerfeinster Grautöne, geradezu atemberaubend.

Dazu kamen – in einer Metropole wie New York muss das selbstverständlich sein – Bilder von eher dokumentarischem Wert, etwa das berühmte »The Steerage«, auf dem Stieglitz seine Kamera auf die dritte oder gar vierte Klasse eines Passagierdampfers richtete, »Steamfitter« von Lewis Hine oder von demselben Fotografen »Climbing into America«, auf dem man die neu angekommenen Einwanderer auf Ellis Island eine Treppe hinaufsteigen sehen kann. Allerdings, »Steamfitter« ist ganz offensichtlich ein gestelltes Foto, so dass man eigentlich gar nicht mehr von einem dokumentarischen Bild sprechen sollte.

Wie auch immer es in der Kunst um die Aura von Originalen bestellt sein mag, und wie hoch die Qualität fotografischer Abzüge von Hand auch tatsächlich ist: Wer Fotos anstelle von Abzügen in einem Buch sehen kann, verliert sicherlich viel weniger als bei großen Ölgemälden. So kann der schöne Katalog der Ausstellung angesichts der hochwertigen Abbildungen auf Hochglanzpapier und der höchst informativen und sachlichen Beiträge ebenfalls warm empfohlen werden.

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