Ausstellungsbesprechungen

Niclaus Gerhaert - Der Bildhauer des Mittelalters, Liebighaus Skulpturensammlung Frankfurt a. M., bis 4. März 2012

Der in Straßburg und Wien tätige Niclaus Gerhaert von Leyden ist zweifellos einer der wichtigsten und einflussreichsten Künstler der Spätgotik. Das Liebieghaus widmete dem heute fast vergessenen, von den Zeitgenossen aber hochverehrten Bildhauer eine umfassende Ausstellung. Günter Baumann hat sich die Schau noch rechtzeitig angesehen, bevor sie nach Straßburg weiterzog. Dort ist sie ab dem 30. März 2012 zu sehen.

Der Realismus ist seit geraumer Zeit hoch im Kurs: Heute wissen wir, dass es in der Kunstgeschichte so viele Stile gibt, die sich um die genaue Wiedergabe des Sujets bemühen, dass man eine recht dichte Linie von Zeuxis bis Gerhard Richter erhält. Auf halber Strecke nimmt der Maler Jan van Eyck eine wichtige Rolle ein – keiner konnte je Stoffe in ihrer Materialität und in ihrem Faltenwurf so lebensnah malen wie er, ohne dass er die immaterielle Schönheit der Mutter Gottes an die Straße opfern müsste. An seiner Seite könnte man den Bildhauer Niclaus Gerhaert einstufen, der – teils weitaus berühmteren – späteren Kollegen Pate stand, ob sie nun Tilman Riemenschneider, Veit Stoß oder Michael Pacher heißen.

Das Liebieghaus hat dem Künstler erstmals eine umfassende Ausstellung gewidmet, die 20 eigene und Werkstattarbeiten sowie weitere 50 Werke aus dem Umfeld versammelt. Das ist eine grandiose Leistung angesichts der Tatsache, dass die Zuschreibungen schwierig sind und ein Teilbereich des Werks außen vor bleiben musste: Selbstredend konnten die Grabplatten in Trier oder Wien nicht nach Frankfurt verfrachtet werden. Im Bild des Trierer Erzbischofs Jakob von Sierck verwandelt sich etwa der gelbe Kalkstein in einen zum Greifen real scheinenden gefalteten Mantel; und im vielfältigen Marmor verzaubert Gerhaert den Kaiser Friedrich III. in einen entrückten, aber Stein gewordenen Leichnam. Der Frankfurter Besucher lernt den Meister zwar eher bruchstückhaft kennen, doch erweisen sich insbesondere die Kopf- und Büstenplastiken als Werke von drastischer Modernität. Ein bärtiger Prophetenkopf aus Straßburg zum Beispiel würde heute als kauziges Original in jeder Veranstaltung durchgehen, bewundert um seinen wachen und kecken Blick. Oder das sogenannte Selbstbildnis aus dem Straßburger Dommuseum: Den Kopf in die Rechte gebeugt, die Augen kummervoll geschlossen, ganz und gar in sich gekehrt, lehnt er da, im Lichtspiel entfalten sich die langen Ärmel zu wohlinszenierten Felslandschaften. Neben Dürers Bild »Melencolia« sicher die zweite atemberaubende Darstellung des Themas. Beide genannten Plastiken Gerhaerts stammen aus Straßburg, wohin die Ausstellung mit gutem Grund im Anschluss an Frankfurt weiterziehen wird. Geboren um 1430 in Leiden, kristallisiert sich die Vita in den 1460er Jahren ebenda, in Straßburg, bevor er nach Wien aufbrach, wo er 1473 starb.

Wenn sich schon seine Spur quer durch Europa zieht, so ist das Werk von Niclaus Gerhaert heute in alle Winde verstreut, was die Leihgeberliste zeigt. Stilgeschichtlich konnte man dem Bildhauer, dessen Vita so wenig greifbar ist, burgundische und südniederländische Einflüsse nachweisen, das erste signierte Werk ist das schon erwähnte Sierck-Grabmal aus Trier. Gegen die biographische Unklarheit steht das doch in einzigartigen Arbeiten gesicherte Werk, das an Klarheit kaum zu überbieten ist (der Eindruck wird nur wenig geschmälert durch die Tatsache, dass es sich zuweilen um spätere Fassungen handelt), wenn man etwa an die sogenannte »Bärbel von Ottenheim« denkt, deren Steinhaut wie geschnitzt erscheint. Aus Baden-Baden kam ein Kruzifix, das die realistische Anmutung ins Expressive übersteigert, als sei es eine Arbeit um 1910 oder 1920. Ganz dem spätgotischen Stil verpflichtet sind die Figuren des Nördlinger Hochaltars, die in Faltendraperien schwelgen oder – wie im Fall des hl. Georg zu sehen – im streitbaren Harnisch auftreten. Der Drachentöter mit den femininen Gesichtszügen ist jedoch nicht nur seiner Zeit angehörig, sondern erinnert in seiner Gliederhaftigkeit und der Stilisierung mancher Details (man betrachte beispielsweise den Handschutz) an Marionetten späterer Jahrhunderte.

Der Restaurierung des Georg und seiner Mitstreiterinnen des Nördlinger Hochaltars ist es zu danken, dass man wieder ein Stück der Biographie offenlegen konnte: War der Altar bisher im Kölner Raum verankert, muss man ihn nun in den Straßburger Raum verorten, was bedeuetet, dass Gerhaert dort früher tätig war als vermutet. Derartig verklärte Lichtgestalten stehen in krassem Gegensatz zu erschreckend veristischen Studien wie dem Kopf eines Mannes mit Gesichtslähmung oder dem fratzenhaften Kopffragment eines Mannes. Niclaus Gerhaert vermittelt eine Lebendigkeit, die ihren Grund in der vollendeten Technik hat: Komplexe Hinterschneidungen, raffinierte Durchbrüche, räumliche Anbindung sieht man selten in dieser Qualität. Dazu kommt jene Lebensechtheit, die auf spätere Jahrhunderte vorausweist. Leider scheinen die Holzplastiken, die man ihm zuordnet, verloren gegangen zu sein. Ein herber Verlust ist auch das zerstörte Portal der Straßburger Alten Kanzlei, von der etwa der Prophetenkopf und die »Bärbel« – eigentlich die Seherin Sibylle (manche verklärten sie zur »Mona Lisa des Nordens«) –, stammen, die nach einer halben Ewigkeit in der Frankfurter bzw. Straßburger Ausstellung wieder zusammengefunden haben. Der Kurator der Ausstellung hat die Parallele von Niclaus Gerhaert zu Donatello gezogen – man kann ihm nur zu gern beipflichten.