Buchrezensionen, Rezensionen

Nicola Hille und Monika E. Müller (Hrsg.): Zeiten - Sprünge, Schnell & Steiner Verlag Regensburg 2007

„Zeiten – Sprünge“ heißt die 2007 im Schnell und Steiner Verlag erschienene Publikation, die Nicola Hille und Monika E. Müller herausgegeben haben. Dieser Titel ist ebenso vieldeutig, wie er offen gehalten ist. „Aspekte von Raum und Zeit in der Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ präzisiert der Untertitel und weckt große Erwartungen.

Hille und Müller©Schnell & Steiner Verlag
Hille und Müller©Schnell & Steiner Verlag

Das Titelbild mit einer modernen Rauminstallation in einer klassisch anmutenden Säulenhalle verspricht ähnliche Assoziationen (es handelt sich um eine Aufnahme von Kazuo Katases Installation „Ort-Raum Das blaue Haus (die gefangene Zeit)“ im Museum Wiesbaden 1996) – sie macht jedoch nicht verständlicher, welche „Zeiten – Sprünge“ gemeint sein könnten.

Tatsächlich handelt es sich nicht um eine geschlossene Monografie zum Thema, die etwa historische Entwicklungen  chronologisch nachzeichnet, sondern um eine Festschrift zum 65. Geburtstag von Peter K. Klein, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Tübingen. Der Leser findet eine Sammlung von 18 Aufsätzen vor, die Schüler und Schülerinnen Kleins zu seinen Ehren verfasst haben. Die enthaltenen Beiträge sind so weit gefasst, wie es der Titel verspricht, sie „spannen [...] einen Bogen vom 11. bis zum 21. Jahrhundert und berücksichtigen fast alle Gattungen der Kunst“ (7). Die Texte wollen Kleins Wirken und seine Forschungsarbeit würdigen, die, so die Herausgeberinnen, mindestens ebenso umfangreich angelegt sind.

Seine Arbeit führte Klein nicht nur geografisch in die unterschiedlichsten Regionen der Welt – er forschte und lehrte an mehreren Instituten im In- und Ausland –, sondern er beschäftigt sich auch mit inhaltlich sehr breitgefächerten Themengebieten, wie das umfangreiche Schriftenverzeichnis am Ende der Publikation verrät:
„Ein bedeutender Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Forschung über illustrierte Apokalypse-Kommentare und Handschriften. Hinzu kommen Fachgebiete der mittelalterlichen und neuzeitlichen Kunstgeschichtsforschung, in denen er methodisch unterschiedlich arbeitete [...]“ (7).

In seiner Vielfalt kreist Kleins wissenschaftliches Wirken jedoch immer wieder um die Begriffe „Raum“ und „Zeit“.
Die in der Publikation präsentierten Texte, die von den Herausgeberinnen allerdings thematisch nicht näher in Kleins Werk verortet werden, sind fast alle Zusammenfassungen oder Ausblicke von Forschungsarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationsprojekten und Vorträgen, die z. T. noch nicht schriftlich veröffentlicht wurden. Leider werden die Autoren selbst und ihrer Beziehung zu Klein nicht vorgestellt.
Die Anordnung der Aufsätze orientiert sich an der historischen Abfolge der in ihnen behandelten Themen und reicht von Arbeiten über das Mittelalter – romanische und gotische Kirchengestaltung an Beispielen aus Italien, Frankreich und Deutschland – über Illustrationen zu Francesco Petrarcas „Glücksbuch“, die Vielfalt spanischer „Taccuini“ und Viollet-le-Ducs Rekonstruktion des Kreuzgangs in Vézelay bis zu modernen und zeitgenössischen Fragestellungen am Ende der Publikation, etwa zum Nürnberger Reichsparteitagsgelände und Richard Serras Stahlplastiken im Diskurs. Thematisch und sprachlich richten sich die Texte an ein Fachpublikum; ohne entsprechendes Vorwissen fällt die Lektüre daher streckenweise schwer.

Alle Beiträge schließen jeweils mit Schwarzweiß-Abbildungen und verfügen, da es sich um fachwissenschaftliche Schriften mit zum Teil sehr speziellen Thematiken handelt, über einen stellenweise sehr umfangreichen Fußnotenkorpus. Gleich beim ersten Text – Delia Kottmanns Bericht über den Forschungsstand zu Datierungsversuchen der romanischen Wandmalereien von Castel Sant’Elia – fällt dieser sehr groß aus, was editorisch etwas ungeschickt erscheint, zumal er als Eröffnung des Bandes die Festschrift optisch sehr behäbig wirken lässt.

Die Publikation verspricht „neue Fragestellungen und teils noch nie analysierte Werke [...im Rahmen] innovativer Einzelstudien“. Eine Darstellung dieser Art ist etwa Nicola Hilles Vergleich der Künstlerausbildung an den WChUTEMAS in Moskau  mit dem Bauhaus in Weimar und Dessau. Der Text widmet sich einer Thematik, die nach wie vor sehr wenig erforscht ist: Die russische Avantgarde der 1920er Jahre und ihre Bedeutung für den Westen. Allzu lange wurde das Kunstschaffen dieser Zeit pauschal dem Konstruktivismus zugeordnet und unter rein ästhetisch-formalen Gesichtspunkten betrachtet. In welcher Hinsicht die russischen Künstler dieser Jahre das Bauhaus möglicherweise inspiriert haben könnten, umreißt Hille in ihrem Text. Dabei konzentriert sie sich jedoch mehr auf die Darstellung der beiden Kunstschulen, die tatsächlich viele Gemeinsamkeiten haben – jedoch auch einige wesentliche Unterschiede, die nicht deutlich zur Sprache kommen. Interessant wird der Aufsatz vor allem am Ende, wenn die Autorin das „Kunstprogramm“ des russischen Kommissariates für Volksaufklärung vorstellt, das 1919 von Paul Westheim im Kunstblatt publiziert wurde und möglicherweise Walter Gropius beim Entwurf seines Bauhaus-Programms beeinflusst haben könnte. Hille beschränkt sich allerdings auf eine summarische Aufführung der neun Punkte dieses Programms, dessen Text „bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist“ (276), ohne auf die Fragen nach der möglichen Beeinflussung weiter einzugehen.

Eine ungewohnte Thematik bietet auch Kathrin S. Knopps Beitrag über die „Konstitution eines Ideal-Raumes in der norwegischen Romantik“ in zwei exemplarischen Werken von Adolph Tidemand, der Einblicke in die neuere Geschichte Norwegens und die Identitätsbildung einer bürgerlichern Gesellschaft nach dem Ende der dänischen Okkupation gibt, die dem Großteil der Leser wenig bekannt sein dürfte. Tidemand, geprägt von der Düsseldorfer Akademie, hat „das ethnographische Genre, das auf genauen volkskundlichen Untersuchungen basiert in die Volkslebendarstellung ein[ge]führt[]“ (213). Zur Interpretation der Beobachtungen, wie der Maler vor Ort skizzierte Studien im Atelier zu einem Ideal-Raum komponiert, nutzt Knopp die Theorie der Raumsoziologie von Martina Löw:
„Im neuen Zusammenfügen der dokumentierten Figuren und der Raumstruktur findet, gemäß der von Martina Löw formulierten Theorie, die Konstitution eines Raumes statt, denn hier werden durch Handeln Menschen und soziale Güter angeordnet. Zwar findet das Spacing nicht an einem realen Ort, sondern auf einer Bildtafel statt, aber auch hier geht der neuen (An)Ordnung des Künstlers,(!) eine Syntheseleistung voran, das Erinnern, Vorstellen und Konzipieren von Raum [...]“ (216).

In dieser Vorgehensweise sieht die Autorin Tidemand deutlich von der Geisteshaltung der Romantik  beeinflusst, die volkstümliche Traditionen und Gebräuche als Ausdruck einer ursprünglichen „Volksseele“ deutet.

Die Publikation schließt mit einem mehrseitigen Verzeichnis von Kleins Schriften. Wie bereits erwähnt fehlt jedoch sowohl ein Überblick über seine Biografie als auch Porträts der Autoren. Insgesamt bietet die Festschrift „Zeiten – Sprünge“ trotz der erwähnten editorischen Schwächen dem fachlich Interessierten viele thematisch spannende Entdeckungen.