Buchrezensionen

Nicole Fritz (Hrsg.): We love Animals. 400 Jahre Tier und Mensch in der Kunst, Kerber Verlag 2017

Hunde, Katzen, Kühe, Pferde, Hühner – Tiere begleiten den Menschen seit Jahrtausenden. Und so finden sie sich auch seit jeher in der Kunst wieder: einfach nur dokumentiert, aber auch symbolisch aufgeladen. Eine Ausstellung in Ravensburg widmet sich nun 400 Jahren Kunstgeschichte des Tieres. Den Katalog dazu hat Andreas Maurer unter die Lupe genommen.

Katzenfotos überschwemmen Facebook und seit kurzem gibt es sogar Soziale Medien eigens für Tiere. Jedoch: Der Schein trügt. Denn einerseits lieben wir Tiere, andererseits produzieren wir sie in Massen, um sie zu essen. Eine ambivalente Beziehung, der sich seit Juli die aktuelle Sommerausstellung »We love animals« im Kunstmuseum Ravensburg widmet. Ausgehend von dem Werk »Die Cobra Gruppe« (1964) des dänischen Malers Asger Jorns, aus der hauseigenen Sammlung Peter und Gudrun Selinka, untersucht die Schau nicht nur das Tier in uns, sondern spürt vor allem der Mensch-Tier-Beziehung in der Kunst nach. Über einhundert Exponate aus öffentlichen und privaten Sammlungen spannen dabei einen zeitlichen Bogen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart und zeigen deutlich, wie sich der Mensch über die Jahrhunderte zum Tier in Verhältnis gesetzt hat.

Obwohl künstlerische Darstellungen von Tieren schon seit der Frühzeit existieren, dauerte es noch lange bis sie zur Eigenständigkeit reiften. Eine sichtbare Wende lässt sich vor allem an den Werken des 19. Jahrhunderts ablesen, denn mit der beginnenden Industrialisierung veränderte sich die bis dahin vorherrschende Aufgabe der Tiere gravierend: Maschinen traten an ihre Stelle – Tiere wurden »nutzlos«. Je nach Art unterteilte man sie grob in zwei Kategorien: Schlachtvieh auf der einen Seite, höhere beseelte Wesen auf der anderen. Pferde, Kaninchen usw., für die wirtschaftliche Produktion nun unbrauchbar geworden, kehrten an dieser Wende nicht nur als »Familienmitglieder« in die offenen Arme ihrer Besitzer zurück, sondern dienten der Gesellschaft fortan auch für Bildungs- und Erziehungszwecke (Klapperstorch, Osterhase...). Bis heute hat sich am Spannungsverhältnis Tier/Mensch nicht viel verändert, steht doch einer solchen 400 Jahre langen und oft extremen Empathie ein rasantes Artensterben gegenüber. Schon in den 90er Jahren forderten Philosophen und Wissenschaftler deshalb eine Umkehr in der Tierethik, die sich als sogenannter »Animal Turn« etabliert hat. Umso tauber die Gesellschaft darauf reagierte, umso massiver schrie die Kunst.

Anhand der Werke von Albrecht Dürer, Moritz von Schwindt, Max Slevogt, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Ernst Ludwig Kirchner, Birgit Jürgenssen, Jeff Koons, Erwin Wurm, Jari Kylli, Deborah Sengl u.v.m. wird man im vorliegenden Katalog dieser Ravensburger »Tiersafari« nicht nur belehrt und gemahnt, sondern in einigen Fällen auch zum Schmunzeln angeregt. So erfährt man beispielsweise anhand eines Bildes von Johann Baptist Seele, dass die Schimmelstute »Helene«, das Lieblingspferd Friedrichs II. von Württemberg, nach ihrem Tod mit allen militärischen Ehren beigesetzt wurde, Trauergeleit und Grabstein inklusive. Der Hintergrund ist aber laut Text nicht in einer generellen Tierliebe des Herzogs zu finden, sondern: Helene war das einzige Pferd im Stall, welches den übergewichtigen Monarchen überhaupt tragen konnte.

Dieses und andere Beispiele führen den LeserInnen des Katalogs vor Augen, dass die künstlerische Darstellung eines Tieres ihren Ausgangspunkt immer im Menschen und seinem Umfeld findet, demzufolge Tierbilder also kulturell geformt sind und Rückschlüsse auf die jeweilige Zeit und Gesellschaft zulassen. Längere Aufsätze von Nicole Fritz, Karen Kurczynski, Marcel Sebastian (dieser sei besonders ans Herz gelegt) sowie kurze Wortbeiträge von Bernd M. Mayer, Nadine Grünewald, Lisa Maier, Ninja Walbers und Lisa Grenzebach belegen diese mutige These und versuchen die LeserInnen in diese »tierische« Welt mitzunehmen wie auch deren Entwicklung bis in die Gegenwart nachzuzeichnen.

Weiterführende Hinweise finden sich am Ende der einzelnen Texte, doch schmerzlich vermisst man eine komplette Literaturliste, um vielleicht das eigene Interesse an diesem Thema noch zu vertiefen. Platz hätte sich dafür definitiv gefunden, halten doch auf der anderen Seite einige Bilder zweimal (im Text und im Bildteil) Audienz – Dürers »Rhinozeros« (1515) ist Spitzenreiter und kommt sogar dreimal vor. Zwar wurden die künstlerischen Positionen der Schau in chronologischer Reihenfolge abgedruckt, die genauen Jahreszahlen der Werke inklusive ihrer kompletten Angaben offenbart man den LeserInnen aber erst in einem großzügigen Fotonachweis im hinteren Teil der Publikation. Überhaupt unterliegen der Katalog und die Auswahl der Beispiele, zwar allesamt schön farbig und ganzseitig, stark der magnetischen Anziehungskraft einzelner Epochen (besonders dem 19. und 20. Jahrhundert) und einiger KünstlerInnen (Birgit Jürgenssen ist gar mit sieben Werken vertreten).

Parallel zur Schau tragen eigens entwickelte Workshops für alle Altersstufen zur Wahrnehmung und Empfindung gegenüber dem Tier bei. So nah man der Aktualität des Themas im Begleitprogramm der Ausstellung und den Textbeiträgen der Publikation aber kommt, so fern ist man ihr mit den meisten Exponaten. Die »Performance for Pets« (2017) Krööt Juurak und Alex Baily, eine eigens für den kunstinteressierten Hund erdachte Performance, soll dem Jetzt den Spiegel vorhalten, lässt aber leider eine ganz andere Frage aufkommen, nämlich: Ob das Medium der Performance überhaupt noch eine zeitgemäße Kunstform ist. Komplett ausgespart wurden dafür Kunstformen, die uns täglich umgeben: Comics, Fernsehen mit Film und Serien und sogar die digitale Welt. Ebenso ausgespart wurden politische Konfrontationen, Epochen in denen der Mensch selbst noch geringer als das Tier gehandelt wurde.

Die Süße des Umschlagbildes (Carl Friedrich Deiker: »Terrier mit einem Zuckerstück auf der Nase«, 1870) zieht sich bei diesem eigentlich hochexplosiven Thema somit leider auch durch die meisten Beispiele. Gerade heute, wo sich Menschen Begriffen wie Nachhaltigkeit und Natürlichkeit geradezu sklavisch unterwerfen, entstehen auf der anderen Seite künstliche Tiere – die Hochleistungskuh, das täglich legende Batteriehuhn oder das Schwein mit dem rapidem, hormonell gesteuerten, Wachstum – deren Körper allein zum Zweck der Verwertung gestaltet und entworfen wurden.

Einzig Deborah Sengls Serie »Killed to be dressed« (2010) sticht aus dieser Menge der künstlerischen Positionen im Katalog heraus: Tiere, bekleidet mit Mänteln, Schuhen und Taschen aus Menschenhaut, hinterlassen bei den LeserInnen einen sauren Nachgeschmack und erinnern uns, dass unsere selbsternannte »Zivilisation« nichts anderes ist, als transformierte Barbarei.