Buchrezensionen, Rezensionen

Nikola Doll: Mäzenatentum und Kunstförderung im Nationalsozialismus. Werner Peiner und Hermann Göring. VDG Weimar 2009

Nicht zuletzt deshalb, weil Adolf Hitler sich selbst als Künstler verstand, wird der Nationalsozialismus immer wieder mit bildender Kunst in Verbindung gebracht. Allerdings nicht mit wirklich bedeutender Kunst – Arnold Brekers monumentale Plastiken, die maßlosen Städtebauprojekte eines Albert Speer oder der feierliche Kitsch des »Reichsschamhaarmalers« Adolf Ziegler sind vielleicht nicht vergessen, aber respektiert werden sie schon lange nicht mehr. Fast ganz vergessen ist der Professor für monumentale Malerei, Werner Peiner, und mit ihm die auf ihn und seine Person zugeschnittene Malerschule in der Eifel, deren Geschichte Nikola Doll erzählt. Der preußische Ministerpräsident – auch er ein Freund der schönen Künste – bestritt den Etat der Schule aus öffentlichen Mitteln und ließ sie in der ihm eigenen stillen Bescheidenheit die »Hermann Göring-Meisterschule« nennen. Stefan Diebitz hat für uns das Buch gelesen.

Dolls Dissertation, 2003 in Bochum an der Fakultät für Geschichtswissenschaften eingereicht, wird so ziemlich allen, und das heißt hier: den sehr verschiedenen, Aspekten der Geschichte gerecht. Es handelt sich um eine perspektivenreiche und differenzierte Arbeit, die nicht allein kunsthistorische Fragen, sondern gleichwertig auch solche der politischen Geschichte behandelt. Denn mit der Person Görings kam ja die oberste Ebene der Politik ins Spiel, und auch Albert Speer war immer wieder mit Fragen beschäftigt, welche die Hermann Göring-Meisterschule betrafen. Und endlich hat selbst Adolf Hitler Werke Werner Peiners gesammelt, und Himmler und Ribbentrop gaben für SS-Kultstätte und Reichsaußenministerium Wandteppiche in Auftrag. So galt es also, Görings und Speers Briefwechsel und überhaupt politische Dokumente auszuwerten. Dazu stellt Doll die Rezeption der Schule in der nationalsozialistischen Presse vor und fasst die Stellungnahmen der universitären Kunstgeschichte zusammen, so dass insgesamt ein ziemlich vollständiges und realistisches Bild der damaligen Vorgänge entsteht.

Das Buch beginnt mit der Geschichte der Landakademie in Kronenburg / Eifel, einer Kunstschule, die 1935 von Werner Peiner kurz nach seiner Berufung zum Professor für Monumentalmalerei nach Düsseldorf gegründet wurde. Peiner war ein technisch versierter, ursprünglich der Neuen Sachlichkeit verbundener Maler, der in den zwanziger Jahren zwar von seiner Kunst leben konnte, aber doch eher in der zweiten Reihe stand, um erst im Dritten Reich dank der Fürsprache Görings zum Malerfürsten aufzusteigen. Die Schule war ganz auf seine Person zugeschnitten, und dies nicht allein in ihrer künstlerischen und pädagogischen, sondern auch ökonomischen Konzeption. Die Schüler waren ihm nach dem Führerprinzip persönlich zu Gehorsam und Loyalität verpflichtet und hatten sich nicht allein seinen künstlerischen Ansprüchen unterzuordnen, sondern auch seinen Projekten zu dienen.

1937/38 gewann Peiner Hermann Göring als Förderer und schaffte damit den Durchbruch zu einem der großen Stars des Dritten Reiches, der Staatsaufträge im Übermaß einsammeln konnte. Seinem Mäzen blieb er eng verbunden, zum Beispiel, indem er dem Reichsmarschall Jahresgaben mit Arbeiten seiner Schüler übersandte und Vorlagen für repräsentative Wandteppiche lieferte, die für Görings Anwesen gedacht waren. Obwohl Peiner auch von anderer Seite regelmäßig Aufträge für öffentliche Gebäude erhielt, erscheint Göring deshalb als der für Peiners Karriere entscheidende Mann. Immer wieder wird dabei der Vergleich mit der Förderung der Künste in der Renaissance gesucht; Göring selbst nannte sich einen „Renaissancetyp“ und verstand sich als Condotierre, und es ist ja auch nicht zufällig seine manische Großmannssucht, die sich in das Gedächtnis der Nation eingeschrieben hat.

Riesige Wandteppiche, wie sie in Kronenburg von Peiner und seinen Schülern entworfen wurden, werden heute wohl nur noch selten gefertigt. Dafür gibt es nicht allein künstlerische oder finanzielle Gründe, sondern das hat einerseits damit zu tun, dass diese Kunstform durch Künstler wie Peiner dauerhaft diskreditiert wurde, andererseits mit dem gewandelten Selbstverständnis, wie es in öffentlichen Gebäuden oder in Firmenzentralen zum Ausdruck kommt. Dolls Beschreibungen und Analysen der Teppiche Peiners, die besonders die Ikonografie ins Auge fassen, sind für uns schon deshalb wertvoll, weil wir viele der im Buch abgehandelten Teppiche gar nicht bzw. nur aus Abbildungen kennen, denn von ihnen sind nur die Kartons erhalten oder Fotodokumente.

Ein anderer Aspekt betrifft die Architektur, sowohl jene der Schule in Kronenburg, als auch die der Göringschen Residenz in der Berliner Schorfheide. »Carinhall« nannte der Reichsmarschall das schlossartige Ensemble, in dem er, unter so vielen Kunstdieben der Geschichte wohl einer der dreistesten, seine zusammengerafften Reichtümer ausstellte. Ohne Übertreibung darf man sagen, dass die meisten Museen der Welt sich die Finger lecken würden, wenn sie ihrem Bestand auch nur einen Bruchteil der Bilder einverleiben könnten, welche die privaten und halboffiziellen Räume dieses Herrn schmückten. „Bei Kriegsende“, zählt Doll auf, „umfasst seine Sammlung 1375 Gemälde, 250 Skulpturen, 168 Wandteppiche und zahlreiche kunstgewerbliche Objekte. Römische Baufragmente, griechische Vasen, Repliken griechischer Statuen, Malerei und Skulpturen sämtlicher Epochen bis zur zeitgenössischen Kunst des Nationalsozialismus sind in Carinhall versammelt.“ Und es handelt sich, wenn man von den zeitgenössischen Arbeiten absieht, fast immer um Kunst erster Qualität, manchmal gar um weltberühmte Werke – man denke nur an die Bilder eines Lukas Cranach.

Beide Baukomplexe, die Hermann Göring-Meisterschule wie auch Carinhall, werden sowohl in ihrer Planung und Errichtung als auch in ihrer ästhetischen Erscheinung („Heimatschutzstil“) und Funktion sorgfältig und sachlich beschrieben. Nicht zuletzt diese Kapitel machen den Wert des Buches aus, denn es bietet uns Kulturgeschichte im Detail, etwa bei der Beschreibung der Lern- und Arbeitsbedingungen in Kronenburg, die teils auf Tendenzen der zwanziger Jahre, teils auf spezifisch nationalsozialistisches Gedankengut zurückgingen. Letzteres gilt natürlich besonders für den „Führergedanken“, der einen vielleicht nicht unbegabten, aber doch alles in allem eher mittelmäßigen Künstler wie Peiner zum Alleinherrscher machte, das gilt aber auch für den „Werkstattgedanken“ und überhaupt die Tendenz, das Handwerkliche über alles Maß zu betonen. Dieser Aspekt gewinnt ja erst dann seine ideologische und antimodernistische Schärfe, wenn er sich (wie in Kronenburg und überhaupt im Nationalsozialismus geschehen) gegen die Individualität und Selbstbestimmung von Künstlern richtet.

Eine antiindividualistische Tendenz zeigt sich auch darin, dass eine Art „klösterliches Ideal“ für die Institution in der Eifel in Anspruch genommen wird. „Die im ‚Geistigen Gesetz’ der Hermann Göring-Meisterschule beschriebene ‚ordensmäßige Bindung’ spiegelt sich in der Anlehnung der Architektur an Klosteranlagen und in der Anzahl der Schüler wieder. Zwölf Studierende und ein Meister bilden die Gemeinschaft, vergleichbar der Anzahl – zwölf Mönche und ein Abt -, die zur Gründung eines Klosters notwendig ist.“ Auch übernimmt die nationalsozialistische Kunst immer wieder religiöse Formensprache, zum Beispiel das Triptychon.

Typisch für Peiner, aber auch sonst für die Kunst des Dritten Reiches ist die Ablehnung alles Malerischen und im Verein damit die Überbetonung der Linie – eine Tendenz, die bereits für den Jugendstil bezeichnend ist. Für die nationalsozialistische Kunst besitzt sie wohl schon deshalb Bedeutung, weil sie als ein Element der monumentalen Kunst notwendig scheint. Peiner begreift, so referiert Doll aus einem seiner Essays, „die lineare Bildgestaltung als ‚Trägerin des monumentalen Gedankens’, deren reduzierte Formensprache ‚gebundene Strenge und Feierlichkeit’ ausdrücke und somit auf grundsätzliche, geistige Haltung verweise. Ihr entgegengesetzt sei das Prinzip des Malerischen, das (...) die Barockmalerei repräsentiere. Die Barockmalerei habe die ‚natürliche’ Übereinstimmung von ‚äußerer Form’ und ‚innerer Größe’ zerstört.“

1996 hat Nikola Doll mit der Arbeit an dieser Studie begonnen und erste Interviews mit ehemaligen Meisterschülern geführt. Angesichts dieses langjährigen Fleißes ist es ganz unverständlich, dass die Autorin nicht aufmerksamer Korrektur gelesen hat. Die Vielzahl überflüssiger Fehler beeinträchtigt das Lesevergnügen entschieden. Aber ihr Buch kann für sich in Anspruch nehmen, alle Aspekte der Geschichte der Hermann Göring-Meisterschule für Malerei wenigstens angesprochen, wenn nicht gar ausführlich dargestellt zu haben. So ist es eine kulturgeschichtliche Studie von hohem Wert, und die Lektüre ist außerordentlich anregend. Besondere Beachtung verdient das Buch auch deshalb, weil es deutlich macht, wie verfehlt es sein muss, einzelne Aspekte von Kunst (in diesem Falle etwa die Monumentalität oder den Vorrang der Linie) unabhängig von den historischen und sozialen Begleitumständen zu diskutieren und mit rein formalen Methoden die Kriterien einer faschistischen Ästhetik herauszupräparieren. Es klingt banal, aber Doll zeigt, dass es auf den Zusammenhang ankommt.