Buchrezensionen, Rezensionen

Nils Büttner / Esther Meier (Hrsg.): Grenzüberschreitung. Deutsch-niederländischer Kunst- und Künstleraustausch im 17. Jahrhundert, Jonas 2011

Der künstlerische Austausch zwischen Deutschland und den Niederlanden im 17. Jahrhundert beruhte (scheinbar) auf einem einseitigen Verhältnis von Geben und Nehmen. Vor vier Jahren stellte ein internationales Kolloquium an der TU Dortmund genau diese Annahme infrage. Den daraus hervorgegangenen Tagungsband hat Günter Baumann gelesen.

Internationale Kolloquien leben vom Austausch, dessen fruchtbare Aura kaum zwischen Buchdeckeln konservierbar ist. So wirkt denn – vor allem im Abstand zur Publikation und deren Fortwirken – der Beitragsband zum Kolloquium »Grenzüberschreitung. Deutsch-niederländischer Kunst- und Künstleraustausch im 17. Jahrhundert«, das im November 2008 an der TU Dortmund stattgefunden hatte, auf den ersten Blick wenig ergiebig. Die Problematik liegt auf der Hand, wie der Mitinitiator der Veranstaltung und neben Esther Meier Herausgeber des Bandes, Nils Büttner, auch in der Einleitung festhält: »die Quantität der Untersuchungen differiert sehr«, dem »Goldenen Zeitalter« in den Niederlanden steht ein bezüglich der Kunst »totes Jahrhundert« in Deutschland gegenüber, ja es galt lange von Seiten der Niederlande »zum östlichen Nachbar ein Verdikt der strikten Grenzziehung«. Dies schien schon damals angelegt gewesen zu sein, erfahren wir doch, dass Karel van Mander – bedeutendster Biograph seiner Malerkollegen – sich kaum Mühe machte, Namen deutscher Künstler zu ermitteln.

Das ist faktisch völlig zurecht veranschlagt, weshalb man das Thema auch ad acta legen könnte. Doch gehört der Ertrag des Kolloquiums in eine lange Tradition nachbarschaftlichen kulturellen Wechselverhältnisses zwischen den Niederlanden und Deutschland. Unvergessen ist etwa die Publikationsreihe »Nachbarn«, die allerhand Begegnungen in beiden Richtungen versammelt hat, wenn auch über die Jahrhunderte hinweg. Im 17. Jahrhundert steht jedoch Holland – und man kann hier die Provinz, die oft fälschlicherweise für das ganze Land steht, ins Zentrum der Betrachtung stellen. Gegenüber deutschen Städten sind freilich auch die niederländischen Städte der Nachbarprovinzen, etwa Den Haag, Haarlem oder Utrecht, nicht ›von schlechten Eltern‹, und auch flämische Zentren wie Antwerpen kann man kaum ignorieren. Das zeigt allerdings das mächtige Gefälle, wenn es darum geht, einen künstlerischen Austausch über die Grenzen hinweg zu verzeichnen. Der Unterschied war den Kunstschaffenden des 17. Jahrhunderts wohl bewusst, weshalb sich die Niederlande als Einwanderungsland für deutsche Künstler anbot: Und hierbei kommt es zwangsläufig zu befruchtenden Wechselwirkungen. Die Kunst in Holland war erstmals einem modernen Marktgebaren unterworfen, das nirgendwo sonst in dieser Zeit derart professionelle, aber auch kuriose Entwicklungen nahm wie dort – die Malerei wurde zum Kulturgut. Man braucht hier nur die Stilllebenproduktion ansehen, die auf deutscher Seite kaum ein eigenständiges Pendant kennt, wohl aber deutliche Anleihen von den nordöstlichen Nachbarn.

Der an der Stuttgarter Kunstakademie lehrende Büttner ist ein exzellenter Kenner der niederländischen und flämischen Kunstgeschichte, und unter seiner Regie haben Beiträger zusammengefunden, die sich dem nicht immer einfachen beidseitigen Austausch annahmen. Deutschland steht in der Konsequenz nicht mehr als kulturell verarmter Nachbar im Raum, sondern als Region, in der man die Zeichen der Zeit sehr wohl erkannte. Das lässt sich sinnvoll nur unter sozial- wie wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten betreiben. Hier gibt es zwar bereits eine reichliche Überblicksliteratur, insbesondere von Simon Schama, doch wurden bislang kaum so viele Aspekte in einem überschaubaren Kontext untersucht, der auch viel Spielraum lässt für kleinere, regional relevante Forschungsergebnisse. Auch kann man nicht deutlich genug an die Begriffsgeschichte des Wortes »deutsch« erinnern, das nicht von ungefähr eine Verwandtschaft zum englischen Begriff »dutch« hat – im 17. Jahrhundert hieß die Unterscheidung auf niederländischer Seite »duytsch« resp. »nederlandsch« und »hoochduytsch«.

Figuren – Gelehrte und Maler – wie Hans Vredeman de Vries (in Verbindung mit der sogenannten Weserrenaissance) oder Joachim von Sandrart, aber auch die Viten von Maria Sibylla Merian oder Jürgen Ovens machen deutlich, dass Deutschland einiges zu bieten hatte, was in den Niederlanden auf einen guten Boden traf bzw. wo die Niederländer in Deutschland Fuß fassten – was immerhin im Einflussbereich bis nach Prag reichte, wo Hendrick Goltzius aktiv war. Oft wird nicht bedacht, dass vor allem von den südlichen Provinzen der Niederlande aus, die unter dem spanisch-katholischen Diktat lebten, ein Exilantenstrom nicht nur in die nördlichen Provinzen, sondern auch nach Osten, etwa nach Frankfurt oder Hamburg zog. Es lag auf der Hand, dass die handelsorientierten und -verwöhnten Niederländer auch deutsche Handelsstädte bevorzugten. Wo immer sich die wirtschaftsbezogenen oder auch religiös motivierten Wanderbewegungen in der künstlerischen Welt wiederfand, zeigten sich oftmals zarte Pflänzchen der Verflechtung diesseits wie jenseits der Grenzen. Diese aufgespürt und dokumentiert zu haben, ist das Verdienst des Buches.