Reiseberichte

Noch heute kennt ihn jeder: Luis Caravati errichtete Catamarca

Nicht vielen Architekten ist es vergönnt, das Bild einer Stadt weit über den eigenen Tod hinaus zu prägen. Dem in Italien geborenen Luis Caravati (1821 – 1901) ist eben dies im argentinischen Catamarca mit einer großen Anzahl repräsentativer Gebäude gelungen. Stefan Diebitz berichtet von den Eindrücken seiner Reise.

Der Innenhof des Colegio nacional © Foto: Stefan Diebitz Der Tempel auf dem Platz La Alameda © Foto: Stefan Diebitz Blick auf die »plaza principal« in Catamarca © Foto: Stefan Diebitz Seitenblick auf das Seminario © Foto: Stefan Diebitz
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Noch heute kennt jeder in der nordwestargentinischen Provinzhauptstadt Catamarca den Namen des Architekten Luis Caravati: ein folkloristischer Chor (»Los de Catamarca«) trug erst kürzlich ein Lied zu seinen Ehren vor, das neue Museum für Stadtgeschichte, das in seinem Privathaus eingerichtet wurde, trägt seinen Namen (»Casa Caravati«), und auch ein schönes Restaurant am Hauptplatz der Stadt wurde nach ihm benannt. Die Bekanntheit dieses Architekten macht deutlich, dass Luis Caravati nicht allein zahlreiche Gebäude errichtet hat, sondern dass sie nach wie vor das Gesicht der Stadt prägen, die Bürger darum wissen und seine Arbeit bis heute schätzen.

1821 im lombardischen Cazzone geboren, studierte Caravati wahrscheinlich in Mailand, bevor er in den fünfziger Jahren nach Südamerika auswanderte und 1857 in Catamarca eintraf. Allerdings findet sich sogar in seriöser Literatur die Legende, Caravati sei bereits 1836 zusammen mit Giuseppe Garibaldi über Montevideo nach Südamerika ausgewandert, aber diese Angabe kann nicht stimmen, weil sein Studium in Italien als sehr wahrscheinlich gilt – und das hätte er ja nicht mit nur fünfzehn Jahren abgeschlossen haben können.

Kaum in Catamarca eingetroffen, durfte er für ein neues Wasserreservoir ein Gebäude errichten, das heute zu den Monumenten der Stadt zählt, die wirklich jeder kennt, auch wenn sich sein Sinn heute kaum noch jemandem erschließt. In der Mitte des Platzes »La Alameda« findet sich ein seit einigen Jahren bekröntes Tempelchen, das ursprünglich in der Mitte eines flachen Teiches stand und sich in diesem sehr hübsch spiegelte. Warum das Wasserreservoir aufgegeben wurde, steht nicht ganz fest, aber ein Zusammenhang mit dem Dengue-Fieber ist wahrscheinlich. Diese sehr gefährliche Krankheit wird nämlich durch Mücken übertragen, die im ruhigen Wasser ihre Larven ausbrüten – ein solches stilles Reservoir muss also eine regelrechte Brutstätte gewesen sein. Das Tempelchen ist wohl kaum ein Meisterwerk, aber es scheint das erste gewesen zu sein, das Caravati in Catamarca baute, und es ist trotz (oder wegen …) seiner offenkundigen Sinnlosigkeit höchst charakteristisch und verleiht dem von prächtigen Eukalyptusbäumen und bauchigen Borrachos umstandenen Platz eine ganz eigene Note. Unter ihm befindet sich heute ein folkloristisches Museum.

Caravati erreichte das seinerzeit weniger als 8000 Einwohner zählende Catamarca zu einem günstigen Zeitpunkt, weil eben die Anlage der Stadt überdacht, geändert und sogar verlagert wurde – so gab es jede Menge Bauaufträge. Dass er enge Freundschaften zu Klerikern pflegte, dürfte ihm außerdem geholfen haben, denn neben mehreren, zum Teil kirchlichen Schulen errichtete er noch drei große Kirchen. Als sein Hauptwerk gilt die mächtige Kathedrale, die wuchtig und schwer die »plaza principal« der Stadt dominiert. Damals war sie weiß, heute aber ist sie in ein für dieses Land typisches Rosa gestrichen. Ihre Türme werden von blauen »Pas de Calais«-Fliesen geschmückt, die aus der gleichnamigen französischen Landschaft importiert wurden und auch noch bei anderen Gebäuden Verwendung fanden. Trotz der korinthischen Säulen am Eingang wird immer wieder der italienische Stil der Kathedrale betont, ebenso wie bei dem gleich neben ihr liegenden Regierungsgebäude. Nicolás Reynoso, der erst 2011 ein Buch über Caravati vorlegte, weist außerdem auf die durchweg kostbare Ausstattung mit Hölzern und Marmor hin.

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Das weiße Haus der Provinzregierung allerdings wurde an die Seite des Platzes gedrängt, denn das Zentrum blieb der Kirche vorbehalten. Schon zu Caravatis Zeiten war die Religion wichtiger als die Politik, und sie ist es heute. Catamarca ist ein Wallfahrtsort, und überall begegnet man dem standardisierten kegelförmigen Bild der Gottesmutter, die einem Gläubigen in einer Grotte etwas außerhalb der Stadt begegnet sein soll. Nach eben dieser Erscheinung ist auch die Kathedrale benannt, sie ist die »Catedral de Nuestra Señora de la Virgen del Valle«. Von außen ist die Kathedrale wenig originell, denn zwei schwere Türme zu ihrer Seite kennt fast jede der großen Kirchen in den Zentren argentinischer Städte, und innen ist dieses Gotteshaus mit Prunk überladen und dazu sehr dunkel, geradezu düster. In eben jener Zeit, in der die Europäer der Neogotik und damit einer lichteren Bauweise frönten, feierte in Südamerika ein schwerer Neobarock Triumphe, von dem eigentlich alle Kirchen gezeichnet sind.

Schon der Sitz der Regierung (»casa de gobierno«) daneben überzeugt mehr – besonders der Rhythmus der mit schwarzen Eisengittern bewehrten Fenster fällt auf, wenn man an seiner Flanke entlangschaut. Für Architekten dieser Zeit spielten die Proportionen eine viel größere Rolle als für uns, und ihre Lehre war noch Teil der Ausbildung: das ist sicherlich ein Grund für die Schönheit dieses Gebäudes. Der Bau hat nur zwei Stockwerke, und wie sonst auch in Catamarca wird die Horizontale betont, in diesem Fall durch die lange Reihe der Fenster. Schon bei den gewöhnlichen Häusern, welche die Straßen säumen, geschieht das: weil sie flach sind und weil sich auf ihrem Dach an der Straßenseite ein abschließendes Schmuckband mit geometrischen Formen entlangzieht. Die Hochhäuser aber, die heute aus ihrer Reihe steil hervorragen, passen nicht in die Landschaft, sondern zerstören das Bild – mehr als drei Stockwerke hätte man verbieten müssen, hätte man das Stadtbild erhalten wollen. Heute ist es dafür längst zu spät.

Auch die typischen offenen Glockentürme der Kirchen betonen die unendliche Weite. Mittelalterliche Städte in Europa drängten sich auf einem Fleck zusammen, und aus der Masse der steilen Dächer stießen die Kirchtürme in den Himmel. Die Straßen aber waren gebogen, denn man sollte weder ihr Ende noch ihren Anfang sehen. In Catamarca (und auch in den meisten anderen, vielleicht sogar allen) Städten Argentiniens fließt die Häusermasse einfach auseinander. Alle Straßen führen nur schnurgeradeaus, bis zum Horizont oder bis es nicht mehr weiter geht. Vielleicht ist es einfach der unerschöpfliche, riesige Raum des Landes, der sich in der Anlage der Städte spiegelt, denn wenn es auch derartige Stadtanlagen in Europa gibt, so sind es doch verschwindend wenige, und bis heute vermeiden europäische Städteplaner Schachbrettanlagen – selbst in ödesten Vorstädten sind die Straßen gebogen. Aus diesem etwas banalen Grund ist das Spazierengehen in Catamarca, gegen das sonst noch der schreckliche Autoverkehr spricht, furchtbar langweilig – wer möchte immer nur schnurgerade Straßen hinunterwandern?

Die Kathedrale allein wäre kein Grund, über Luis Caravati zu schreiben. Aber der Architekt zeichnet nicht allein für die Kirche, sondern zugleich für den Platz vor ihr verantwortlich (»Plaza de 25 mayo«), und der ist nun allerdings ein Meisterwerk, vor allem dank seiner verschiedenen Ebenen, auf denen sich mächtige, schöne und gepflegte Bäume befinden, durch deren Kronen hindurch und an deren Stämmen vorbei man immer wieder wechselnde Blicke auf Kirche und Casa de Gobierno werfen kann. Natürlich finden sich auch allerlei Denkmäler und ein Brunnen. An jedem Tag ist ein halbes Dutzend Gärtner mit der Pflege und dem Wässern der Pflanzen beschäftigt.

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Auch wir in Deutschland kennen schöne Plätze, aber kaum einer von ihnen ist belebt, und schon gar nicht so belebt wie Plätze in den Ländern des Südens. Sehr oft sind sie sogar verödet und liegen selbst an den schönsten Tagen nur leer, flach und langweilig in der Sonne, aber Provinzpolitiker und Städteplaner sind stolz auf die Einheitlichkeit des städtischen Raumes, die sie offenbar über seine Belebtheit stellen. Natürlich ist die Kultur der Öffentlichkeit in mediterranen Ländern wie auch in Südamerika eine ganz andere, aber wie man an Catamarca studieren kann, zieht eine lebendige Gestaltung des Platzes mit Pflanzen und Brunnen und seine Strukturierung durch Wege und flache Treppen die Menschen fast magisch an.

Das Zusammenspiel von Architektur und Gärten war für Caravati ein zentrales Moment seiner Arbeit, er wollte unbedingt grüne Räume, und ganz offensichtlich besaß er dafür ein besonderes Geschick. Wahrscheinlich sind es seine verschiedenen, mit wenigen Stufen verbundenen Ebenen, die den Platz so interessant und seinen Besuch so angenehm machen. Zu jeder Tageszeit wimmelt er von Menschen, am Morgen ebenso wie am Abend, wenn die Kirche angestrahlt wird, und erscheint so als ein wirkliches Zentrum der Stadt. An ihm bewahrheitet sich das Wort José Ortega y Gassets, der gesagt hat, die mediterrane Stadt beginne »als Hohlraum, als Marktplatz, forum, agora, und alles weitere ist Vorwand, um dieses Hohl zu sichern, seinen Umriss abzustecken«. Für Catamarca gilt dies ganz unbedingt, und so präsentiert die Stadt wenigstens in diesem Punkt ein Stückchen mediterrane Lebensart in Argentinien.

Einen Hohlraum kennen auch viele mediterrane Gebäude: es ist der Patio, der in Spanien besonders die Herrenhäuser bestimmt, in Argentinien aber aus Schulen, Universitäten und anderen großen Gebäuden überhaupt nicht wegzudenken ist. In Argentinien haben die Patios schon deshalb keine schönen Freitreppen wie in Spanien, weil die meisten Gebäude ja nur einstöckig sind. Ihre Funktion wie ihre Wirkung sind deshalb ganz andere. Wie die Städte um die Plätze herum gebaut wurden, so wurden große Gebäude um Patios herum errichtet. Auch in ihnen – und in denen von Caravati schon sowieso – finden sich Bäume. Patios sind deshalb so wichtig, weil sie besonders in Schulgebäuden aller Art ihren Sinn besitzen, wo sie die Klassen- oder Seminarräume ebenso verbinden wie voneinander trennen und einen öffentlichen Raum innerhalb des Hauses entstehen lassen. Natürlich sind sie zunächst eine Antwort der Architektur auf die sommerliche Hitze, aber sie sind noch mehr als das. So stellt das mit der Tageszeit wechselnde Spiel von Licht und Schatten einen besonderen Reiz dar, besonders, wenn man aus einer der hohen schmalen Türen in die umlaufende Galerie tritt. Es sind in jedem Fall Räume, in denen man sich gern aufhält. Kann man etwas Besseres von einem Architekten sagen, als dass man sich in seinen Häusern wohlfühlt?

Caravati baute etliche Schulen und auch die Ausbildungsstelle der Kirche, das Seminario, das mit seinen vier Ecktürmen zumindest nach außen hin viel eleganter als die schwerfällige Kathedrale wirkt. Seit einigen Jahren wird das große Gebäude restauriert, und deshalb konnte ich es leider nicht betreten – schon wegen der beiden schönen Patios hätte ich es gern getan. Aber eine Schule, das Colegio Nacional, das von Caravati zwischen 1864 und 1871 gebaut wurde, bot mir mehr als bloß Ersatz, und als ich in seinem Patio stand und zu den mächtigen Kronen der Palmen emporschaute, beneidete ich die Schüler, die eine so schöne Schule besuchen dürfen.

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Einen echten Schandfleck bot viele Jahre lang das alte Krankenhaus (»Hospital San Juan Bautista«), eine verkommene Ruine am Rand der Innenstadt und ebenfalls ein Werk Luis Caravatis. Ich fotografierte es vor einigen Jahren aus rein dokumentarischen Gründen, aber als ich vor zwei Jahren wieder vorbeikam, da hatte es sich plötzlich verwandelt, war neu gestrichen, in großen Teilen restauriert und in eine Kunst- und eine Tanzschule verwandelt. Immer noch sind Arbeiter mit der weiteren Instandsetzung beschäftigt. Auch hier bewährt sich das Konzept der bepflanzten Patios, durch die hindurch man in das Innere des sehr großen Gebäudes tritt, das ein ganzes Quadrat einnimmt. Wieder, wie bei der Schule, faszinieren die umlaufenden Sonnen- und Schattenspiele in den Galerien im Zusammenhang mit den schönen Pflanzen im Mittelteil.

Es gibt noch erheblich mehr große Gebäude, die auf Caravati zurückgehen; so baute er außer der Kathedrale noch zwei andere große Kirchen, und vor allem gestaltete er den Cementerio, den städtischen Friedhof mit seiner prunkvollen, wie die Kathedrale rosa gestrichenen Eingangsfassade, die an gleichzeitige Bauten in Spanien und Italien erinnert. Hinter dieser Fassade stehen die alten Prunkgräber der großen Familien, die manchmal Pyramiden, Tempel oder kleine Kirchen im Miniformat darstellen. Die weniger gut Betuchten mussten und müssen sich mit einer hohen Mauer zufriedengeben, in der die einzelnen Gräber eingelassen sind, viele mit einem Plastikblumenstrauß, einem Bild des Verstorbenen und allerlei liebevollen Nippes, die an den Beruf oder an den Charakter des Toten erinnern soll. Dem Lastwagenfahrer etwa gibt man einen Spielzeuglaster mit auf den Weg. Derartige Gräber nennt man »nichos«, eine solche Mauer »la pared con nichos«. Oft befinden sich die Nichos in einem beschämenden Zustand und sind halb oder ganz verfallen. Dass der Friedhof im Schachbrettmuster angelegt wurde, versteht sich dabei wohl von selbst, und schon deshalb ist die Atmosphäre eine ganz andere als auf unseren eher parkähnlichen Friedhöfen.