Ausstellungsbesprechungen

Nolde in der Südsee. Sonderausstellung aus Anlass des 150. Geburtstages von Emil Nolde (1867 – 1956), Landesmuseum Schloss Gottorf Schleswig, bis 3. September 2017

2017 ist ein Nolde-Jahr, denn sein Geburtstag jährt sich zum 150. Mal – Anlass genug, um den bis heute populären Meister mit insgesamt acht Ausstellungen zu ehren. Ein besonderes Glanzlicht setzt dabei das Landesmuseum im Schleswiger Schloss Gottorf, das die Früchte von Noldes Südseereise 1914/15 präsentiert. Stefan Diebitz hat die schöne Ausstellung besucht.

1913 trat Emil Nolde zusammen mit seiner Frau Ada eine Reise an, von deren Abenteuerlichkeit wir Heutigen uns nur schwer eine Vorstellung machen können. Dreizehn Monate lang besuchte er als zahlendes Mitglied einer »Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition«, welche die Ursachen und Folgen einer verheerenden Epidemie untersuchen sollte, die abgelegenste aller deutschen Kolonien. Der Maler, der 1905 die Südseebilder Paul Gauguins in Weimar gesehen hatte, träumte seitdem von dem Besuch der Südsee und einer Begegnung mit einer unverfälschten Natur und urtümlichen Menschheit – jetzt ergriff er die Gelegenheit und schloss sich dieser Expedition an, die ihm die Last der Organisation abnahm.

Auf seiner Reise musste er lernen, dass es mit der Ursprünglichkeit der Menschen wie der Natur selbst in der Südsee nicht mehr gar so weit her war, sondern dass die europäische Zivilisation selbst dort alles, angefangen mit der Pflanzenwelt, überformt und verwandelt hatte. Insbesondere störte ihn der Anblick riesiger Palmenplantagen, welche die ursprüngliche Natur ersetzt hatten. Lässt sich seine Kritik daran tatsächlich als ökologisch und kulturkritisch qualifizieren – so klingt sie wirklich –, oder war sie vielleicht doch nur ästhetisch orientiert und eher sentimental? Ein Tourist stört sich daran, dass das ursprüngliche Bild zerstört ist?

Nolde arbeitete auf dieser Expedition wie rasend und schuf nicht allein gute zweihundertfünfzig niedliche Kreidepastelle als Skizzen, sondern zusätzlich eine Menge Aquarelle – davon viele Porträts der Eingeborenen, von denen es fünfzig in diese Ausstellung geschafft haben – und sogar 19 Ölgemälde, obwohl es angesichts einer schwülheißen Witterung sehr schwierig gewesen sein muss, diese zum Trocknen zu bringen.

Der Ertrag seiner Reise war also dank seines außerordentlichen Fleißes beachtlich, und entsprechend reich bestückt ist die Ausstellung mit ihren ungefähr 150 Arbeiten, die größtenteils in der Reithalle neben dem Schloss, zusätzlich noch in zwei Räumen der auf expressionistische Werke spezialisierten Sammlung Horn gezeigt wird. Die meisten Arbeiten in der Reithalle stammen aus Seebüll, also aus den erstaunlichen Beständen der Nolde-Stiftung.

Es ist nicht die ganze Reise, die in der Ausstellung dokumentiert wird, denn die Fahrt mit der Eisenbahn durch ganz Russland hindurch wie auch die Rückreise mit dem Schiff hinterließen keine Spuren im Werk. Aber schon in China fing Nolde an zu arbeiten – es finden sich drei Aquarelle, die sehr stark an die Aquarelle erinnern, die Nolde Jahre zuvor von Schleppern im Hamburger Hafen angefertigt hatte und die erst kürzlich in der Kunsthalle zu sehen waren. Manche dieser Hamburger Aquarelle erinnern an japanische Tuschezeichnungen, und angesichts der chinesischen Dschunken kann man Nolde nur eine ziemlich erstaunliche Nähe zu der Auffassung der ostasiatischen Künstler zubilligen. Und ein buntgetüpfelter Kutter in der Sammlung Horn kann zusätzlich demonstrieren, dass Nolde überhaupt ein besonderes Händchen für Schiffsdarstellungen aller Art besaß und stilistisch vielseitig begabt war. Nicht in jedem Fall waren seine Bilder Farborgien, aber manchmal eben doch.

In Neuguinea schuf Nolde eine riesige Anzahl von aquarellierten Porträts, von denen es einige auch auf Ölbilder schafften; ganz offensichtlich war er wirklich an den Individuen interessiert. Aus den Aufzeichnungen Emil und Ada Noldes weiß man aber, dass sein Interesse nicht immer gut aufgenommen wurde und er sich gelegentlich sogar mit einer vorsorglich entsicherten Pistole schützen musste, während seine Frau mit einer entsprechenden Bewaffnung hinter ihm stand, um ihm den Rücken freizuhalten.

Besonders schön sind natürlich die Ölbilder des Meeres, des Strandes und der Sonnenuntergänge mit ihren gewitterschwangeren, von einer tiefstehenden Sonne angeleuchteten Wolkengebirgen. Manche der Porträts in Öl sind dagegen dunkel – dunkle Gesichter auf dunklem Hintergrund – und oft ziemlich roh. Sie werden nicht jedem gefallen.

Der Rückweg fiel in die Zeit unmittelbar nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Der mit Nolde gleichaltrige Lyriker Max Dauthendey, der sich zu derselben Zeit in derselben Region aufhielt, musste deshalb einige Jahre in der Internierung in Indonesien verbringen, wo er schließlich sogar verstarb. Nolde hatte mehr Glück. Probleme deuteten sich erst im ägyptischen Port Saïd an, wo er sich auf den Rat des Kapitäns hin den Anschein eines Dänen gab – Nolde, in Dänemark geboren und mit einer Dänin verheiratet, sprach selbstverständlich Dänisch und konnte es so vermeiden, als Deutscher identifiziert zu werden. Aber das mit einem anderen Schiff vorausgeschickte Reisegepäck mit den Malutensilien und dem riesigen Material fand er bei seiner Ankunft in Deutschland verloren. 1921 allerdings durfte er zu seiner nicht geringen Überraschung nach Plymouth reisen und seine Kisten in einem Lagerhaus wieder in Empfang nehmen: Ein Glücksfall, ohne den es diese Ausstellung nie hätte geben können.

Es ist sehr schade, dass sich das Landesmuseum nicht zu einem richtigen Katalog entschließen konnte. Stattdessen wird ein allerdings hübsches Büchlein zur Ausstellung angeboten, in dem Christian Ring als Direktor der Stiftung Seebüll einige Bilder der Südseereise zusammengestellt hat und auch einiges über die Reise erzählt. Aber bereits die ethnologischen und politischen Aspekte der Reise hätten eine nähere Erforschung gerechtfertigt. Nolde erscheint in allen Zeugnissen als Sympathisant der »Urmenschen« (so nannte er sie wirklich!), der deren Lage vielleicht nicht in einem politisch korrekten Deutsch benannte, wohl aber verstanden hatte, dass die Grundlage ihrer Kultur vom europäischen Imperialismus zerstört wurde. War es aber tatsächlich mehr als eine sentimale Hinwendung zu den »Naturmenschen«? Später wurde Nolde zu einem Nationalsozialisten, so dass es nicht verkehrt sein kann, nach einem virulenten Rassismus zu fragen, der vielleicht hinter seinem Interesse stand. Es muss nicht so gewesen sein, aber es kann.

Und: Kannte er Max Dauthendey und wusste er um dessen Schicksal? Oder: Wie ernst darf man den dokumentarischen Charakter von Noldes Arbeiten nehmen, der in der Ausstellung immer wieder in Anspruch genommenm wird? Reiste mit Nolde wirklich ein Forscher in die Südsee, oder war es doch nur ein Künstler, den es nach Anregung und neuen Perspektiven verlangte? Diese und andere Fragen schreien nach einer seriösen Behandlung, und insofern ist es wirklich schade, dass kein großer Katalog mit wissenschaftlichen Aufsätzen zustande kam. Allerdings informiert Rings zweisprachiger Text in seinem Büchlein seriös und ausführlich über die Reise, über ihr Zustandekommen, die Arbeitsweise des Künstlers, eine Krankheit Noldes und endlich seine Rückreise.