Ausstellungsbesprechungen

Nolde in Hamburg, Hamburger Kunsthalle, bis 10. Februar 2016

So viele Ausstellungen sind es gar nicht, die man unbedingt gesehen haben muss. Diese aber schon, denn sie stellt nicht allein den künstlerischen Weg eines der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts dar, sondern erzählt zusätzlich, wie mühsam sich ein großes Haus der Moderne öffnete. Stefan Diebitz kann die Hamburger Nolde-Ausstellung nur wärmstens empfehlen.

»Nolde in Hamburg« hört sich stark nach Lokalpatriotimus an, aber Hamburg war tatsächlich ungemein wichtig für den gebürtigen Dänen Emil Nolde, der sich stets als Deutschen verstand. Nicht allein, weil Hamburg die für ihn nächste große Stadt mit bedeutenden Kunsthandlungen war, fühlte sich Nolde von der norddeutschen Metropole angezogen. Als er Februar / März 1910 seine erste Einzelausstellung in der renommierten Kunsthandlung Commeter hatte, wohnte er billig (und wohl auch herzlich schlecht und auf jeden Fall ziemlich kalt) in der Nähe des Hafens und arbeitete dort angestrengt. Jeden Tag zog es ihn hinaus, um teils von Land, teils aber auch auf dem Wasser zu zeichnen und zu radieren. »Es war«, schrieb er selbst, »ein Untertauchen des ganzen Menschen in Arbeit und Spannung. Die entstandenen Radierungen hatten Lärm und Toben, Rausch und Rauch und Leben. «

Nolde benutzte keinen Zeichenblock, sondern mitgebrachte, teils selbstgefertigte Einzelbögen verschiedenen Papiers – je nach den künstlerischen Notwendigkeiten und Absichten. Mal auf feinem, mal auf grobem, mal auf weißem, mal auf braun eingefärbtem Papier nimmt den Betrachter der Lärm, der Geruch und die schwere Arbeit eines industriellen Hafens gefangen – atmosphärisch dicht nicht allein wegen des fetten Qualms aus den Schornsteinen der Schlepper, den darzustellen der Maler offensichtlich liebte, sondern überhaupt wegen der Begegnung von Natur und Technik, von Wasser und Stahl, einem Aufeinandertreffen von elementarer Wucht.

Die reiche Ernte dieser Zeit zeigt der erste große Saal. Der Besucher findet dort keinesfalls immer dasselbe Bild, sondern ganz im Gegenteil eine erstaunliche künstlerische Vielfalt. Der Saal demonstriert Noldes breitgefächerte Interessen und Möglichkeiten, die von halb abstrakten, schwarzweißen Tuschezeichnungen – vor einem näheren Hinsehen erinnern sie an japanische Kalligrafie – über stimmungsvolle Radierungen und Aquarelle bis hin zu pastosen Ölgemälden reicht. Marinemalerei wird man nichts davon nennen wollen. Und dabei sind es wirklich sehr oft die gleichen Gegenstände, Dampfer oder auch Segelboote, aber sie werden fast jedes Mal in einem anderen Stil und mit einer anderen Technik, aber natürlich auch in einer anderen Situation eingefangen.

»In seinen Kompositionen«, schreibt Kuratorin Karin Schick im Katalog über Noldes Hafenbilder, verstand der Künstler »den Hafen als Architektur: Er folgte den Bögen der pfeilergestützten Brücken, den Mastenkreuzen aufgereihter Segelschiffe und schwelgte in den Vertikalen der wuchtigen Duckdalben, den in den Hafengrund eingerammten Holzpfählen, die dem Anlegen der Schiffe dienten.« Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt Anna Heinze in ihrem Beitrag über die Geschichte des Hafenbildes. »Noldes künstlerisches Prinzip ist die Abstraktion bei gleichzeitiger Monumentalisierung der Landschaft. « Lustigerweise lassen sich für beide Auffassungen zahlreiche Bestätigungen finden. Typisch für Nolde sind auf jeden Fall zusammen mit der leuchtenden, oft unkonventionell eingesetzten Farbe die Dynamik und elementare Wucht der Bilder, und zusätzlich ist es die Technik – natürlich besonders diejenige der Dampfmaschine –, die ihn künstlerisch fasziniert.

Fortsetzung von Seite 1

Den Hafen stellt der erste große Saal in den Mittelpunkt, und dann folgt die Zeit des Expressionismus. Hatte Lichtwark, damals Direktor der Hamburger Kunsthalle und enger Freund Max Liebermanns, trotz seiner Skepsis anfangs noch vier, insgesamt eher traditionell anmutende Arbeiten Noldes erworben, so ging er bald auf Distanz zu dem Künstler; einerseits sicherlich wegen dessen Frontstellung zu Liebermann, andererseits wegen seiner künstlerischen Radikalisierung. Er äußerte sich sogar ablehnend, als ihm Emil Nolde, der sich unbedingt in der Kunsthalle vertreten sehen wollte, Arbeiten als Geschenk anbot.

Die Ausstellung präsentiert etliche Zeugnisse dieser wüst-expressionistischen Epoche, unter anderem »Mann, Frau und Katze« von 1912 und als Höhepunkt die »Heilige Maria Aegyptiaca« aus demselben Jahr, eines seiner damals zahlreichen religiösen Bilder. Wahrscheinlich hat die provokative Roheit dieses Triptychons nicht nur zu seiner Entstehungszeit große Teile des Publikums abgeschreckt, sondern tut dies noch heute; und Lichtwark schon ohnehin. Und es ist wirklich nicht ganz sicher, dass die unerhörte Aggressivität einer solchen Malweise und ihre Nähe zur Karikatur in jedem Fall einen Fortschritt darstellen.

Wer darf schreiben »Seit mehr als achtzig Jahren bin ich ein Anhänger Noldes«? Auf dieser Welt wohl einzig und allein Helmut Schmidt, der als lebenslanger Verehrer des Künstlers dem Katalog ein kluges und abwägendes Geleitwort voranstellt. Auch er äußert sich über die religiösen Bilder eher ablehnend und bekennt, sie hätten ihn »nicht sonderlich berührt«, obwohl sie, wie er selbst hinzufügt, von vielen Kritikern als Noldes eigentliche Hauptwerke angesehen werden. Die Ausstellung zeigt noch mehr dieser Gemälde, die vor allem während des 1. Weltkrieges entstanden sind.

Für viele Freunde seiner Kunst ist Nolde ein in leuchtenden Farben schwelgender Blumenmaler, und Blumenbilder zeigt selbstverständlich auch diese Ausstellung. Aber einige seiner überzeugendsten Arbeiten sind Landschaften. Besonders hervorheben muss man hier einen dänischen Bauernhof unter einem ganz wunderbar weiten Himmel (»Hülltoft Hof« von 1932). Dazu kommen einige sehr schöne Porträts. Der weitaus größte Teil der Ausstellung wird ungefähr zu gleichen Teilen von der Kunsthalle und dem Nolde-Museum in Seebüll getragen; dazu kommen noch einige Leihgaben aus privater Hand.

Die insgesamt gut zweihundert Bilder umfassende Ausstellung ist eigentlich nicht allein Nolde, sondern zusätzlich auch der Hamburger Kunsthalle und ihrem Verhältnis zur Moderne gewidmet; zu jedem ihrer großen Direktoren jener Jahre – von Alfred Lichtwark bis hin zu Carl Georg Heise, der nach 1945 von Lübeck herüberkam, um bis 1955 die Kunsthalle zu leiten. Die Ausstellung erzählt die Geschichte dieser Beziehung zwischen der Kunsthalle und dem eigenwilligen Maler, und im Katalog wird sowohl der heutige als auch der ehemalige Bestand von Werken Emil Noldes dokumentiert. Die nicht immer einfache Beziehung zwischen Kunsthalle und dem Maler stellt ein umfangreicher Essay von Christian Ring und Karin Schick dar. Von Interesse sind zusätzlich Ute Haugs Katalogartikel über »Emil Nolde und die Galerie Commeter – eine Geschäftsbeziehung« sowie die Darstellung der Hamburger Sammlerschaft durch Astrid Becker.

Es ist schön, dass Helmut Schmidt die Schirmherrschaft für diese Ausstellung übernommen hat – er besitzt ein sehr persönliches Verhältnis zu dem großen Maler und hat dies ja auch wiederholt im Kanzleramt demonstriert, wo ein Gemälde Noldes den Kabinettssitzungen zuschaute. 1982 wurde dort sogar ein Nolde-Raum eingerichtet. In seinem Geleitwort zeigt Schmidt aber, dass er nicht etwa ein unkritischer Fan, sondern ein kenntnisreicher Liebhaber von Noldes Kunst ist. Er selbst spricht die »Deutschstunde« von Siegfried Lenz an (Schmidt sagt »Siggi«), der ja die Schwierigkeiten Noldes unter den Nazis anzusprechen scheint. Wir wissen aber längst, dass Nolde keinesfalls das antinazistische, von einem Dorfpolizisten getriezte Unschuldslamm war, als der er im Roman erscheint, sondern selbst nicht allein nationalistisch, sondern sogar direkt antisemitisch dachte, schrieb und handelte. So wird der große Roman von Lenz Noldes Jahren unter dem Nationalsozialismus keineswegs gerecht. Der Einfluss dieses Buches auf das Nolde-Verständnis muss groß sein, denn der Roman war nicht allein ein großer Bestseller, sondern wurde auch noch für das Fernsehen verfilmt – in einer für viele sehr beeindruckenden Weise. Auch hier kann die Ausstellung einiges geraderücken: Nolde war ein Genie, ein Engel aber war er leider nicht.